Madonna-Konzert in Berlin Wenn da Musik wäre

Zwischen Verzweiflung und Mutti Madonnas Rockschößen: Der beste Ort, um das Halbfinale Deutschland gegen Italien zu überleben, war der Auftritt von Madonna in Berlin. Ein Konzertbesuch unter denkbar unglücklichen Umständen.

Von Peter Richter

Am Morgen im Soho House war noch alles in Ordnung. Das Soho House ist ein Jugendclub mit Hotelzimmern, oder umgekehrt, jedenfalls muss man Mitglied sein und darf keine Krawatte tragen, dann kann man von der Dachterrasse aus auf eine mehrere Quadratkilometer große Kreuzung voller Baustellen schauen. Die Gäste und das Personal sehen alle aus wie der frühe Morrissey, sogar die Frauen; und eingerichtet ist es so, wie sich Erwachsene vorstellen, dass sich Kinder vorstellen, dass Erwachsene . . . - also: absurd große Ohrenlehnsofas, in denen tagein und tagaus aus Jil-Sander-Anzeigen entstiegene Medienmodels herumlungern wie in der Spiel- und Bastelecke vom Karstadt.

Es ist, vermutlich, logisch, dass die Popsängerin Madonna in Berlin ausschließlich hier Quartier nehmen konnte. Es stimmt aber nicht, was die Berliner Boulevardzeitungen behaupten: Dass sie alle Fitnessgeräte aus dem Gymnastikraum in ihr Zimmer verschleppt habe und wegen ihr das Restaurant geschlossen sei. Im Gegenteil, man kann fast ein bisschen enttäuschend problemlos von der Bar aus zusehen, wie der Sängerin Satrapen zum Frühstück (Obstsalat) schreiten. Und was würde man sagen, wenn Madonna plötzlich selbst hereingeschneit käme?

Vielleicht: Guten Morgen, liebe Frau Madonna, Sie kennen mich nicht, aber ich kenne Sie, da blieb einem ja auch nicht viel anderes übrig in den vergangenen 30 Jahren, und heute Abend haben wir beide das Vergnügen miteinander; Sie singen, ich höre zu, und viel mehr werden wir wahrscheinlich gar nicht werden, wenn man mal so ins Internet schaut, wegen, tja: Fußball, das Halbfinale . . . Nicht traurig sein, bitte!

Am Nachmittag ahnt noch niemand etwas

Auf Ebay waren die Karten zuletzt schon ab einem Euro zu haben. Karten, die rund 200 Euro gekostet hatten. Manche schoben zur Begründung plötzliche Erkrankungen vor, einige machten gar keinen Hehl daraus, dass sie lieber das Spiel sehen wollten. An das Halbfinale hatte irgendwie keiner gedacht beim Kartenkaufen. Madonna ja auch nicht.

Oder etwa, bibber: doch?

Das am Donnerstagabend war nämlich kein Spiel Deutschland gegen Italien. Es war ein Spiel Deutschland gegen Italien gegen Madonna. Und man muss schon nur noch Bier und Bratwurst im Hirn gehabt haben, um nicht auf den ersten Blick zu erkennen, wie das ausgehen würde. Ausgehen musste. Es sollte eine Doppelstunde werden zu den Themen Schönheit und Effizienz, Leistung und Ertrag, Hybris und Historie.

Es sollte ein Abend werden, an dem Deutschland gehörig was lernen konnte über Wahn und wahre Werte. Aber noch am Nachmittag ahnte niemand was davon und wollte auch nichts in der Hinsicht ahnen. Man wurde ja behandelt wie ein Defätist vorm Standgericht, wenn man nur "Italien" sagte und dazu ein bisschen sorgenvoll die Luft durch die Zähne zog. Aus den Autoradios schnarrte der Bundestrainer. "Mir - können, knister, jede Mannschaft der Welt, knister, schlagen!" Wenn sie noch die Liszt-Fanfare davor gesetzt hätten, hätte es geklungen wie ein Wehrmachtsbericht vom Kursker Bogen.

Entsprechend leider das Bild vor der Halle: überall Fahnen, DFB-Trikots, schwarzrotgoldene Umhängepuschel. So wollt ihr euch hoffentlich nicht vor Madonna blicken lassen, in diesen Kindergartenfarben? Wollten sie ja auch nicht. Dramatische Szenen spielen sich da ab. Die Leute versuchen ihre Madonna-Tickets mit einer Hysterie und Verzweiflung irgendwie wieder abzustoßen, die allenfalls mit der Hysterie und Verzweiflung vergleichbar ist, mit der sie im Februar versucht hatten, Madonna-Tickets zu ergattern. Fast 200 Euro, wie gesagt. Und die Preise sinken, je näher der Anpfiff rückt. Allen ist zum Weinen.

Dann macht Balotelli dieses Kopfballtor

Dazu gehört an dieser Stelle allerdings auch nicht viel. Ein Blick auf die Halle tut es auch schon. Früher waren hier auf einem alten Industriegelände eine ganze Reihe jener Clubs, die den Ruf des Berliner Nachtlebens bis in Madonnas Ohren getragen haben dürften, aber dann fiel dieses Mehrzweckscheusal vom Himmel und hat die ganze Gegend in eine beleidigend trostlose Stadtrandwüste zurückgebombt. Die Bierbänke vorm "Eastside Paradies Spätverkauf" an der Warschauer Straße sind ein vergleichsweise idyllisches Plätzchen dagegen.

Dort kann man immerhin ja noch die erste Halbzeit schauen; Anstoß ist 20:45 Uhr, Madonnas Auftritt ist für Punkt 21:30 Uhr angekündigt, und es verspricht eine dieser lauen Nächte zu werden, für die Jugendliche bis aus Amerika und Neuseeland nach Friedrichshain-Kreuzberg kommen, um auf der Straße mal schön ein paar Sternburg Pils wegzutrinken. Aber dann macht Balotelli dieses Kopfballtor, und ein paar Gesichter werden deutlich länger, auch die der Neuseeländer und Amerikaner, die den Eindruck haben müssen, jemand hätte auf die Fernsehübertragung des Films "300" umgeschaltet.

Umschalten ist bei solchen Spielständen natürlich immer eine Option. Die Nägel vor Entsetzen bis aufs Bett abkauen eine andere. Die beste ist aber: eine Karte für Madonna in der Tasche haben. Als dann, schon auf dem Weg zur Halle, das Schmerzgeschrei über Balotellis Zwei-Null aufbrandet, ist klar, dass die, die vorhin ihre Zweihunderteurokarten förmlich weggeworfen haben, jetzt vierhundert Euro hinlegen würden, um doch noch unter die Rockschöße von Mutti Madonna zu dürfen. Geht aber nicht mehr. 13.100 Leute, zum Teil mit zum Totlachen günstig ergatterten Karten, trinken und tanzen sich schon mal warm und freuen sich große Löcher in die Bäuche: In Istanbul hat Madonna ihre Brustwarze gezeigt. In Rom ihren Hintern. Mal schauen, welcher Körperteil in Berlin dran ist!