Lyrik Bienenstock und Biomüll

Der Dichter Ulf Stolterfoht.

(Foto: Rolf Haid/dpa)

Zwei kleine Verlage bieten Lyrik im Abonnement an, zu günstigen Preisen. Ein Streifzug durch das neue Angebot von brüterich press und roughbooks.

Von Tobias Lehmkuhl

"Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis", so lautet das Motto der vom Dichter Ulf Stolterfoth betriebenen brüterich press. Stimmt natürlich gar nicht: Weder ist die Lyrik, die Stolterfoht verlegt, schwierig, noch sind seine Bücher sonderlich teuer: 20 Euro kostet ein Band. Für jeden etwas umfänglicheren Roman muss man deutlich mehr hinlegen. Und bestellt man die Bände der brüterich press, es sind sechs bis acht pro Jahr, im Abo, bekommt man auch noch einen Band umsonst dazu.

Überhaupt funktioniert die brüterich press vor allem über ihr Abosystem; über einen eigenen Vertrieb in den regulären Buchhandel durchzudringen wird für Kleinstverlage immer schwieriger. So sind auch die Veröffentlichungen von roughbooks aus dem schweizerischen Schupfart günstiger im Abo zu beziehen, die Preise liegen unter denen der brüterich press, angesichts dessen, was sie bieten, sind die roughbooks geradezu geschenkt.

Nun fügt es sich, dass beide Verlage soeben jeweils einen neuen Schwung ihrer Erzeugnisse vorlegen. Bei fast allen Bücher handelt es sich Verse um Lyrikübersetzungen, wobei Lyrikübersetzungen hier ein weites Feld der Möglichkeiten umfasst. Da wäre einmal, um mit roughbooks zu beginnen, "Ich bin ein Bauer und mein Feld brennt" des Isländers Halldór Laxness Halldórsson. Die Gedichte wurden, wie es heißt, von Christian Filips "im Zustand vulkanischer Trance" übersetzt: "Sie sind ein Deutsch. / Was soll ich ihnen Saga?"

Auch Monika Rinck hat die Ratio ausgeschaltet und sich für das Übersetzen der Gedichte des Schweden Magnus William-Olsson allen Ernstes hypnotisieren lassen. Da die Originale des Bandes "Homullus absconditus", der hier unter dem Titel "Hypno-Homullus" firmiert, nicht mit abgedruckt sind, lässt sich schwerlich überprüfen, wie nah die Dichter-Übersetzerin dabei denselben geblieben ist: "Ansichten gegen Ansichten, eine Überschreibung des / Kalmarenmarkts, in der Romeostunde des bottom-verklickerten / Slapsticks". Derartige Verse lassen vermuten: Nicht sonderlich nah. Eher hat man es hier wohl, die Dichterin spricht ohnehin kein Schwedisch, mit neuen Originalen zu tun - echten Rincks, also.

Hier werden die 800 Jahre alten galicischen "cancioneros" in die Gegenwart geholt

Klassisch geht dagegen Günter Plessow vor, der Hilda Doolittles "Sea Garden" als "See Garten" neu übersetzt hat. Vor vier Jahren erschien eine Übersetzung desselben Bandes dieser wundersamen Sappho-Wiedergängerin bei luxbooks unter dem Titel "Meeres Garten", und so lässt sich nun weidlich vergleichen. Plessow, soviel sei festgehalten, neigt zum gewählteren, ja zuweilen auch gesuchteren Wort als seine Vorübersetzerin Annette Kühn: "betaute" statt "nasse Rose" für "wet rose", "gepfercht" statt "gedrängt" für "crowded".

Der komplexeste Fall der vier neuen roughbooks-Titel (sie kosten zusammen 30 Euro) ist Uljana Wolfs Übersetzung des Gedichtbandes "O Cadoiro" der Kanadierin Erín Moure. Der Ausgangspunkt sind mittelalterliche, auf Galicisch verfasste Liedersammlungen, die "cancioneiros". Moure, die selbst galicisch-portugiesische Wurzeln hat, scheint mit diesen 800 Jahre alten Liedern eine Art Symbiose eingegangen zu sein, so durchwebt sind ihre eigenen Gedichte von den Gesten und Wendungen der Troubadoure am Hof Alfonso des Weisen. Ein gefundenes Fressen für die Dichterin Uljana Wolf, die in ihren eigenen Gedichten immer wieder das Deutsche und das Englische miteinander reagieren lässt, die nach Gleichklängen sucht und ganze Bedeutungsfächer entfaltet. Die auf die Möglichkeiten der Sprache vertraut, ihre unendliche Vielfalt, die sich auch im Formelrepertoire der Troubadourlyrik findet. Fast programmatisch diese von ihr übersetzten Verse aus Moures "O Cadoiro": "und wenn die worte fehlen / will ich syntax finden / will verben ändern zu andern verben / zeiten / steigbügeln / ohren / alumni / bienenstock und biomüll".

Prosagedichte bietet der in der brüterich press erschienene Band "Brief Under Water" des US-Amerikaners Cyrus Console, übersetzt von sage und schreibe achtzehn Übersetzerinnen und Übersetzern. Immerhin deren sieben haben an der Übersetzung von "Radio Vortex", einem Gedichtband des Briten Andrew Duncan mitgearbeitet, darunter der vor nunmehr elf Jahren verstorbene Dichter Thomas Kling. Bei ihm klingt Duncans "Angelsächsische Gemmen" so: "Der skalde schlägt seine harfe / Zum ruhm vergangener könige. / Er scratchte der luftigen welt altes silber / Auf daß, vom engelhaften mund - der krönt die luft -/ Ein bronze-schluck von klang, wie ihn die glocken tun, / Endlose liedertöne niedergehn auf uns."

Bleibt noch, auf "Das Eine" hinzuweisen, den neuen, ebenfalls bei brüterich erschienenen Band der Dichterin Orsolya Kalász. Kalász, eine Wanderin zwischen den Sprachen, präsentiert sich zum ersten Mal nur als deutschsprachige Dichterin, ohne die in ihren bisherigen Bänden übliche Beigabe der ungarischen Varianten ihrer Gedichte. Die Verse der zweisprachig aufgewachsenen Kalász sind das beste Beispiel dafür, wie einfach Lyrik sein kann, ohne eindimensional zu werden: "kleiner als ein korn ist das kornhaus / dort liegt es nackt / auf einem kornberg / und wenn etwas hungriges eine maus / darüber huscht kommt / es aus gutem grund / unter die körner".