Lou Reed wird 70 "Tief in mir schlägt ein Rock-'n'-Roll-Herz"

Elektrogeschockter Teenager, Drogensüchtiger, Velvet-Underground-Mitgründer - Lou Reed ist einer der ganz Großen des Musikgeschäfts. Durch ihn kamen Punk und New Wave zu sich selbst und en passant brachte er gar den Ostblock ins Wanken. Heute wird der US-amerikanische Sänger und Songwriter 70.

Von Karl Bruckmaier

Nur ein Leben, aber so viele Geschichten. Die lustigste: Lou Reed wird 70. Die zweitlustigste: vor ein paar Jahren im Flugzeug. Bordmagazin durchgeblättert. Musikprogramm: Lou Reed firmiert unter "One Hit Wonder". Und die dunkelhäutigen Mädels singen "Doop-di-doop".

Lou Reed war und ist der böse, nur gelegentlich und dann oft verkatert und unwirsch auftauchende Onkel, das wirklich schwarze Schaf der Pop-Familie. Hier steht er auf der Bühne der Philharmonie im Gasteig (Archivbild).

(Foto: dapd)

Als Wanderer auf der wilden und gefährlichen Seite des Lebens, so inszenierte sich Lou Reed bis in die frühen achtziger Jahre hinein nur allzu gern, und oft genug wird es auch gestimmt haben. Aber "tief in mir drin schlägt ein Rock'n'Roll-Herz" - und dieser Puls der zwei, drei abgeschmackten Akkorde, die es bis in alle Ewigkeit zu ergründen gilt, hinderte den schwer erziehbaren, von den Eltern gar elektrogeschockten Teenager Lou, den gescheiterten Lohnschreiber Reed, den Warhol-Adepten, den Drogensüchtigen, den Velvet-Underground-Mitgründer, den Streithansel, den polymorph perversen Glam-Gott draufzugehen: "My life was saved by rock'n'roll" - und dieses Mysterium, dass zwei Gitarren, ein Bass und ein Schlagzeug Leben retten, Leben spenden können, hat mehr junge Menschen inspiriert als Bob Dylan oder John Lennon.

Dank eines schlecht aufgelegten, fast nihilistischen New Yorkers, dessen bühnenreife Schlitzersätze noch immer präzise herausgebellt werden, kamen Punk und New Wave zu sich selbst und geriet en passant gar der Ostblock ins Wanken - man brauchte nur Václav Havel zuhören, wenn er über die Charta 77 erzählt.

"Niemand hat den Lou Reed so gut drauf wie ich"

Lou Reed war und ist der böse, nur gelegentlich und dann oft verkatert und unwirsch auftauchende Onkel, das wirklich schwarze Schaf der Pop-Familie. Und wenn er auch seit "The Blue Mask" von 1982 der Dekadenz weitgehend abgeschworen zu haben scheint und eine fast professorale, zumindest erwachsene Attitüde pflegt - wir wissen nie, was er uns als Nächstes zumuten wird:

Edgar-Allan-Poe-Vertonungen oder eine Oper mit Bob Wilson? Eine nerdige Live-Platte oder ein edel gemachtes Buch mit seinen Songtexten? "Lulu" mit Metallica oder eine Neuinszenierung seiner Amphetamin-Operette "Berlin"? Wird er seine Band ankeifen: "Wer hier Gefühle zeigt, wird gefeuert!" - wie auf der grandiosen Live-Platte "Take No Prisoners" - oder wird er mit seiner jetzigen Lebensgefährtin Laurie Anderson bei einem Anti-Atomkraft-Event Händchen halten?

Schon diese kurze Aufzählung der Reed'schen Widersprüche lehrt uns, dass es nicht auf die einzelne Platte, das einzelne Konzert ankommt, sondern auf das ungebrochene Insistieren auf Unabhängigkeit. So kann man gleichzeitig der akribischste wie auch schlampigste Künstler sein, der jemals siebzig geworden ist. Und es gilt weiterhin: "Niemand hat den Lou Reed so gut drauf wie ich."