Von Alex Rühle

"Ich kann doch nicht depressiv werden nur wegen Bush", sagt Manu Chao und legt ein buntes neues Album frappierend guter Laune vor. Ein Gespräch mit dem Mann, der für die junge Linke ist, was einst Bob Dylan für die Hippies war.

Erstens: Man hört sich Manu Chaos neues Album "La Radiolina" instinktiv laut an. Zweitens: Man muss dazu tanzen. Drittens: Man sollte es nicht im Auto hören, sonst rauscht man plötzlich ungewollt mit 190 Sachen über die Autobahn. Woher haben diese Songs ihre furiose Kraft? Liegt es daran, dass die 21 Titel auf "La Radiolina" selbst hintereinander wegrauschen, als hätte Manu Chao beim Aufnehmen Angst gehabt, dass sie nicht alle auf eine CD passen? An der frappierend guten Laune, mit der er seine Texte vorträgt? Weil es so nach bunter Werkstatt und feuerrotem Spielmobil klingt?

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Manu Chao bei einem Konzert in Budapest im August. Sein neues Album "La Radiolina" ist seit Freitag auf dem Markt. (© Foto: AP)

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Manu Chao sitzt im Münchner Hofgarten und versucht, "feuerrotes Spielmobil" zu sagen. Das klingt wie Roberto Benigni, wenn er in "Stranger Than Paradise" Englisch spricht - viele Vokale, wo gar keine hingehören. Ausgemergelt sieht Manu Chao aus. Und trotzdem glücklich. Weil er in der Nacht zuvor die letzten Songs für "Radiolina" abgemischt hat. Endlich fertig. Aber ja, foyererotese Espilemovile!

Er erzählt von einer Tournee durch Kolumbien, von den Favelas in Caracas, von Mali und Argentinien, von all den Reisen, auf denen er gelernt habe, dass die Leute, die die echten Probleme haben, sich meist ihren Humor bewahren. Und sagt: "Ich kann doch nicht depressiv werden nur wegen Bush. Je schlimmer es ist, desto mehr brauche ich den Optimismus."

Durchgeknallt in Buenos Aires

Demnach muss es ganz schlimm stehen um die Welt, in der Manu Chao zu Hause ist. Denn auf "La Radiolina" geht es laut zu, bunt, überfüllt, wie an einer Kreuzung im Feierabendverkehr: Es gibt Auffahrunfälle zwischen südamerikanischen Balladen und krachendem Rumba, ein Ska-Schlagzeug treibt einen bummelnden Reggae vor sich her.

"Ah", sagt er, als gerade die Sonne hinter der Theatinerkirche verschwindet, befragt nach seinem Vorbild Bob Marley und der Besonderheit des Reggae, "Reggae has this magic, medicinal groove", diesen magischen, heilenden Rhythmus. Genau, denkt man: heilend.

Die Texte sind ebenfalls polyglotte Collagen. Zuweilen vermengt Manu Chao in ein und demselben Song Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch, Englisch zu einer Art Globalisierungsneusprech.

Dazu kommt der Sound der Straße, Gelächter, Gequatsche, Radioschnipsel, und immer wieder Polizeisirenen, schnell geschnitten, krisselig, als habe sie jemand mit einer Handkamera auf einer Demo aufgenommen. Manchmal fließen im Hintergrund einige Melodienlinien aus einem der vorherigen Songs vorbei, wie aus einem Radio, mit dem man sich durch Weltfrequenzen schaltet.

Bono ist suspekt

Wer sich mal spätabends durchs Rauschen der Weltradiosender hört, kann weit hinten, in den Favelas von Buenos Aires, einen Jingle von Manu Chao entdecken: "Sie hören La Colifata LT22, live aus den Gärten der Nervenklinik José T. Borda." Seit 1991 machen die Patienten dieser Klinik ihr eigenes Radioprogramm, ein Arzt gründete den Sender, um, wie er sagte, "den Kranken eine Sprache zurückzugeben".

La Colifata, das heißt im Slang von Buenos Aires so viel wie durchgeknallt. Manu Chao hat in den vergangenen Jahren viel mit den Insassen dieser Klinik zusammengearbeitet. Drei der Bewohner der Klinik treten im Video zu "Rainin' in paradize" auf, der ersten Singleauskopplung der neuen CD.

Sie fahren mit Manu Chao mit einem Laster durch die Elendsgebiete der Welt, er singt dazu über den politischen Wahnsinn in Liberia, im Kongo, im Irak, reimt "democracy" auf "atrocity" (Greuel), und man weiß nicht, wer verrückter ist, die vier bizarren Bewohner dieses Lasters oder die Welt, das alte Narrenschiff.

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