Von Von Harald Hordych

Wenn Mann anfängt zu lesen, hat er oft schon verloren: Genau 20 Jahre nach ihrer Erfindung gibt es immer noch keine Anleitung für die T-Shirts mit Botschaft.

Wir Männer lesen immer das Kleingedruckte, das ist unser Los. Getreu der Logik der Versicherungs- und Gebrauchtwagenverträge lesen wir immer die Wörter, die man nur beim genauen Hinsehen entziffern kann. Es ist ein Zivilisationsreflex. Aber sich darauf zu berufen, hilft manchmal nichts. Dann nämlich, wenn die Worte auf T-Shirts stehen, die von Frauen getragen werden.

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Das ist noch vergleichsweise einfach zu erkennen - und Frau Feldbusch, Verzeihung, Pooth, lädt ja auch noch zum genauen Hinschauen ein. Glück gehabt. (© Foto: AP)

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Man ist kein Leser von Kleingedrucktem in diesem Moment, man ist ein Busenstarrer. Bloß nicht dafür rechtfertigen. Reden hilft nichts. Nur schweigen und weggucken. Vorher, nicht nachher.Das Problem: Es passiert einem trotzdem immer wieder, dass der Blick so lange auf einem Schriftzug auf Busenhöhe hängen bleibt, bis es schließlich jeder bemerkt hat, auch die Umstehenden, die noch einmal Davongekommenen, die den Vorteil haben, beispielsweise nicht genau gegenüber des Plakats der Oper "Madame Butterfly" zu stehen, im Gespräch meine ich.

Arena di Verona lässt sich noch prima im Vorübergehen lesen. Aber dieses winzige "19 Giugno 2004" darunter - das ist praktisch Blindenschrift, und außerdem schieben sich die Buchstaben in einer Senke zusammen, die sich malerisch zwischen zwei ansteigenden, tja, Hügeln emporzieht. Das ist das Problem: Der Text läuft genau über die beiden Erhebungen unter dem T-Shirt, besser vermag ich das nicht auszudrücken. Wer da anfängt zu lesen, der ist schon verloren. Der wird erwischt. Es ist peinlich, ein Glotzer zu sein. Wollen die Frauen das wirklich? Ich fürchte: ja.

Oder ist das zu voreilig? Lesen ist die Leiter der Kultur, und wir sollen uns darin üben, wann immer dafür Zeit ist, aber es ist bitter, welchen Preis wir dafür zahlen müssen. Den Preis entlarvt zu werden, als das, was wir sind: eben doch nur Männer. Und keinen Kubikzentimeter Gehirn mehr! Bislang waren die Mächte der Finsternis beherrschbar, wenn man sich an ein paar Prinzipien hielt. Sobald sich die Luft erwärmt und die leichte Bekleidung aus dem Schrank geholt werden kann, wächst die Herausforderung für den heterosexuellen Mann.

Man(n) sollte es lassen

Sie besteht darin, der Versuchung zu trotzen, unter dünnen T-Shirts sich deutlich abzeichnenden Brüsten seine Aufmerksamkeit zu schenken. Zumal, wenn sie erst einmal in eine schwingende Bewegung geraten. Man kann nichts dagegen machen, aber man sollte es trotzdem lassen. Aus Höflichkeit oder noch besser: aus Respekt.

Nun ist schon die Frage, was denn passiert, wenn wir das doch tun, so ein kleiner Blick, was soll der schaden, wem tut der denn weh? Warum, um Himmelswillen, war es immer schon ein ehernes Gebot des Stils, unsere Augen zu zügeln?

Um das Dilemma des modernen Mannes zu verstehen, ist es hilfreich, bei Adam und Eva anzufangen. Man braucht nur im 1. Buch Mose nachzulesen: Mann und Frau lebten nackt im Paradies, aber sie hatten kein Auge füreinander. Dann kam die Schlange, dann kam der Apfel, dann "wurden sie gewahr, dass sie nackt waren". Zu sehen, dass Evas Brust recht hübsch war, bedeutete aber für Adam, vereinfacht gesagt, umgehend Kain und Abel auf den Weg zu bringen. Lust ahoi. Ärger hallo. Paradies adieu. Erkennen und Verlangen sind also ein und dieselbe Sache. Das ist das Problem mit dem Glotzblick.

