Männlichkeit in der Krise Geilheit! Diese ständige Geilheit!

Rettet Faber (ganz links) den deutschen Pop vor der Kuscheligkeit von Bendzko, Schweighöfer und Poisel (v.l.n.r.)?

(Foto: Fabien J.R. Raclet; dpa(2); Christoph Koestlin; Bearbeitung SZ)

Schweighöfer, Bendzko, Poisel. Über den deutschen Kuschelpop-Mann wird gerade viel gelacht. Faber ist anders. Er singt von Nutten, Selbstbefriedigung und Sexvideos. Ist das besser?

Reportage von Julian Dörr

Brüste. Beine. Arsch. Gesicht. Nein, nein, so geht das nicht. Man muss das wie ein einziges Wort lesen: Brüstebeinearschgesicht. So klingt das nämlich, wenn Faber diese Worte ineinander verschlungen ins Mikrofon lechzt. "Wenn du einsam bist, schauen alle Mädchen besser aus. Und du schaust, du starrst, Brüstebeinearschgesicht." Man muss sich Fabers "Brüstebeinearschgesicht" in seinem Vierklang als Gegenstück zu Böhmermanns "Menschen Leben Tanzen Welt" denken, dem Schimpansen-Song, mit dem der Satiriker vor ein paar Wochen den industriell gefertigten deutschen Keimfrei-Pop vorgeführt hat. Dann entfaltet er seine wahre Kraft.

Männlichkeit in der Krise - ein Schwerpunkt

Dem Mann geht es nicht gut. Heißt es gerade immer wieder. Man gibt ihm die Schuld an allem, was schief läuft in der Welt. Sexismus, Gewalt, Populismus. Was ist los mit dir, Mann? Zeit für eine Inspektion.

Jim Pandzko, so heißt Böhmermanns Alter Ego für seinen Song, ist so etwas wie der Zusammenschnitt aller wuschelhaarigen Wohlfühl-Männlein der deutschsprachigen Pop-Musik. Schweighöferbendzkogiesingerpoisel. Über die kuschelige Menschelei ihrer Texte amüsiert sich nicht nur das Studiopublikum im Neo Magazin Royale. Der deutsche Pop-Mann, er will nicht weiter auffallen. Er lacht, er weint, er tanzt. Er ist einer von 80 Millionen. Und dann gibt es da nun diesen Faber, 23 Jahre alt, Schweizer, bürgerlich: Julian Pollina. Und der will es einem so richtig besorgen.

Ist das der Männerrollen-Backlash? Oder die Rettung des deutschen Pops?

Schon die erste Vorab-Single seines ersten Albums hat eine kleine Sexismus-Debatte losgetreten. Zu flüchtigen Gitarrentönen raunt Faber da einer Verflossenen hinterher: "Warum, du Nutte, träumst du nicht von mir?" Hat das bleiche Bürschchen mit dem halblangen Dichter-und-Denker-Mantel da gerade "Nutte" gesagt? Was im Gangsterrap zur Amtssprache gehört, ist in der Musik, in der sich Faber bewegt, immer noch ein kleiner Schock. Gleich mit seiner ersten Single-Auskopplung "Sei ein Faber im Wind" hat es der junge Schweizer also zu einem Aufschrei gebracht.

Die einen schimpfen Faber einen Sexisten. Die anderen feiern ihn als humanistischen Proll. Ist Faber also der machistische Männerrollen-Backlash? Oder die Rettung des in harmonischer Belanglosigkeit verseichteten deutschen Pops? Dazu ein paar Auszüge aus dem Faber-Song "Wem du's heute kannst besorgen":

Bist zwar nicht schlauer als ein Schaf [...], kann ich bitte deine tits sehen?

Zieh dich aus, du kleine Maus!

Du bist zwar erst 16 - ach komm, wir drehen Sexszenen...

