"Lone Ranger" im Kino Fasziniert von der nackten Maschine

Einsam sind die Tapferen - Johnny Depp als Tonto und Armie Hammer als Lone Ranger, zwei Figuren aus dem Panoptikum des klassischen Westerns.

(Foto: Disney)

Gore Verbinskis "Lone Ranger" mit Johnny Depp ist ein Wunderwerk der Reanimation. Ein durchgeknallter Indianer mit totem Vogel auf dem Kopf, dazu ein Bleichgesicht und alles zusammen, um eines zu zeigen: wie sich die Disney-Maschine ihren Weg bahnt.

Von Philipp Stadelmaier

Wenn wir Johnny Depp zum ersten Mal begegnen, können wir nicht sicher sein, ob er überhaupt noch lebt. Der Mann steht reglos da vor einem Zelt mit einem Beil in der Hand, eingesperrt in einen Guckkasten, neben gestopften Büffeln und Bären: Der Wilde Westen ist auf dem Jahrmarkt 1933 in San Francisco nur noch gut für eine tote Attraktionsgalerie. Der Junge im Cowboykostüm, der mit seiner Tüte Erdnüsse davorsteht, staunt aber nicht schlecht, als auf einmal das Auge des "Edlen Wilden" zuckt, dieses Indianers mit dem seltsamen toten Vogel auf dem Kopf. Der fängt bald an, sich mit ihm zu unterhalten und erzählt ihm in Flashbacks ein Abenteuer, das er, Tonto, einst mit seinem Freund "Lone Ranger" erlebt hat - einem legendären maskierten Rächer.

Es ist genau diese Galerie von toten Bildern, von denen Gore Verbinski in seinem Film ausgeht - um ihnen langsam, wie ein Schamane, neues Leben einzuhauchen. Aus der kühlen Vitrine macht er plötzlich eine weite, epische Landschaft, zeigt einen rasanten Ritt des Indianers mit seinem maskierten weißen Freund in ein Dorf, wo sie einen Saloon kräftig aufmischen - bis das Bild wieder zum trostlosen Hintergrund des Guckkastens gerinnt. Damit es dann bald erst richtig losgeht.

"Lone Ranger" ist nicht die erste Zusammenarbeit zwischen Depp und Verbinski, der schon bei den ersten drei Teilen von "Fluch der Karibik" Regie geführt hatte. Auch ihre letzte Zusammenarbeit, der Animationsfilm "Rango", begann in einer Glasvitrine, die für das von Depp gesprochene Chamäleon zur Minibühne für allerlei Verkleidungsspielchen wurde, die ihm seine romantische Phantasie diktierte. Das eigentliche Chamäleon ist natürlich Johnny Depp selbst: ob als durchgeknallter Pirat mit Kajal und Dreadlocks, Animationsfigur oder Indianer mit totem Vogel auf dem Kopf - Depp ist das ewige Kind, das, in seinem Zimmer hockend, sich seine eigenen Legenden erfindet und sich in immer exzentrischeren Masken und Klamotten auf große Fahrt ins Reich der Phantasie begibt.

Ob es sich dabei nun um eine Piratenwelt oder, wie in "Rango" und "Lone Ranger", um den Wilden Westen handelt - es geht um die Reanimation vergangener Reiche. Die gleichzeitig niemals die Grenzen eines Zimmers oder eines Jahrmarkts verlassen, zu dem wir in "Lone Ranger" immer wieder zurückkehren. Um es mit dem Namen des produzierenden Studios zu sagen: Wir sind in Disneyland.

Schon der vor Kurzem gelaufene Disneyfilm "Die fantastische Welt von Oz", eine Neuauflage des Klassikers von 1939, hatte mit einer Zaubershow auf einem alten Jahrmarkt begonnen. Die Naivität, die sowohl "Oz" wie "Lone Ranger" bestimmt, ist erstaunlich. In "Oz" war es das gute alte Schaustellerhandwerk des Illusionisten, mit billigen Hologrammen und Feuerwerken, das über die Magie schier allmächtiger Hexen triumphierte. Und "Lone Ranger", dieser langweilige, aufrechte, maskierte Held, bekannt aus Hörbüchern, Romanen und Comics, wird von einem Bleichgesicht wie Armie Hammer gespielt, der aussieht, als sei er in Wahrheit ein Collegestudent, der in den Ferien als Kartenabreißer im Disneyland jobbt, an den Pforten zum Präriespielplatz - und dazu eine alberne schwarze Maske aufsetzen musste.

"Die fantastische Welt von Oz" Jenseits aller Regenbögen

Wieder einmal tobt ein Wirbelturm über Kansas und entführt einen Kinohelden in "Die fantastische Welt von Oz". Sam Raimi verbeugt sich vor dem Kinoklassiker von 1939 - aber heimlich.

Aber wenn hier alles offensichtlich falsch ist, dann deswegen, weil keiner mehr versucht, das zu verschleiern. Disney will niemanden mehr überzeugen oder an eine Fabel glauben lassen: Ob er die Geschichte nun glaube oder nicht, müsse er selbst entscheiden, sagt Tonto am Ende seinem jungen Zuhörer. Es geht um etwas anderes: um die Faszination für die nackte Maschine, die das Spektakel erst ermöglicht.