Marcel Wanders "Liebe ist die Seele des Designs"

Der Niederländer über die Innovationskraft von Lady Gaga, Design als Opernkomposition und Geschenke, die Herz und Hirn berühren

Interview von Evelyn Vogel

Seine Arbeiten sind schrill und skurril, poetisch und romantisch, humor- und phantasievoll. Er spielt mit Klischees und treibt diese mitunter auf die Spitze, beispielsweise wenn er für die Gestaltung eines Hotels in der Schweiz Schokolade, Alpengipfel und Banktresore als Motive verwendet. Der niederländische Designer Marcel Wanders ist in der Welt des Designs ein besonders auffälliger Paradiesvogel. Anlässlich der Munich Creative Business Week ist Wanders mit seinem Design-Label Moooi bis 21. März in den Neuen Werkstätten am Promenadeplatz zu Gast.

SZ: Sie haben mal gesagt: Ich möchte Dinge schaffen, die man rettet, wenn das Haus brennt. Was würden Sie retten, wenn Ihr Haus brennt?

Marcel Wanders: Ich hatte mal eine alte Ming-Vase, die 2000 Jahre lang oder so auf dem Meeresgrund gelegen hatte. Bei der dachte ich immer: Sollte mal das Haus in Flammen stehen, dann musst du die retten. In meiner Vorstellung sah ich mich vor meinem brennenden Haus stehen, mit dieser Vase in der Hand - und da fragte ich mich: War es das tatsächlich? Ernsthaft, ich glaube, es ist wichtiger die Kinder zu retten. Oder vielleicht noch alte Fotos, aber auch das ändern sich in Zeiten von Computer-Clouds.

Ihre Arbeiten sind auffällig, manche nennen sie schrill, andere sogar kitschig. Die New York Times nannte Sie die "Lady Gaga des Designs". Wie finden Sie das?

Was über mich geschrieben wird, damit muss ich leben. Was ich will ist, mit meinen Arbeiten den Menschen Geschenke machen, an denen sie sich erfreuen. Was auch immer man von Lady Gaga hält, sie hatte einen sehr individuellen und innovativen Einfluss auf die Pop-Musik, das war doch schon mal was.

Aber wollen Sie schrill sein?

Was ist "schrill"? Ich bin Designer. Würde ich Sachen machen, die Sie schon tausendfach gesehen haben, dann würde das doch keinen Sinn ergeben. Es muss neu sein, interessant. Es gibt viele Designer, deren Arbeiten stiller, reduzierter sind, aber brauchen wir davon noch mehr? Ich mache Dinge, die meiner Persönlichkeit entsprechen. Ich entwerfe Objekte, die ich für die schönsten Geschenke halte, die ich den Menschen machen kann.

Marcel Wanders: Arion vor dem Teppich Eden Queen.

(Foto: Valentina Zanobel)

Geschenke also . . .

. . . ja, schon als Kind gab es für mich nichts schöneres, als Geschenke zu machen. Wenn ich irgendetwas in einer Ecke der Wohnung gefunden habe, hab' ich es als Geschenk eingepackt und jemandem überreicht. Dabei habe ich zwei Dinge gelernt. Erstens, der Beschenkte muss den Atem anhalten, weil er sich denkt: Das ist genau das, was ich immer haben wollte. Und zweitens muss er spüren: Der Schenkende hat genau das und nichts anderes ausgesucht, weil es zu mir passt. Ein gutes Geschenk feiert die Beziehung zwischen zwei Menschen. Und mit meinem Design möchte ich genau das tun: Dinge entwerfen, die die Beziehung zwischen mir und meinem Publikum feiern. Ich will den Menschen zeigen, dass ich sie verstehe, dass ich sie mag, dass sie etwas von mir bekommen, das sie wirklich mögen und haben wollen. Man muss als Designer eine Meinung, eine Haltung haben, das ist wichtig. Und wir bei Moooi versuchen, einen einzigartigen Blick auf die Welt zu finden.

Sie haben ganze Wohnwelten geschaffen. Begnügen Sie sich da überhaupt noch damit, einzelne Produkte zu entwerfen? Und woran haben Sie mehr Spaß?

