Los Angeles Times in der Krise Friedhof der Pulitzer-Preise
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Tanz auf selbst geschaufelten Gräbern: Der Milliardär Sam Zell hat die stolze "Los Angeles Times" auf Regionalmaß gestutzt. Rettung scheint nicht in Sicht.
Sicher, es könnte noch viel schlimmer kommen. Zum Beispiel könnte die Los Angeles Times (LAT) aufhören zu erscheinen, einfach so, nach 125 Jahren Geschichte. Damit rechnet im Moment zwar noch kaum jemand, trotz der Pleite des Chicagoer Tribune-Konzerns, zu dem neben der Chicago Tribune die LAT gehört. Doch die Stimmung in den Redaktionsräumen der traditionsreichen Tageszeitung ist am Boden. "Wir sind sehr, sehr deprimiert", sagt Redakteur Mitchell Landsberg.
Kürzungswellen schwappen in immer rascheren Abständen über das denkmalgeschützte Gebäude der "Los Angeles Times".
(Foto: Foto: ap)Wie in einen Strudel scheint es die LAT immer tiefer in die Depression hinunterzuziehen. Vor ein paar Jahren stand die viertgrößte Zeitung der USA noch ziemlich gut da. Eine Million Auflage, 1.200 Redakteure und jede Menge Pulitzer-Preise für brillante Geschichten und hervorragende Fotos.
Doch im Sommer 2005 begann die Abwärtsspirale. Zuerst musste der Herausgeber gehen, dann der respektierte Chefredakteur. Zwei weitere Chefs verließen das Blatt, die Kürzungswellen schwappten in immer rascheren Abständen über das denkmalgeschützte Times-Gebäude im Zentrum von L.A.
Hemdsärmeligkeit und schlechte Manieren
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Als vor knapp zwei Jahren der leicht bizarre Unternehmer Sam Zell den Tribune-Verlag kaufte, war die Redaktion bereits so zermürbt, dass viele Mitarbeiter sogar erleichtert waren. "Wir hatten Schlimmes über Zell gehört", sagt Landsberg, "aber wir waren bereit es zu probieren." Immerhin hatte der Selfmade-Milliardär, der ohne jegliche Medienerfahrung zum Zeitungsverleger wurde, die Mitarbeiter beschwichtigt: Es werde keine weiteren Kürzungen geben, weil sonst die Qualität gefährdet sei.
Natürlich gab es weitere Kürzungen, inzwischen ist die Redaktion auf fast die Hälfte geschrumpft. Sam Zell, der sich durch Hemdsärmeligkeit und schlechte Manieren auszeichnet, schreckte vor nichts zurück. Er ließ sogar das Büro der LAT in Washington mit dem anderer Tribune-Zeitungen zusammenlegen. Die Los Angeles Times, die stolz auf ihre überregionale, liberale Politikberichterstattung war, wurde auf Regionalmaß gestutzt.
Das ist umso bitterer, weil die Zeitung durchaus profitabel arbeitet, analysiert Marty Kaplan, Professor an der Annenberg School of Journalism der University of Southern California in Los Angeles. Zell habe nicht deshalb Konkurs angemeldet, weil die Zeitungsbranche wegen Rezession und Online-Konkurrenz am Boden liege. Vielmehr erwirtschafteten die LAT und die anderen Tribune-Blätter nicht genug Profit, um den horrenden Schuldenberg, den Zell verursacht hat, abzutragen.
Der "Grabtänzer" wird Sam Zell auch genannt, weil er sein Vermögen größtenteils mit kaputten Firmen gemacht hat. Jetzt hat er womöglich selbst einen Friedhof angelegt. Der Deal beim Kauf des Tribune-Verlages durch Zell war hochriskant. So riskant, dass man sich fragt, wie ein anständiges Unternehmen überhaupt einwilligen konnte.
Entlassung unliebsamer Kommentatoren
Auf dem Papier kaufte Zell das Verlagshaus für 8,2 Milliarden Dollar. Er selbst brachte nur 300 Millionen auf, den Rest bürdete er den Angestellten auf, die mit ihren Pensionszahlungen bürgen, sowie den Steuerzahlern, weil er von Abgaben befreit wurde. Das Ergebnis dieser Finanzakrobatik: 13 Milliarden Dollar Schulden, die jetzt eben wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise und dem damit verbundenen Einbruch des Anzeigengeschäfts nicht abgetragen werden können.
An dem Geschäft hat die Spitze der Tribune Co. verdient ebenso wie die beratenden Banker. Verloren haben die Tribune-Angestellten, die nun um ihre Altersversorgung bangen müssen. Sechs Redakteure haben Zell unlängst verklagt. Einer von ihnen ist Henry Weinstein, der die LAT im März entnervt verließ und jetzt an der Universität von Kalifornien in Irvine arbeitet. "Zell hat einen Ruf als Sanierer, aber er hat noch nie ein großes Unternehmen geführt", sagt Weinstein. "Das rächt sich jetzt."
Zudem steht Zell im Verdacht, der Entlassung unliebsamer Kommentatoren bei der Chicago Tribune zugestimmt zu haben. Das zumindest legen Dokumente nahe, die im Zusammenhang mit der Affäre um den Gouverneur von Illinois publik wurden. Demnach soll Zell, der in E-Mails die Redakteure gerne seine "Partner" nennt, einverstanden gewesen sein, dass Kürzungen und Umstrukturierungen bei der Chicago Tribune genutzt werden, um kritische Journalisten loszuwerden, berichtet der gut informierte Internetdienst LAObserved.
In den Redaktionsstuben der Times mischt sich die Wut über Zell mit der Fassungslosigkeit angesichts einer unsicheren Zukunft der Zeitungsbranche. "Viele hoffen, dass ein Retter kommt", sagt Redakteur Landsberg. Seiner Stimme hört man an, dass er selbst nicht so recht daran glaubt. Bevor Milliardär Zell den Zuschlag für den Tribune-Konzern erhielt, hatten sich mehrere in L.A. ansässige Unternehmer für die Los Angeles Times interessiert. "Doch wer sollte in der jetzigen Krise noch eine Zeitung kaufen wollen", fragt Landsberg resigniert.