Wenn die Wirklichkeit nicht täuscht, dann ist die Lage heute - lange nach Shakespeare, nach Schiller, selbst nach den entsetzlichen Schulgeschichten von Robert Musil bis Friedrich Torberg - mehr denn je zum Verzweifeln.

Anzeige

Die Buben bleiben von äußeren und innerlichen Erlebnissen verschont, wie sie frühere Generationen in Schlachten von den Befreiungskriegen bis Langemarck suchten, aber was haben sie sonst?

Arbeitslager, Wehrsportgruppen und andere Zwangsmaßnahmen

Es hilft ihnen niemand auf dieser Welt. Arbeitslager, Wehrsportgruppen und andere Zwangsmaßnahmen sind erfreulicherweise aus der Mode gekommen, und selbst im rückständigsten Internat regieren keine sadistischen Erzieher mehr, sondern verständnisvolle Pädagogen, deren selbstloser Einsatz mit heimlichen Alkoholexzessen und früher Drogensucht entgolten wird.

Fast rührend wirken von heut' aus die Leiden, die der Knabe Anton Reiser in Karl Philipp Moritz' gleichnamigem "psychologischen Roman" ertragen musste. Weil seine Eltern das Geld zum Studium nicht haben, wird der Sohn zum Kostgänger bei fremden Leuten. Jeden Tag wird er bei einer anderen Familie zum Essen eingeladen, und "jeder ihrer Blicke vergiftete Reisern den Bissen, den er in den Mund steckte".

Der allgemeine Wohlstand weiß nichts mehr von solchen Qualen, dafür wissen seine Nutznießer umso mehr über Markennamen und technische Details von Elektronica, ohne die ein Schulbesuch in Deutschland nicht mehr möglich ist - und welche Qualen die Knaben leiden, wenn sie nicht haben, was alle haben! Ganz wie die Großen im Golf- und Tennisclub wird um Fahrräder, Handys, Computer und iPods konkurrenziert, als gelte es die ewige Seligkeit.

Gefahren der Sexualität

Der katholische Romantiker Eichendorff meinte seinerzeit die nachwachsende Jugend noch vor den Gefahren der Sexualität warnen zu müssen, wenn er von der unstillbaren Sehnsucht erzählte, wie sie die heidnische Göttin Venus zu wecken versteht: "Aus der erschrecklichen Stille des Grabes heißt sie das Andenken an die irdische Lust jeden Frühling immer wieder in die grüne Einsamkeit ihres verfallenen Hauses heraufsteigen und durch teuflisches Blendwerk die alte Verführung üben an jungen sorglosen Gemütern, die dann vom Leben abgeschieden, und doch auch nicht aufgenommen in den Frieden der Toten, zwischen wilder Lust und schrecklicher Reue, an Leib und Seele verloren, umherirren, und in der entsetzlichsten Täuschung sich selber verzehren." Das alte Marmorbild, mit dem Eichendorff drohte, ist längst gestürzt, aber liefert er nicht eine recht realistische Beschreibung jener armen Jungs, die sich auf LAN-Partys treffen und nicht etwa nach dem großbrüstigen Mädchen in der Nachbarklasse, sondern nach "World of Warcraft" lechzen? Sie sind an Leib und Seele verloren und irren wie Untote über ihre Schlachtfelder.

Kann also jemand unglücklicher sein als der junge Mann? In seinen letzten Jahren wurde der strenge Sigmund Freud strenger denn je: "Man möchte sagen", formulierte er schließlich 1930 im Unbehagen in der Kultur, "die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten."

Hamlet, der unglückliche Prinz, vaterlos und ohne Mutter, scheitert am Treiben dieser Welt. Trost hat er keinen für die, die fühlen wie er.

So bleibt nicht mehr als der Satz, mit dem Fritz Langs Film "M" (1931) endet. Der Satz lautet schlicht: "Wir müssen besser auf unsere Kinder aufpassen!"

Sie sind jetzt auf Seite 4 von 4

  1. Was vom Manne übrigblieb
  2. Schulpflicht, Gruppendruck, Familienzwang
  3. "Frau Klums Schlampenfernsehen"
  4. Sie lesen jetzt Verführung üben an jungen sorglosen Gemütern
Leser empfehlen 

(SZaW vom 04./05.04.2009/irup)