Lyrik Poetisiert euch!

Eine Schreibmaschine als Motor für die Fortbewegung des Verlagshaus' Berlin - wenn das nicht poetisch ist.

(Foto: oh)

Das Verlagshaus Berlin stellt sich bei Moths vor

Von Antje Weber

Aller Anfang war der Urknall. "Der Urknall / einleuchtend als Konzept, ein Grund nicht erkennbar; ein Jetzt / als Nebel nur sichtbar", so lässt der Lyriker Jan Kuhlbrodt einen Gedichtband beginnen, der im Verlagshaus J. Frank Berlin erschienen ist. Ein Jetzt, als Nebel nur sichtbar - so ungefähr muss man sich auch die Anfänge des kleinen, unabhängigen Berliner Lyrik-Verlags vorstellen. Lange her: Jetzt ist der Verlag bereits stolze zehn Jahre alt und geht daher, möge es ein gutes Vorzeichen sein, zehn Tage lang auf Tour. Auch in München wird der Tourbus an einem Abend die in Lyrikkreisen einschlägig bekannte Buchhandlung Moths ansteuern. Um den Verlag zu präsentieren und seine Mission: "Poetisiert euch!"

Jetzt sitzt aber erst einmal Johannes CS Frank, einer der drei Verleger, bei einem Kaffee vor seinen Büchern und erzählt von der Entwicklung des Verlags im Besonderen und der Lyrikszene im Allgemeinen. Denn der kleine Verlag am Prenzlauer Berg, der aus einer Partylaune heraus entstanden ist und sich stetig professionalisiert hat, steht für ein nicht nur in Berlin erkennbares Phänomen: Seit zwei, drei Jahren gibt es um die Lyrik herum einen "kleinen Boom", wie Frank bestätigt: "Die Wahrnehmung steigt." Das merkt der Verlag, der auf Lyrik und Essays setzt, nicht erst seit dem Leipziger Buchpreis für den Lyriker Jan Wagner an den Verkaufszahlen. Auch das Publikum hat sich in den zehn Verlagsjahren verändert: "Es ist jünger geworden", sagt Frank, und inzwischen meist zwischen 20 und 40 Jahre alt.

Wie die Verleger interessieren sich viele von diesen neuen Lesern und Zuhörern für "Lyrik als Modus des Erkenntnisgewinns", so die Diagnose des Fachmanns. Denn den Verlegern Frank, Andrea Schmidt und Dominik Ziller, alle drei "Überzeugungstäter, Literatur- und Illustrationsverrückte", geht es nicht nur um Sprachspiele, sondern auch und vor allem um Inhalte, Themensetzungen. Der "starke politische und internationale Anspruch" wird sichtbar in Gedichtbänden, die einerseits mit Wladimir Majakowski der Tradition huldigen, sich andererseits mit Übersetzungen zum Beispiel des anno 1971 geborenen Mexikaners Julián Herbert in hierzulande weitgehend unbekannte neue sprachliche Räume wagen. Der Anspruch auf Reflexion zeigt sich in feinen Essaybändchen, der Anspruch auf eine eigenwillige Gestaltung in Fadenheftung und ambitionierter Illustration.

Kann man heutzutage von Lyrik etwa auch schon leben? Der Verlag trage sich selbst, sagt Frank. "Trägt er auch uns? Das ist noch nicht ganz klar." Jeder der Verleger hat noch andere Einnahmequellen. Das verschafft jedoch auch Freiheiten: "Es ist egal, wenn man einen Band mal komplett in den Sand setzt", sagt Frank. Was aber nie geschehe, ergänzt er gleich, manchmal bewege sich noch zwei Jahre nach Erscheinen plötzlich etwas.

Jetzt aber bewegen sich erst einmal die Verleger durch das Land. Beim Abend in München werden sie unterstützt vom Illustrator Oliver Hummel und den Lyrikern Max Czollek sowie dem gebürtigen Münchner Tobias Roth. Letzterer spielt in seinem Band "Aus Waben" in hohem Ton mit lyrischen Traditionen. Wem das fremd ist, der hält es wohl lieber mit Martina Hefter, die in einem Essaybändchen über Tanzen und Schreiben nachdenkt: "Habe Schönheit im Blick, schau, dass alles, was du tust, auf schöne Weise nützlich ist", fordert sie. Und: "Für alles, was man tut im Leben, gilt: Vermeide Poesie."

Verlagsabend bei Literatur Moths, Fr., 29. Mai, 19.30 Uhr, Rumfordstr. 48