Mahnung eines besorgten Kritikers: Der Niedergang Bayreuths kann nur mit Hilfe einer weniger populistischen, unpopulären, asketischen Wende aufgehalten werden.
Seit dem Rücktritt Wolfgang Wagners scheint alle Welt sich darüber klar zu sein, dass eine Modernisierung, eine eventhafte Öffnung, eine lebendige Erneuerung der Festspiele unbedingt nötig sei.
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In der Montagausgabe wurden in der SZ zehn Prominente und deren Meinungen über die Nachfolge am Grünen Hügel zitiert - und bis auf zwei vernünftige Antworten schienen die meisten Auskunftgeber der Ansicht zu sein, bei der Zukunft des Grünen Hügels komme es hauptsächlich darauf an, mit den Bedürfnissen jüngerer Leute konform zu gehen, neue Wege zu suchen. Also beispielsweise Bayreuth auch mal mit den Wunsiedler Festspielen zu vermählen und Weihrauch und Säulenheiligkeit zu verschmähen.
Der Landeschef der Linken äußerte sich noch forscher. Zwar seien die Linken nicht grundsätzlich gegen Hochkultur (was unsereiner dankbar zur Kenntnis nimmt), aber bei dem Zickenkrieg Nike gegen Katharina müsse man geradezu überlegen, ob dergleichen überhaupt subventioniert werden soll.
Der Leiter der Dingolfinger Musikschule bot schließlich erfreulich prägnante Einzelvorschläge: Warum nicht Wagner poppig präsentieren oder die Werke in gekürzter Fassung zeigen?
Künstlerischer Abstieg
Wer Wagners Tondramen liebt und ein wenig kennt, wer ermessen hat, dass ihre künstlerische, seelische und politische Substanz zum Größten gehört, was das 19. Jahrhundert schuf, dem drängen sich ganz andere Vorschläge, schrecklich reaktionäre Ermahnungen auf.
Wolfgang Wagner war ein genialischer Theaterleiter, bis er sich dazu bewegen ließ oder gespürt hat, dass man auch mit Event-Veranstaltungen prächtige Erfolge einheimsen kann. Daher nach 1993 Bayreuths künstlerischer Abstieg.
Aufgehalten werden kann dieser Niedergang nur mit Hilfe einer weniger populistischen, unpopulären, asketischen Wende! Bayreuth muss auf verzweifelte Suche nach Wagner-Interpreten gehen, die große Werke gewiss phantasievoll verlebendigen wollen, aber nicht willkürlich thematisch umfunktionieren, wie es zum Beispiel Katharina tat, als sie die Meistersinger in Meistermaler verwandelte.
Bayreuth braucht Regisseure, die ein Arbeitsethos aufbringen wie einst Harry Kupfer, Jean-Pierre Ponnelle oder wie in unserer Gegenwart Dieter Dorn, Otto Schenk, Andrea Breth.
Die Kraft der Leidenschaft
Mir ist nur zu klar: Einige der Genannten sind bereits tot, andere beklemmend alt. Doch dass solche Namen, solche Bestrebungen immerhin noch existent sind, dass es Regisseure gibt, die nicht von der wohlfeilen Möglichkeit Gebrauch machen, als neuer Autor in ein Kunstwerk einzubrechen, statt ihm als helfender Interpret zu dienen, alles das lässt sehr wohl den Schluss zu, solche Figuren müssten durchaus noch verfügbar, auffindbar sein. Vielleicht mehr anderswo - in Frankreich, Russland, Amerika - als im sich ästhetisch so gern extrem positionierenden Deutschland.
Es erfordert viel innere Anspannung, einem sechsstündigen Wagnerschen Tondrama gerecht zu werden. Vorbereitung und Konzentration sind nötig, Durststrecken in Kauf zu nehmen. Dass seit 1951 bis heute alle Bayreuth-Sitze zehnmal hätten verkauft werden können, bezeugt die Kraft der Wagner-Passion.
(SZ vom 02.09.2008/pak)
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