Lyrik Heimatsuche mit Worten

Fachmann für Heimat: der fränkische Autor Fitzgerald Kusz.

(Foto: Karoline Glasow)

Anton G. Leitner und Fitzgerald Kusz stellen das neue "Gedicht" vor

Von Sabine Reithmaier

"Wer nur eine Heimat kennt und sonst nichts, ist dazu verdammt, blöd zu bleiben." Stünde der Satz hier auf Fränkisch, würde jeder sofort an Fitzgerald Kusz denken. Die hochdeutsche Variante stammt vom Kulturtheoretiker Klaus Theweleit, der sich in einem Gespräch über seine diversen "Heimaten" Gedanken machte. Kusz zitiert ihn, als er beschreiben soll, was für ihn alles unter diesen Begriff fällt. Jimi Hendrix und die Rockmusik nennt er dann, fränkische Küche und natürlich den Dialekt. Wie wichtig der für ihn sei, habe er als Assistenzlehrer in Nuneaton, England, gemerkt. "Da musste ich Hochdeutsch reden." In seiner Not unterhielt er sich mit der Katze seiner Zimmerwirtin auf fränkisch, was ihm zwar den Ruf eines Tierflüsterers einbrachte, sein Heimweh aber nur notdürftig stillte. "Sprache ist die wichtigste Heimat eines Menschen", sagt er.

Fitzgerald Kusz schreibt seit 1970 seine Theaterstücke und Gedichte im Dialekt, sein bekanntestes Stück "Schweig Bub" hatte eben auf der Bühne des Schauspielhauses Nürnberg seinen 40. Geburtstag. Kein Wunder also, dass ihn sein Dichterkollege, der Weßlinger Verleger Anton G. Leitner, für den idealen Partner hielt, um mit ihm das neue "Gedicht" zusammenzustellen. Die 24. Ausgabe der Jahreszeitschrift widmet sich nämlich genau Kusz' Spezialgebiet: der Heimat.

Die Auswahl sei streng nach der poetischen Qualität der Texte erfolgt, sagt Kusz. "Politische Kategorien spielen keine Rolle." Bereits im ersten Durchgang hätten Leitner und er 90 Prozent Übereinstimmung erzielt. Blättert man durch das Heft, ist es schon aufschlussreich zu entdecken, dass von den mehr als 100 Dichtern nur 22 den Begriff Heimat dezidiert verwenden. Kusz findet das verständlich. "Der Begriff ist immer noch belastet", sagt er. "Die Nazis haben ihn diskreditiert." Die Autoren hätten Angst davor, Beifall von der falschen Seite zu bekommen. Besonders elegant weigerte sich Helmut Krausser, ein Heimatgedicht zu schreiben: "Mir fällt partout auf Heim kein / so zwingend geiler Reim ein / geschweige denn auf Heimat."

Für Kusz ergab sich eine neue Sicht der Heimat erst mit der Ökologie- und Anti-Kernkraftbewegung der Siebzigerjahre. "Da haben wir gemerkt, dass diejenigen, die das Wort Heimat ständig im Munde führen, alles dafür tun, um dieselbe kaputt zu machen", sagt der fast 72 Jahre alte Autor. Bayern ist seiner Meinung nach bis heute ein Vorreiter, was Heimat- und Landschaftsvernichtung betrifft. "Viel zu viele Flächen werden bebaut, alles wird zersiedelt, die Dörfer zu Schlafvororten", klagt der in Nürnberg lebende Autor.

Drei große Komplexe hat er in den Gedichten ausgemacht. Da gibt es die Lyriker, die sich kritisch mit der Heimat auseinandersetzen, auch mit deren Vergangenheit, wie Anton G. Leitner es in seiner Ballade von der "KaZedd-Rosl" tut. Andere schlagen einen Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart. Jan-Eike Hornauer erwähnt in "Abgrenzung" erst das früher in seiner Heimat übliche "Evangelen-Kloppen". "Heute wird /in meiner Heimat / (also auf den Dörfern,/ wo die Welt noch / in Ordnung ist) / lediglich die neue Moschee / mit Schweineblut besudelt."

Häufiger jedoch nähern sich die Poeten der Heimat emotional an, beschwören das herauf, was für sie Heimat ist. Kusz beispielsweise hat seinen früheren "Nachbann", Menschen mit skurrilen Eigenheiten, ein Denkmal gesetzt. Eine kleine Erinnerung an die sieben Jahre, in denen er in einer Altbauwohnung im Nürnberger Stadtteil Gostenhof wohnte. Früher ein Glasscherbenviertel, längst aber gentrifiziert. "So ein Milieu ist auch Heimat", findet er. Wo früher das Mehrparteienhaus stand, gäbe es heute nur mehr teure Eigentumswohnungen. "Da kennt kein Mensch mehr seinen Nachbarn."

Einen dritten Komplex bilden die Autoren, die in ihren Gedichten in die eigene Kindheit heimkehren, ein verlorenes Paradies, das nicht mehr existiert. "Da leb ich nimmer/ Und bin doch immer da", schreibt Nora Gomringer. Ohne Illusion zu leben sei eben verdammt schwer, sagt Kusz. "Da gehört so etwas wie Heimat auch dazu, wenigstens als Gefühl." Dann zitiert er Novalis: "Wohin gehen wir denn hin? Immer nach Hause." Aber zuvor will er noch am Heimatministerium vorbeigehen und an der Pforte eine Ausgabe des "Gedichts" abgeben: Für den Heimatminister zur Weiterbildung.

Der Heimat auf den Versen. Premiere der Jahresschrift "Das Gedicht" mit 30 Poeten, Donnerstag, 27. Oktober, 20 Uhr, Literaturhaus München