Lyrik-Festival "Soundout" in Berlin Der Satzbau der Straße ist wichtiger

Eine Veranstaltung im Lettrétage-Saal im Rahmen von "Soundout".

(Foto: Festival)

Das kleine internationale Lyrik-Festival "Soundout" in Berlin sagt der faden Wasserglas-Lesung den Kampf an. Mit einer Gedichtmaschine aus Holz, Marathon-Vorträgen und Poesie auf Geldscheinen - charmant und ohne Plakativität.

Von Kathleen Hildebrand, Berlin

Ganz am Schluss, in der allerletzten Veranstaltung, da kommt das Soundout-Festival im Maschinenraum der Dichtung an. Nacheinander werden die Besucher in eine Holzkiste geschoben, von außen schrauben drei junge Frauen in schmuddeligen Technikeroveralls an den Brettern herum. "Wie schmeckt die Kindheit?", rufen sie durch die Bretterschlitze, "sag mir drei Wörter mit M!" Aus den fragmentarischen Spontanantworten, die in leicht verstörtem Ton der Kiste entweichen, werden die drei Frauen zehn Minuten später ein Gedicht destilliert haben.

Die Holzkiste heißt "The Poetry Machine" und ist Teil einer literarischen Performance von vier jungen Autorinnen aus Barcelona. 36 Künstler und Künstlergruppen hat das Kreuzberger Literaturhaus Lettrétage nach Berlin geladen, um gemeinsam dem Schreckgespenst junger Gegenwartsliteratur entgegen zu treten: der gefürchteten "Wasserglaslesung", die sich ganz schön umgeguckt haben wird. Denn am vergangenen Wochenende ging in Hildesheim auch das Prosanova-Literaturfestival gegen konventionelle Vorleseformen an.

Das Soundout musste jedoch als kleines, erstmals und wohl auch nur einmalig stattfindendes Festival ohne Prominenz auskommen. Dafür bot es Internationalität - Autoren aus Island, Spanien, Griechenland, aus Argentinien und der Ukraine - und eine so radikale Hinwendung zu Experiment und Performance, dass bei den meisten Veranstaltungen nicht mal mehr ein Buch zu sehen war, geschweige denn ein Wasserglas.

"Where Angela Merkel normally is"

Lettrétage lud deshalb auch längst nicht nur in seine Kreuzberger Hinterhofräume ein, sondern bespielte verschiedene Orte in der ganzen Stadt: Im Spa eines Hotels in Charlottenburg empfahl eine ecuadorianische Autorin die Nachahmung des Verhaltens von Hunden als Wellnessprogramm - und wälzte sich zur Anschauung durchs Dampfbad. In einem U-Bahnhof rezitierte Iain Morrison aus Schottland sämtliche 1700 Gedichte von Emily Dickinson in einer Marathonlesung, und in einem alten Fabrikgebäude an der Spree riefen zwei junge Menschen die griechische Dichterin Sappho in einer Séance an und versuchten, sie zu einer Live-Dichtung zu bewegen (das klappte trotz gelungener Kontaktaufnahme leider nicht - in den elysischen Gefilden hat man wohl noch Schöneres zu tun als Dichten).

Für eine poetische Tour durch Berlin hatten die Organisatoren einen Touristenbus mit offenem Verdeck gemietet - inklusive Stadtführerin. Die sagte während der Fahrt in routiniertem Stewardessen-Singsang ihre üblichen Kommentare auf: "This is the Bundeskanzleramt, where Angela Merkel normally is" - kontrastiert von Iordanis Papadopoulos, einem griechischen Performance-Künstler, der Großstadtgedichte von Gerhard Falkner vortrug. Mitten ins Touri-Geplapper schoben sich da wohltuend immer wieder ein paar schwere, ruhige Worte hinein: "Der Satzbau der Straße/ Ist wichtiger als das Verstehen der einzelnen Häuser."

Solches Durchbrechen von Routinen, das Erzeugen kleiner Verstörungen und Reibungen gelingt dem Soundout-Festival hervorragend, immer charmant und ohne Plakativität. Der Dichter Eino Santanen aus Helsinki stellte sein poetisches Projekt "Banknote Poetry" vor: Er tippt mit einer alten Schreibmaschine Gedichte auf 20-Euro-Scheine und bringt sie dann in Umlauf - als Akt "parasitärer Bedeutungsokkupation": Die Scheine bekommen so neben ihrem Geldwert einen Wert als Kunstwerk, die Bedeutungen überlagern sich und interferieren miteinander.

"Ich würde sie behalten, die Arbeit / Wenn ich eine finden würde"

Trotz unbekannter Dichternamen und teils kryptischer Ankündigungstexte war fast jede Soundout-Veranstaltung voll. Ernsthafte junge Backenbartträger, aber auch ältere Damen mit großen Hüten füllten etwa den Lettrétage-Saal, als der Dichter Andrea Inglese seine Briefe an eine ominöse Behörde zur kulturellen Wiedereingliederung der Arbeitslosen vortrug. Natürlich auch als Performance: Inglese sitzt an einem Schreibtisch, verstellt immer wieder die fünf oder sechs Bürolampen in sinnloser Geschäftigkeit, und schreibt seine Verse noch mal per Hand als Briefe ab, während Aufnahmen von Passanten gespielt werden, die eben diese Briefe vorher eingelesen haben - vor lauter Verdoppelung und sinnloser Handarbeit entsteht der Eindruck einer poetischen Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.

In den Texten betrachtet Inglese das Konzept "Arbeit" wie durch ein umgedrehtes Fernrohr. Sie wird zur großen Sehnsucht, zu einem idealisierten Seinszustand - ungefähr so, wie berufstätige Menschen auf "Kunst" blicken. Eine unerreichbare Preziose, die das Leben schöner, bunter, besser macht. "Ich würde sie behalten, die Arbeit / Wenn ich eine finden würde", heißt es da, und nach Feierabend: "wir werden nicht zerstört sein, sondern schöner." Nach dem Soundout ist auch das Konzept "Lesung" nicht zerstört. Es ist nur ein bisschen schöner.