Reicht? Gäbe noch mehr. "Ich glaub' ich spinn', wenn ich dich heute Nacht nicht...hsszzzz" - an dieser Stelle zieht der junge Mann ganz geräuschvoll die Luft durch die Zähne, als würde er all die angestaute Lust zurück in seine Eingeweide pressen wollen. Überhaupt pulsiert in Fabers Texten die ständige Geilheit eines besoffenen Erstsemesterstudenten, der mit Leonard Cohen auf den iPhone-Kopfhörern durch die Nacht torkelt. Melancholische Potenz. Man schaue sich nur das Video zur eingangs erwähnten Single "Sei ein Faber im Wind" an. Vier Minuten lang hält die Kamera ganz statisch auf die Rücken von ein paar jungen Frauen, die ein Gemälde betrachten, während Faber fleht und poltert. Beine, Ärsche und die Geburt der Venus von Botticelli.

Neben Lyrik und Bildern gibt es bei Faber natürlich auch noch Musik. Und die ist ohne Zweifel gut gemacht. Hier schunkeln melancholische Balkan-Bläser, da klimpert ein räudiges Honky-Tonk-Piano wie aus dem Western-Saloon - der ja immer auch Bordell ist. Akustik-Punk für Mädchen haben Faber und seine Band das selbst einmal genannt. Mehr aus Verlegenheit denn aus Überzeugung. Der Begriff blieb trotzdem hängen. Und dann ist da noch diese Stimme. Diese Stimme, die sich wie gegen einen inneren Widerstand aus Fabers Kehle hievt und presst. Eine alte Stimme, dreckig, zerschossen, zerrissen. Irgendwie echt. Echt? Das verlangt nach der Anschlussfrage: Wie ist denn nun der echte Faber? Also Julian Pollina?

Seit Jahren wird nun über den verweichlichten Pop-Mann gelästert

Samstagnachmittag vor einer großen Münchner Konzerthalle. Am Abend wird Faber hier der Headliner eines Festivals sein, das von einem regionalen Radiosender präsentiert wird. Jetzt tritt Julian Pollina gerade mit frisch gewaschenen Haaren in die dafür vielleicht tatsächlich noch etwas zu frische Frühlingsluft. Er fischt sich schnell noch vier Zigaretten aus der Schachtel seines Bandkollegen, raunt etwas auf Schwiizerdütsch, dann geht es in den Biergarten. Von den vier gefischten Zigaretten wird er in der nächsten halben Stunde drei rauchen.

Frauen als Nutten zu bezeichnen, ist das sexistisch? "Sorry, ich seh das halt null so", sagt Pollina. Kurze Pause. "Also gar nicht. Fuck ey, natürlich sag ich Nutte. Und ich sag auch Hurensohn. Ich mein damit nicht, dass deine Mutter eine Hure war. Das ist für mich ein Schimpfwort. Ich weiß nicht, ob man das so sagen darf. Aber eigentlich ist mir das total egal." Ist es das? Ist "Nutte" unsexistisch zu meinen nicht ein bisschen wie "Neger" zu sagen und kein Rassist sein zu wollen?

Und wie sieht es damit aus, den Intellekt einer Frau mit dem eines Schafes zu vergleichen? "Das find ich einfach eine gute Zeile!", schießt es aus Pollina heraus. Ob er sich denn vorstellen könne, dass es Frauen gäbe, die das nicht so lustig fänden? Zug an der Zigarette, Augenkneifen. "Meinst du?"

Das ist ja das Pop-Dilemma: Seit Jahren wird nun über den verweichlichten Pop-Mann gelästert. Über den Rapper, der seine eigene Männlichkeit hinterfragt. Über den sensiblen Singer-Songwriter, der seine Gefühle offenbart. Über den Leierklampfenmann, den der Weltschmerz erdrückt. "Man up!" hat man ihm zugerufen. Und sich gleichzeitig gefragt: Wo sind eigentlich die echten Männer geblieben? Und was heißt das überhaupt? Müssen echte Männer "Nutte" sagen?