Lob dem deutschen Provinzialismus Provinz sei Dank

Deutschland ist das Land der Provinz, aber das hat auch etwas gemütlich-sozialistisches: Überall kann man gleich gut leben. Von einer blasierten hauptstädtischen Oberschicht bleiben wir verschont.

Von Burkhard Müller

Dass Deutschland das Land der Provinz ist, wurde nie bestritten. Dabei sind eigentlich gerade jene Länder, von denen aus dieses Urteil seine Perspektive gewann, in der Masse ihres Territoriums noch viel tiefere Provinz, als es in Deutschland je der Fall war. Man denke an Frankreich mit seinem ländlichen Frieden, wie es sich längs der Routes Nationales erschließt, ein Frieden, der, je näher man an Paris herankommt, desto mehr etwas Totenhaftes annimmt. Man staunt über die großen Kathedralen in den kleinen Städten, aber eigentlich noch mehr darüber, wie wenig ihnen in der Neuzeit nachfolgte. In Frankreich sind bedeutende Stadtbilder und Baudenkmäler, die nach dem 16. Jahrhundert entstanden, die Ausnahme: Paris zog alle Kräfte an sich und nährte sich vampirisch vom Rest des Landes.

Burg Stahleck im Mittelrheintal: Deutschland hat nirgends etwas wirklich Großes, aber dafür Schätze an vielen einzelnen Stellen.

(Foto: Foto: ap)

Metropole und Provinz, das scheint ein Nullsummenspiel, das in jeder Nation anders ausging - in Deutschland eben so, dass an keiner Stelle etwas wirklich Großes zusammenkam, aber dafür die Schätze und Kräfte sich an vielen einzelnen Stellen verteilten. Für ein Land als Ganzes dürfte diese Variante insgesamt die vorteilhaftere sein, denn sie garantiert, dass ein weit größerer Teil der Bevölkerung nahen Zugang zu den ökonomischen und kulturellen Ressourcen hat, und bremst die Herausbildung einer blasierten und parasitären hauptstädtischen Oberschicht, die sich für vorbildhaft erklärt, vor allem aber als Tyrann gebärdet. Dem deutschen Provinzialismus wohnt ein ausgleichendes Element inne, er sorgt dafür, dass mit den Orts- nicht auch die Klassendifferenzen in den Himmel wachsen, er hat einen fast gemütlich-sozialistischen Zug.

Das bedeutet nicht, dass alle Regionen sich ähnelten, ganz im Gegenteil; aber sie unterscheiden sich in der geographischen Fläche und nicht nach oben und unten. Vor einigen Jahren ging ein des Deutschen kundiger russischer Schriftsteller hierzulande auf Lesereise, und als man ihn fragte, was ihm am meisten auffalle, antwortete er: Hier sei es gelungen, eines der wichtigsten Ziele Lenins zu verwirklichen, welches in der Sowjetunion niemals erreicht worden sei, nämlich die qualitative Angleichung der Lebensverhältnisse in Stadt und Land.

Das heißt natürlich zunächst einmal, dass sich Bequemlichkeit und Wohlstand vom Zentrum aus über die Peripherie verbreiten; im Resultat aber schwächt es die in der Differenzierung wurzelnde Dominanz des Zentrums und flößt dem vormals dörflichen Bereich Kräfte ein. Auch dies, der flächendeckende Vormarsch der Verstädterung, ist ein Sieg der Provinz.

Das Schöne am entwickelten Provinzialismus, der also nicht nur einen Reduktionszustand nach erfolgter Aussaugung durch die Metropole bedeutet, sondern seine Bestände in einer langen lokalen Geschichte schaffen und vermehren konnte, ist seine abwechslungsreiche Kleinteiligkeit. Sie wird von bestimmten geographischen Voraussetzungen begünstigt, kleinen Flusstälern etwa mit kleinen bewaldeten Höhenzügen dazwischen und einem nahen Horizont, der sich nicht glatt, sondern wellig gestaltet. So sehen die zwei kulturell einflussreichsten deutschen Landschaften aus, die südwestdeutsche und die ostmitteldeutsche; beide sind von Haus aus nicht sehr groß, steigern aber ihre gefühlte Größe durch Faltungsprozesse nach innen.

Zeit für die Heimreise

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