"Loving" im Kino Das Grundrecht zu lieben, wen man will

"Gemischtrassige" Ehen waren im US-Bundesstaat Virginia verboten, Mildred Loving (Ruth Negga) und ihr Mann (Joel Edgerton) klagten dagegen.

(Foto: Universal)

Er ist weiß, sie ist schwarz: "Loving" erzählt die wahre Geschichte eines Paares, das im Amerika der Fünfzigerjahre darum kämpfen musste, heiraten zu dürfen.

Von Martina Knoben

Stein auf Stein, so baut man ein Haus. Und auch einen Staat, ein Rechtssystem: In "Loving" von Jeff Nichols ist das Aneinanderfügen von Ziegelsteinen eine Metapher für die vielen Kämpfe, Proteste und Prozesse der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, die schließlich ein neues Amerika formten, dass es auch ein Haus für Nichtweiße werden konnte.

So grundsolide wie dieses Bild ist auch der Mann, der diesen Film inspiriert hat. Richard Loving ist Maurer, ein einfacher Mann. Joel Edgerton spielt ihn als kantigen Kerl, mit kräftigem Kinn und militärisch kurzem Stoppelhaarschnitt, der wenig redet, dessen Körper für ihn spricht. Der Typ könnte ein Redneck sein. Aber seine Freundin Mildred, die ihm angespannt eröffnet, dass sie schwanger ist, ist schwarz. Die Kamera studiert ihre Gesichter bei dieser Mitteilung, sieht Richard beim Denken zu. Er überlegt kurz, und sagt: "Das ist gut. Das ist richtig gut."

Richard ist ein typischer Jeff-Nichols-Held, wie der Bauarbeiter Curtis in "Take Shelter" oder der Vater eines (außerirdischen) Jungen in "Midnight Special". Als trügen sie einen inneren Kompass in sich, bleiben diese Männer auf Kurs, auch wenn es stürmisch wird. Da seine Freundin ein Kind erwartet, wird Richard sie heiraten. Er kauft ein Grundstück und will ein Haus für die Familie bauen. Jeff Nichols erzählt das schön unaufgeregt, als würde es im Amerika der Fünfzigerjahre keine Rolle spielen, dass die beiden eine unterschiedliche Hautfarbe haben. Es ist ein ländliches Amerika, von dem er in seinen Filmen immer wieder erzählt, das fremd, aber sympathisch ist, in seiner Ruhe, seinem Pragmatismus, seiner Kraft.

Polizisten zerren die Eheleute aus dem Bett

"Victoria", der Name der Siegesgöttin, steht auf dem Auto, in dem Mildred und Richard zur Trauung fahren, in einen Nachbarstaat. In Virginia, wo die beiden leben, sind "gemischtrassige" Ehen nicht erlaubt. Und so selbstverständlich, wie sich die beiden lieben, ist diese Beziehung für andere natürlich nicht. Gerade hat Richard die Heiratsurkunde gerahmt und an die Wand genagelt, da dringen bewaffnete Polizisten in ihr Haus ein, mitten in der Nacht und zerren die Eheleute aus dem Bett. Ihre Heirat gilt als Verletzung des "Rassenintegrationsgesetzes". Der Richter lässt ihnen die Wahl: Ein Jahr Gefängnis, oder die beiden dürfen sich in den nächsten 25 Jahre niemals gemeinsam in ihrem heimatlichen Bundesstaat aufhalten.

Das Ehepaar Loving hat es tatsächlich gegeben. Der Fall "Loving gegen Virginia", mit dem Richard und Mildred viele Jahre nach der Eheschließung deren Rechtmäßigkeit einklagten, hat Geschichte geschrieben. 1967 entschied der Oberste Gerichtshof, dass es ein Grundrecht ist, zu lieben und zu heiraten, wen man will, unabhängig von Rassemerkmalen (zu Ehen gleichgeschlechtlicher Partner wurde damals noch nichts gesagt). Aus dem Stoff hätte sich leicht ein Gerichtsdrama zimmern lassen oder ein Melo mit übergroßen Gefühlen. Nichols aber verzichtet auf Pathos, das macht die Größe seines Films aus. Dass zwei Menschen sich lieben und eine Familie gründen, ist schließlich das Normalste der Welt. Es passt ja auch zu seinen Figuren: Mildred und Richard sind keine Aktivisten. Bis sie sich wehren und gegen den Staat aufbegehren, ist es ein langer Weg. Erst mal ziehen sie ins liberalere Washington, D. C., fern von Familie und Freunden, wo Mildred die Kinder großzieht, während Richard nach Virginia pendelt, um dort weiter als Maurer zu arbeiten.

Die großen gesellschaftlichen Umbrüche dieser Zeit deutet Nichols nur an. Einmal sieht man im Fernsehen eine Weltraumrakete starten, ein anderes Mal ist eine Menschenansammlung am Lincoln Memorial zu sehen. Aus Mildred, dem einfachen und etwas schüchternen Mädchen vom Land (Ruth Negga in der Rolle ist eine Entdeckung), wird eine zunehmend selbstbewusste, am Ende fast elegante Frau, die in der Stadt allerdings zutiefst unglücklich ist. Ihre Kinder seien hier eingesperrt, klagt sie, hier gebe es kein Gras. Sie schreibt einen Brief an Justizminister Robert F. Kennedy, in dem sie um Hilfe bittet - und bekommt tatsächlich eine Antwort: Er wolle dem Washingtoner Ortsverband der American Civil Liberties Union (ACLU) von ihrem Fall berichten. Schließlich ziehen die Lovings wieder heimlich zurück nach Virginia. Und sie ziehen vor Gericht, um mit Hilfe der ACLU den Schuldspruch gegen sie aufheben zu lassen.

Seine Augen scannen ständig die Umgebung, Joel Edgerton spielt das großartig.

Nichols verzichtet auf naheliegende Szenen von Schlägereien oder sich steigernder Drohgebärden gegen das "gemischtrassige" Paar. Stattdessen legt er eine Atmosphäre ständiger Anspannung über seinen Film, die sich nach der Rückkehr der beiden nach Virginia noch steigert und vor allem Richard zusetzt. Aus dem selbstbewussten Kerl ist ein Mann geworden, der Angst hat, der Entdeckung und Gefängnis fürchten muss. Seine Augen scannen ständig die Umgebung, Joel Edgerton spielt das großartig. Es ist die Angst der Rechtlosen, die er verkörpert, die Angst der Schwarzen, wie sie auch der Thriller "Get Out" gerade thematisiert hat.

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Dem gegenüber steht die wunderbare Normalität der Liebe zwischen Richard und seiner Mildred, die Nichols und seine Darsteller mit der schönsten Unaufgeregtheit in Szene setzen. Michael Shannon, der in mehreren Nichols-Filmen Hauptrollen spielte, ist in "Loving" in einem Kurzauftritt als Fotograf der Zeitschrift Life zu sehen, der ein ikonografisches Bild der Eheleute macht (Nichols zeigt auch das Schwarz-Weiß-Original, das seiner Inszenierung zugrunde liegt): Richard und Mildred sind darauf auf dem Sofa vor dem Fernseher zu sehen; Richard hat die Füße hochgelegt und den Kopf bei Mildred in den Schoß gelegt. Der Feierabend eines ganz normalen amerikanischen Ehepaars.

Loving, USA 2017 - Regie, Buch: Jeff Nichols. Kamera: Adam Stone. Mit: Joel Edgerton, Ruth Negga, Michael Shannon. Universal, 124 Minuten.

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