Luxuskino in Berlin Ohne Popcorn, mit Champagner

In der Astor Film Lounge naschen die Zuschauer Jakobsmuscheln auf Ledersesseln. Ein Besuch in der Business-Klasse unter den Kinos.

Von Christian Mayer

Der junge Mann, ein auf Freundlichkeit getrimmter Dienstleister im sonst eher schnoddrigen Berlin, wartet am Kurfürstendamm auf Kundschaft; mit sicherem Blick erkennt er den Kinobesucher und entwendet ihm höflich, aber bestimmt den Autoschlüssel. Wäre ja auch eine Zumutung, sich erst mal einen Parkplatz suchen und durch den Straßendreck quälen zu müssen. Nach der Abgabe des Wagens wird der Gast in die Lobby geleitet, wo er ein Freigetränk erhält. Die Damen an der Theke haben offenbar ein erstklassiges Nicole-Kidman-Training im Lächeln absolviert. Geht ja schon mal gut los!

Seit knapp vier Wochen können sich die Berliner in der Astor Film Lounge einem gesteigerten Kinoerlebnis hingeben - mit allen Annehmlichkeiten, die man für 15 Euro pro Karte erwarten kann. Statt Popcorn und Cola werden im restaurierten Muschelsaal aus den fünfziger Jahren Champagner und Chablis serviert, statt Mäntelbergen zwischen den Sitzen gibt es eine Garderobe. Die Presse in der Hauptstadt jubelte bereits im Vorfeld über das "Luxuskino", gegen das sogar die Business-Klasse im Flugzeug bescheiden wirke. Bisher stößt das Angebot auf rege Nachfrage: "Wir sind oft ausverkauft, die Auslastung ist exzellent", sagt Theaterleiter Jürgen Friedrich. "An manchen Abenden könnten wir locker dreimal so viele Karten verkaufen."

Ausgerechnet der Cinemaxx-Gründer Hans-Joachim Flebbe hat das Traditionshaus am Ku'damm umgebaut, der Mann, den viele Programm-Kinobetreiber einmal für den Erzfeind gehalten haben. Seit seinem Rückzug aus dem Vorstand des Hamburger Unternehmens setzt der 57-Jährige auf ein neues Konzept: Klasse statt Masse, individueller Charme statt Multiplex-Kommerz. Der Erfinder klobiger Blockbuster-Klötze, in denen sich Actionhelden auf Horden von Teenagern einschießen, macht auf edel? Es sieht danach aus.

Multiplex war gestern

Immerhin hat Flebbe das Astor um die Hälfte der Plätze verkleinert: Statt 480muffiger Plüschsessel stehen nun 250 verstellbare schwarze Designersitze zur Verfügung. Auch technisch ist das Haus, in dem nach dem Krieg das legendäre Kiki-Filmtheater zu Hause war, jetzt auf dem neuesten Stand: Das Kino mit seiner in Berlin einmaligen Abspielstation für 3-D-Filme erfülle "Hollywood-Standard", auch Live-Übertragungen von Konzerten oder Opernaufführungen seien möglich. Flebbe, der Selbstvermarktungskünstler, sieht sich wieder mal ganz weit vorne.

Kino für zahlungskräftige Erwachsene ist ein Trend, der sich im Astor auch in der Auswahl der Filme bemerkbar macht. Gerade läuft hier die Literaturverfilmung "Zeiten des Aufruhrs". Und offenbar sind viele Besucher bereit, für ein spannendes Beziehungsdrama mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio den doppelten Preis von dem zu bezahlen, was in Berlin sonst üblich ist. Beim Kinotest macht sich vor allem die Verringerung der Sitzplätze positiv bemerkbar. Endlich kann man mal die Beine ausstrecken - oder auf die lederbezogenen Hocker legen. Jeder Platz verfügt auch über eine eigene Armlehne, der Nachbar bleibt auf Ellbogendistanz, nur für Paare gibt es eine Kuschelbox, in der man sich freiwillig näher kommen kann.

Kuschelbox für Paare

Hildegard Knef stimmt das Publikum mit rauchiger Stimme auf den Abend ein, als Dreingabe wird ein Kurzfilm aus Skandinavien gezeigt. Im Saal rücken sofort wieder die freundlichen Dienstleisterinnen an und servieren kleine Teller mit Jakobsmuscheln, Mini-Lasagne und einen Hauch von Lammrücken. Am Speiseangebot für das Vorprogramm muss das Kino aber noch arbeiten. Oder die Preise senken, denn 18 Euro für ein paar vorgefertigte Appetithäppchen aus dem Kühlregal ist schon viel verlangt. "Wir haben das Problem erkannt und arbeiten dran", verspricht Jürgen Friedrich.

Wer den Kinounternehmer Hans-Joachim Flebbe kennt, dürfte sich nicht wundern, wenn die Astor Film Lounge bald Schule macht. Obwohl der Zeitpunkt der Eröffnung mitten in der Wirtschaftskrise nicht ganz optimal gewählt ist: Auch in Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt oder München existiert ein Publikum, das sonst zu Hause bei einem Glas Rotwein eine DVD einschiebt, aber ganz gerne auch in schönen, bequemen Kinosälen sitzt, ohne dass einem laut schmatzende Nachbarn auf die Pelle rücken.

Die Sache hat nur einen Haken: Ein Großteil der kommerziell erfolgreichen Filme bedient ein junges bis sehr junges Publikum, dem es weniger auf stilvolles Mobiliar und Beinfreiheit ankommt. Im Astor will Flebbe auf die Zielgruppe der Teenager nicht verzichten - deshalb läuft hier auch der Vampirfilm "Twilight". Allerdings mit deutlich geringerem Erfolg als in den Massenkinos der Hauptstadt: 15-jährige Mädchen mit besonderen Vorlieben für schnucklige Untote brauchen keinen Einparkservice und keinen Champagner, um glücklich zu sein. Ein Pappbecher mit Brause reicht auch.

Kate winselt

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