Er bringt unsere hübsch aufgeschichteten Zivilisations-Ebenen durcheinander, die mühsam errichtet wurden, um Frauen zu ermöglichen, ein unbedrängtes Leben jenseits der Gürtellinie zu führen. Geschäftsebene, Bekanntschaftsebene, Flirtebene, immer eins nach dem anderen, nur nicht nervös werden, Adam! Dieser Blick aber wischt das beiseite: Aha, alles am Platz, du Frau, ich Mann, wo Bett? Es ist dieser Blick des leicht instabilen Besamers, der die Dame am Hotelempfang zur Nackttänzerin und die Frau des Freundes zur FKK-Aktrice macht. Schlimm. Weit schlimmer aber ist, was der Blick aus uns macht.

Die Überlegenheit des homosexuellen Mannes

Kurz gesagt, gibt es keine Gelegenheit, bei der sich der Homosexuelle dem heterosexuellen Mann mehr überlegen fühlen darf, als dieser Augenblick. Wenn aus mehrschichtiger Wahrnehmung zwischen zwei Wimpernschlägen ein großer Tümpel glucksender Gier wird. Tja, es ist das alte Spiel, und nichts ist peinlicher, als beim Taxieren des erotischen Werts entlarvt zu werden. Dann folgt unvermeidlich das weibliche Gegenstück zum Glotzblick, nämlich der Vernichtungsblick: Mehr könnt ihr doch gar nicht! Selbst in einer gemischten Sauna ist es unmöglich, das Offensichtliche mit seinem Blick zu streifen. Nicht standfest die Ebene des Geistes der des Fleisches vorzuziehen: der Untergang des Abendlandes!

Vor genau zwanzig Jahren entdeckte die britische Designerin Katherine Hamnett das T-Shirt als Fläche für Slogans, zum Beispiel gegen atomare Aufrüstung. Dass die T-Shirts heute auch eine Botschaft übermitteln, ist klar; welche, ist nicht immer gleich deutlich. Was geschrieben steht, soll aber doch gelesen und verstanden werden, oder etwa nicht?

Mir fiel es irgendwann in der U-Bahn auf; oder war es in der Straßenbahn? War es in einer Kneipe? Im Büro? Ich dachte: Warum schaut mich denn diese Frau so an? Dann wurde mir klar, dass ich sie auch ansah, aber ein Stockwerk zu niedrig. Da wollte ich im Erdboden verschwinden. Und dann fiel mir auf, dass ich bloß den Text auf ihren Brüsten zu Ende gelesen hatte.

Ich lese Bücher, die ich anfange zu lesen, immer zu Ende. Das gehört sich ja so.

Manchmal prangt nur ein einziges Wort über den Höhenzügen, und der Mann von Welt erweist sich als flinker Leser: München. Schlampe. Puma. Gut, schaffen wir schon. Letztens aber stand ich eine Minute vor meiner Frau und dachte: Brauchen andere Männer auch so lange, um dieses T-Shirt zu verstehen, zumal es auch noch in Englisch beschriftet wurde? Gibt es keine Litfasssäulen für sowas, könnten die nicht einfach auch Brüste haben? Dann wären doch alle zufrieden.

Die meisten Nachrichten von heute haben übrigens mit dem Busen ihrer Transporteurinnen überhaupt nichts zu tun. Irgendwelcher Quatsch. Ich habe auch überlegt, ob es eine Initiative der Kultusministerkonferenz ist, um mehr von den nur wahlweise Fernsehen oder Brüste glotzenden Männer wieder ans Lesen zu bringen. Schöne Vorstellung.

Ach ja, ein T-Shirt habe ich gesehen, da stand drauf: Ich habe auch einen Kopf über den Brüsten. Das hat mir bislang eigentlich am besten gefallen. Ich habe mir den Satz gleich mehrfach aufmerksam durchgelesen.

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(SZ am Wochenende vom 18./19.9.2004)