Mahnmal Les Milles in Frankreich Wo der Widerstand geholfen hat

Zwischen Wissenschaft und politischem Engagement: An diesem Montag wird in Frankreich das ehemalige Internierungslager Les Milles als Mahnmal gegen Diskriminierung und Menschenverfolgung eröffnet. Doch die Aktualisierung von Geschichte stößt hier an ihre Grenzen.

Von Joseph Hanimann

Im Brennspiegel des Internierungslagers Les Milles frisst die Geschichte ein Loch ins Bild der République. Wahrscheinlich war deshalb die Herrichtung dieses Orts zur Gedenkstätte so langwierig. Als Jacques Chirac 1995 als erster französischer Präsident die Politik des État français unter Pétain in die Kontinuität der Dritten Republik stellte, war die Bemühung um dieses einzige noch erhaltene unter Frankreichs großen Internierungslagern schon seit zwölf Jahren im Gang. Es sollte dann weitere 17 Jahre dauern. Nun ist es so weit. An diesem Montag wird im Beisein des Premierministers Jean-Marc Ayrault das Camp des Milles als Mahnmal gegen Diskriminierung und Menschenverfolgung eröffnet. Die Aufarbeitung von Vichy geht weiter voran. In zwei Wochen soll auch im Pariser Vorort Drancy, wo einst die Züge nach Auschwitz abfuhren, ein vom Schweizer Architekturbüro Diener & Diener entworfenes Mahnmal als Außenstelle des Pariser Mémorial de la Shoah eröffnet werden.

Ein Wagen, der während des Zweiten Weltkrieges für die Deportation von Juden benutzt wurde, fotografiert im Juli 2012 auf dem Gelände von Les Milles.

(Foto: AFP)

Die Bedeutung des Camp des Milles bei Aix-en-Provence liegt in der Komplexheit seiner Geschichte. Es war nicht nur ein Durchgangsort für die Juden vor dem Abtransport nach Drancy, sondern diente seit September 1939 schon in der Dritten Republik als Internierungslager. Nach Kriegsausbruch galt in Frankreich Meldepflicht für Männer aus Deutschland und dessen Bündnisstaaten. In der Mehrzahl waren das überzeugte Antifaschisten. Dennoch wurden viele von ihnen zeitweise interniert.

In der ehemaligen Ziegelfabrik von Les Milles kamen besonders viele Künstler und Intellektuelle zusammen, teilweise aus dem südfranzösischen Exilantenort Sanary-sur-Mer. Die Maler Max Ernst und Hans Bellmer, die Schriftsteller Lion Feuchtwanger, Walter Hasenclever, Franz Hessel, Golo Mann, Alfred Kantorowicz, Theaterleute, Musiker, Architekten, Wissenschaftler wie Otto Meyerhof, Nobelpreisträger für Medizin, waren unter ihnen. Die Erfahrungen dieser Internierungszeit mit ihrer Mischung aus Hunger, Gedränge, Hitze und Kälte, Krankheit, Langeweile, Angst und überall Staub sind in Zeichnungen und Texten sowie in zahlreichen Mauerinschriften am Ort festgehalten worden.

"Wie viel Prozent Hoffnung geben Sie uns?"

Mit improvisierten Konzerten, Theateraufführungen und Vorträgen versuchten die Häftlinge sich abzulenken. Die meisten mühten sich mit allen Mitteln ab, die nötigen Ausreisepapiere von Marseille nach Amerika zu bekommen, wie Anna Seghers im Roman "Transit" es später beschrieb. "Heben Sie ein wenig unsere Stimmung, wir sind alle ganz down" - so wurde Feuchtwanger laut seinem Erinnerungsbuch "Der Teufel in Frankreich" bei seiner Ankunft in Les Milles begrüßt. "Ja, lieber Feuchtwanger, wir brauchen Mut heute", legte Hasenclever nach, "wie viel Prozent Hoffnung geben Sie uns?" Die Hoffnung hat den verzweifelten Hasenclever dann nicht mehr retten können. Im Juni 1940 nahm er sich aus Angst vor dem Vorrücken der Deutschen im Lager von Les Milles das Leben. Berühmtheit erlangte im allgemeinen Chaos nach der französischen Kapitulation auch ein aus dem Lager auslaufender "Geisterzug" mit zweitausend Häftlingen, der fünf Tage lang ziellos durch Südfrankreich irrte und dann in einem Zeltlager bei Nîmes endete.

Unter Pétain wurden die kleineren französischen Internierungslager geschlossen und die Insassen in sieben große Lager vorab für Oppositionelle und ausländische Juden zusammengefasst. Les Milles gehörte neben Gurs und Le Vernet dazu. Im August und September 1942 wurde Les Milles schließlich Sammellager für die jüdische Deportation. Zweitausend Männer, Frauen und Kinder brachen von dort nach Drancy und Rivesaltes und weiter in die nationalsozialistischen Vernichtungslager auf. In vorauseilendem Gehorsam hatte die Regierung Laval den deutschen Behörden angeboten, auch Minderjährige unter 16 Jahren auszuliefern. Dies alles geschah vor der deutschen Besetzung der Südzone im November 1942, nach der das Lager geschlossen und als Munitionslager für die Wehrmacht genutzt wurde.