Die Komplexität eines ganzen Raumkonzepts ist interessant und faszinierend. Das hatte ich am Anfang so nicht erwartet. Wenn man ein Objekt entwirft, sucht man nach der einen perfekten Idee. Ein Raumkonzept zu entwerfen ist vergleichbar mit dem Komponieren einer Oper, wo man aus verschiedenen Instrumenten einen Gesamtklang schafft. Hier nimmt man einzelne Elemente und komponiert daraus ein Ganzes. Mit der Zeit habe ich erst erkannt, wie viele Dinge mich als Produktdesigner beeinflusst haben.

Inwiefern?

Die von mir entworfenen Arbeiten sind komplexer geworden. Ich habe verstanden, dass Produkte nicht nur singuläre Objekte sind, sondern mit ihrer Umgebung in Verbindung stehen. Die Objekte sind für mich ebenfalls zu komplexen Opernkompositionen geworden, die Geschichten erzählen. Vom Produktdesign zum Raumdesign war eine interessante Reise für mich.

Gibt es Materialien, mit denen Sie besonders gerne arbeiten?

Mit Gehirnmasse.

Wie bitte?

Ich will in den Verstand hineinbohren. Dort will ich meine Ideen verankern. Es ist egal, ob ich mit Holz, Stein oder Metall arbeite. Ein Stuhl oder ein Sessel wird niemals eine Rolle in Ihrem Leben spielen, wenn das Gefühl, das Sie haben, wenn Sie darauf sitzen, nicht in Ihrem Herzen und Ihrem Hirn ankommt. Es braucht die Information, dass es sich gut anfühlt, darauf zu sitzen. Für mich ist es wichtig, über die physische Präsenz eines Objekts hinaus zu denken.

Der niederländische Designer Marcel Wanders, Jahrgang 1963, hat in Holland und Belgien studiert. Berühmt wurde er 1996 mit seinem "Knotted Chair".

(Foto: Erwin Olaf)

Unterscheidet sich niederländisches von deutschem Design?

Design ist vor allem sehr international. Wenn Sie Design in einem modernistischen Kontext sehen, dann ist es um so globaler. Aber jedes Design ist auch persönlich, und jeder Designer vermittelt mit seiner Arbeit auch einen Teil seiner Kultur. Natürlich, je mehr wir uns global bewegen, desto mehr nehmen wir Einflüsse auf.

Sie sprechen im Zusammenhang mit Ihren Arbeiten gern von Liebe, Leidenschaft und Träumen. Wie sieht Ihr nächster großer Traum aus?

Im Design spielt Funktionalität eine große Rolle, ich würde sogar sagen, sie ist das Fundament. So wie ein Haus ein gutes Fundament braucht. Aber nicht das Fundament entscheidet darüber, ob man sich im eigenen Haus zu Hause fühlt. Bei vermutlich 95 Prozent aller Sitzmöbel stimmt das Fundament, und man sitzt gut darauf. Aber meist hat man nur ein einziges, das man auch liebt. Liebe ist die Seele des Designs.

Aber gibt es ein großes, nicht realisiertes Projekt, von dem Sie träumen?

Wenn ich etwas realisieren will, dann tue ich das und warte nicht auf einen Auftraggeber. Ein gutes Beispiel ist das Buch "Masters of the Golden Age" über holländische Meisterwerke des 17. Jahrhunderts im Rijksmuseum. Handschriften, Kalligrafien, exzellenter Druck, 35 Kilo schwer - ein fantastisches, handgearbeitetes Buch.

Hier ist ein überdimensionales Schaukelpferd zu sehen, ein Einhorn. Manche Ihrer Hotelzimmer-Entwürfe wirken wie Märchenwelten. Sind Sie ein großer Junge, der nicht erwachsen werden wollte?

Ich glaube, das Erwachsenwerden ist eine wunderbare Sache, um das Leben zu erforschen, auch wenn es nicht immer einfach ist, sich die kindliche Unbeschwertheit und das Vertrauen zu bewahren. Das Einhorn ist für mich eine Möglichkeit, die Menschen teilnehmen zu lassen an der Liebe und dem Spaß, die ich in meinem Leben hatte. Es ist schön, die Menschen lächeln zu sehen, wenn sie darauf sitzen. Sie sollten es versuchen.

Aber unbedingt.