"Logan" im Kino Der wahre Schmerzensmann unter den Superhelden

Er wurde durchlöchert, zerstückelt, zerschossen: Nach knapp zwanzig Jahren beendet Hugh Jackman mit "Logan" seine Karriere als Wolverine - und findet eine Nachfolgerin.

Von Tobias Kniebe

Etwas wird hier zu Ende gehen, das spürt man von Anfang an. Im Universum der Marvel-Comics, das bekanntermaßen in unendlicher Ausdehnung begriffen ist, sorgt das für ein ungewohntes Gefühl. Denn man weiß, dass der australische Schauspieler Hugh Jackman nun zum letzten Mal in die Haut des Superhelden Wolverine geschlüpft ist, den er fast zwanzig Jahre lang tapfer verkörpert hat - im großen Team der X-Men genauso wie in Filmen, die ihm allein gewidmet waren, wie dieser hier - James Mangolds "Logan".

Wolverine alias Logan, daran muss man aus aktuellem Anlass erinnern, ist der wahre Schmerzensmann unter den Superhelden. Eine rätselhafte Mutation verleiht ihm unbezähmbare Selbstheilungskräfte, die ihn lange faktisch unsterblich machten. Umgekehrt heißt das aber, dass er in all den Jahren auch malträtiert worden ist wie wenige andere Körper im Kino - durchlöchert, zerstückelt, zerschossen, verstümmelt, aufgeschlitzt.

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Die damit verbundenen Qualen musste er ertragen, denn unempfindlich gegen Schmerzen ist er nicht. Unvergesslich etwa die Szene aus der Frühzeit seiner Biografie, als die skrupellosen Wissenschaftler des "Weapon X"-Programms seine Knochen mit dem unzerstörbaren Metall Adamantium legierten: Gequälter hat kaum je eine Kreatur auf der Leinwand aufgeschrien.

Weiter geht der Schmerz damit, dass die drei tödlich scharfen Adamantiumklingen, die er seit jener Zeit aus den Knöcheln jeder Hand ausfahren kann, um unvorstellbare Gemetzel damit anzurichten, keine wirklichen Austrittsöffnungen haben - sie zerschneiden jedes Mal auch sein eigenes Fleisch.

Wenn in diesem Film nun also Trent Reznors Song "Hurt" erklingt, diese Hymne an die verletzte Haut, gesungen mit der Grabesstimme von Johnny Cash, dann kommt endlich zusammen, was zusammengehört. James Mangold ist auch der Schöpfer des Johnny-Cash-Films "Walk The Line", und hier zeigt er den Oberkörper des alternden Wolverine einmal in einem schäbigen Waschraum - eine wahre Wüstenlandschaft der Narben, ein ledriges Dokument, das von einem unnatürlich langen Leben als Kampfmaschine erzählt.

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Nur sind die Kämpfe der X-Men hier seit Jahren vorbei, viele Weggefährten sind tot, neue Mutanten wachsen scheinbar nicht nach, und der Mastermind der ganzen Bande, Professor X (Patrick Stewart) leidet an Demenz - was nicht ganz ungefährlich ist bei einem machtvollen Gehirn, das sogar das Raum-Zeit-Kontinuum beugen kann. Logan sorgt für ihn, in einem heruntergekommenen Versteck in Mexiko.

Richtige Gefühle zeigen - da tun sich Laborwesen schwer

Dabei geht es ganz offen um Müdigkeit und Überdruss, um Depression und Sinnlosigkeit. Bis ein 11-jähriges Mädchen namens Laura (Dafne Keen), das von den Schergen einer neuen Waffenschmiede gejagt wird, in die staubige Einsamkeit platzt. In diesem Moment muss Logan, der eigentlich nur vergessen will, sich erinnern: dass seine DNA schon vor Jahren in einem Labor abgezapft wurde, dass damit längst neue Experimente laufen könnten, dass er und dieses Mädchen viel mehr gemeinsam haben, als er wahrhaben will.

Bald fährt auch die Kleine ihre Klingen aus und metzelt drauflos - sind so kleine, ach so tödliche Hände. So wird Logan der unfreiwillige Chauffeur einer blutigen Flucht in die Rocky Mountains, wo noch andere Mutantenkinder warten könnten und eine Zukunft - nur eben nicht mehr für ihn.

Eine neue Heimat soll jenseits der Grenze liegen, im sicheren Kanada, was eine unheimlich nostalgische Vorstellung ist - als würden milliardenschwere, militärisch-industrielle Gentechnikbastler solche Demarkationslinien noch akzeptieren.

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Das ikonische Bild, auf das der Film hinausläuft - kleine Stahlklauen-Patschhand in großer Stahlklauen-Papahand - soll zum Schluss noch mit richtig Gefühl aufgeladen werden, was bei reinen Laborwesen aber nicht so einfach ist. Abhilfe schafft hier ein alter Filmabschied, der einmal im Motelfernseher läuft - der Pistolenheld Shane, der das friedliche Tal verlässt, um den ewigen Fluch der Gewalt mit sich zu nehmen.

Ein ähnliches Vermächtnis schwebt sicher auch Logan vor, aber das kann er gleich vergessen. Seine Geschichte mag zu Ende sein, aber im Marvel-Universum muss es weitergehen. Die Jungmutanten werden weitermetzeln müssen - demnächst in Ihrem Kino.

Logan, USA 2017 - Regie: James Mangold. Buch: Scott Frank, Michael Green, Mangold. Kamera: John Mathieson. Mit Hugh Jackman, Patrick Stewart, Dafne Keen. Verleih: Fox, 137 Minuten.

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