Maike Cruse Klein, aber fein

Die Direktorin der Messe ABC und des Gallery Weekends will den Kunststandort Berlin mit ihren Veranstaltungen stärker machen - auch wenn die Politik ihr Steine in den Weg legt.

Interview von Kito Nedo

Maike Cruse ist seit 2012 Direktorin der Kunstmesse ABC und seit 2013 auch Direktorin des Gallery Weekends. Die Messe wurde 2008 aus der Berliner Galerienszene heraus als alternative Überblicksschau für Gegenwartskunst gegründet.

SZ: Dieses Jahr nehmen 63 Galerien an der ABC teil. Im vergangenen Jahr waren es noch 105.

Woran liegt das? Maike Cruse: Wir wollen eine konzentrierte Präsentation zeigen und damit die Qualität noch einmal erhöhen. Deshalb haben wir bevorzugt Galerien ausgewählt, welche Werke vorgeschlagen haben, die sich besonders für die Präsentation eignen. Vor allem aber haben wir Arbeiten gesucht, die speziell für die ABC entstanden sind. Durch die Konzentration auf eine Halle konnten wir zudem Mietkosten senken.

Böse Zungen sprechen von einer "Schrumpfkur". Hat die ABC ökonomische Probleme?

Die Gründe für die Verkleinerung sind vor allem inhaltlicher Art. Schrumpfen bedeutet auch weniger Einnahmen, da wir uns über die Teilnahmegebühren finanzieren - zugunsten der Qualität. Es ist schwierig, eine solche Messe ohne finanzielle Unterstützung zu organisieren. Gallery Weekend und ABC sind private Veranstaltungen. Wir werden weder von einer Messegesellschaft noch von der Stadt getragen. Die meisten anderen lokalen Messen in Europa werden subventioniert. Nicht nur die Qualität der Berliner Galerien ist einzigartig, auch ihr Zusammenhalt.

Sie kehren wieder zum Prinzip des "Club der wenigen" aus der ABC-Frühzeit zurück. Welchen Effekt erhoffen Sie sich?

Besucher und Galeristen wünschen sich eine Gesamtpräsentation, die eher einem Salon gleicht als einer Großveranstaltung. Fast alle großen Messen haben sich in den letzten Jahren verkleinert. Und allen hat das gutgetan. Durch das Bewerbungsverfahren, das wir im vergangenen Jahr eingeführt haben, sind einige neue Galerien hinzugekommen, die wir sonst vermutlich nicht gefunden hätten. Es geht vorrangig um die Qualität der Kunst und erst in zweiter Linie um die Galerie-Netzwerke.

Sie sind auch Direktorin des Gallery Weekends . Wie klappt die Balance zwischen beiden Veranstaltungen?

Gallery Weekend und ABC sind sehr unterschiedliche Projekte. Beim Gallery Weekend zeigen die Galerien ihre wichtigste Ausstellung des Jahres. Die Idee der ABC ist es, einen jüngeren neuen Künstler in dieser gemeinsamen Ausstellung zu präsentieren.

Als Sie 2013 die ABC übernahmen, wollten Sie die Messe als Plattform für jüngere, weniger etablierte Galerien ausbauen. Gilt das noch?

Ein Daseinszweck der ABC ist es, den Berliner Kunstmarkt weiterzuentwickeln. Davon sollen vor allem junge Galerien profitieren. Dafür übernehmen die etablierten Galerien mit ihrem Engagement für die ABC die Verantwortung. Es ist richtig: Viele junge Galerien können sich die Teilnahme an der ABC nicht leisten. Der Kunstmarkt in Berlin ist - verglichen mit der Schweiz, London oder New York - nach wie vor schwach, auch wenn es hier immer mehr Sammler gibt. Und die Lage ist durch politische Entscheidungen wie die Abschaffung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes für Kunst und die Erhöhung der Künstlersozialabgabe in der letzten Zeit noch schwieriger geworden. Für Sammler ist es oft günstiger, eine gleichwertige Arbeit eines Künstlers in London oder Paris zu kaufen. Auch das neue Kulturschutzgesetz wird sich negativ auswirken.

Warum ist ein florierendes Galeriewesen so wichtig?

Geht es den Galerien schlecht, leidet auch die künstlerische Produktion. Galeristen sind die Partner der Künstler. Ohne sie geht es nicht. Galeristen brauchen extrem viel Kraft und Durchhaltevermögen, um auf einen grünen Zweig zu kommen. Durch die Auktionsrekorde ist in der Öffentlichkeit ein Zerrbild des Kunstmarktes entstanden. Wenn man nun politisch Dinge tut, um den Galerien das Leben noch schwerer zu machen, erschwert man es eben auch den Künstlern.

Maike Cruse will die Kunststadt Berlin fördern.

(Foto: abc)

Ist die ABC womöglich zu experimentell im Kontext des schwächelnden Berliner Kunstmarktes?

Berlin braucht keine klassische Kunstmesse, weil es international davon sowieso zu viele gibt, und weil Berlin ganz anders funktioniert. Berlin ist die Stadt der Künstler, des Diskurses und eben auch der Galerien - aber nicht des Marktes. Berlin braucht daher Veranstaltungen wie die ABC, damit die internationale Kunstszene an bestimmten Terminen geballt in die Stadt kommt. Der internationale Erfolg Berlins als Zentrum der Gegenwartskunst ist eng verknüpft mit dem stetigen Zuzug von Künstlern und Kuratoren, der die Stadt eben auch für Galerien attraktiv macht.

Die Stadt hat gerade drei Galerien verloren: Die Dresdner Gebr. Lehmann gaben ihre Berliner Dependance auf, ebenso wie der Michael-Werner-Ableger VeneKlasen/Werner. Croy Nielsen zieht nach Wien. Ist Berlin nicht länger der große Abenteuerspielplatz der Kunst?

Ich hoffe nicht. Es gibt weiterhin unglaublich gute Galerien in der Stadt, die hoffentlich auch bleiben. Deswegen sind ABC und das Gallery Weekend so wichtig, weil sie den Standort stärken. Wenn die größeren Galerien etwa für die ABC spezielle Großprojekte produzieren und sie so zu einer erstklassigen Veranstaltung machen, dann investieren sie indirekt auch in den Berliner Standort.

Wie wollen Sie die ABC zukünftig ausrichten?

Das bewährte System der Einzelpositionen wollen wir unbedingt beibehalten. Schön wäre mehr Unterstützung durch die Politik. Wir arbeiten weiter daran, dass der Verbund mit der Stadt und den Kunst-Institutionen noch besser funktioniert. Da bin ich sehr optimistisch.

ABC Art Berlin Contemporary, 15. bis 18. September 2016. www.artberlincontemporary.com