Live-Ticker: DSDS-Finale Endstation Sehnsucht

Frau und Mann geben eine Party und gucken das Finale von "Deutschland sucht den Superstar". Ein sueddeutsche.de-Live-Ticker-Drama in drei Akten.

Von Christian Kortmann

1. Akt: Die No-Show

Im Wohnzimmer eines Bungalows in München, beste Citylage mit Blick auf die Türme der Frauenkirche. Der Bungalow wird sich bald verändern, verkauft oder abgerissen werden, man weiß es nicht. In den Fluren und auf dem Grundstück liegen und stehen die gelben Stative und Dreifüße der Geodäten herum, die die Immobilie vermessen. Samstag, 20 Uhr, heute Abend geben K und C eine letzte Party in ihrem Bungalow, bevor sie umziehen müssen. Gerade warten sie auf den ersten Gast. In ihrer flach-futuristischen Stereoanlage läuft Van Morrison auf Vinyl: "Well, it's a marvelous night for a Moondance / With the stars up above in your eyes". Der Mann, C, steht an der breiten Fensterfront und wippt mit dem Fuß und nippt an einem großen Gin Tonic; die Frau, K, trägt ein Tablett mit Gläsern herein.

C: Mehr Tumbler. Habe ich immer schon gesagt. Wir brauchen mehr Tumbler. Diese ganzen Teegläser, wofür...

K: Schon klar. Fußball und Highball, das Einzige, was dich interessiert.

C: Und wir haben acht Uhr gesagt?

K: Ich habe gar nichts gesagt. Ab acht Uhr. Ist doch immer so.

C: Gerade ging die Schranke beim Pförtner hoch. Wird das eigentlich ein Vollmond heute?

K: Das Buffet. Steht schon in der Küche.

C: Bringt deine Schwester Erlend mit?

K: Krise.

C: Wieder noch.

K: Der ist doch schon lange nicht mehr voll.

C: Aber hell. Letzte Nacht war er voll hell.

K geht in die Küche.

20.15 Uhr

K: Nee, oder? Was ist das denn. Du willst doch jetzt nicht Fernsehen kucken?

C: Nur ganz kurz. Bohlen. Superstar. Finale.

K: Oh Gott.

C: Wenn die ersten kommen, schalte ich sofort aus. Ist Bohlen für dich wie Gottschalk: Erträgst du ihn nicht?

K: Irgendwie ist er mit egal. Ich finde ihn lustig. Und braun. Aber die Moderatorin ist schlimm.

Die Moderatoren Tooske Ragas und Marco Schreyl sagen, es sei endlich soweit, jetzt steige das DSDS-Finale, das Duell des Jahres zwischen Martin Stosch und Mark Medlock. Darüber würden morgen alle sprechen.

C: Das sind Avatare im Vorspann: Second-Life-Avatare. Sie leben im Netz. Oder was soll uns das sagen? Die heißt Tooske Ragas, die Moderatorin. Weißt du, mit wem die zusammen ist?

K: Mit jemandem von RTL? Wayne Carpendale?

C: Mit Bastiaan Ragas, dem Sänger von "Caught in the act".

Dieter Bohlen sagt, er sei stolz darauf, dass sie es alle bis jetzt überlebt hätten. Dann marschieren zu den Klängen der "Carmina Burana" Stosch und Medlock auf die Bühne - nervös aber gefasst.

20.35

C: Irgendwie langweilig, oder?

K: Es geht. Ich kuck's grad ja zum ersten Mal und lerne die Leute gerade erst kennen?

C: Und wie findest du Martin Stosch?

K: Süß. Ein kleiner Junge.

Martin Stosch singt "Life Is A Rollercoaster" von Ronan Keating. Er macht "Oohoho".

K: Oh Gott.

Martin Stosch macht noch einmal "Oohoho".

K: Oh Gott. Aber Ronan Keating ist ja auch schrecklich. Man muss Respekt haben vor dem kleinen Jungen, aber das ist echt ein schlechtes Lied.

Bohlen findet den Song gut, er passe zu Martin; Jurorin Anja Lukaseder ist froh und zufrieden und für Heinz Henn war es sein "bester Auftritt in der ganzen Staffel".

K: Die sind ja alle froh. Das hätte man auch anders beurteilen können.

C: Finale. Sie wollen beweisen, dass sie die besten haben. Um so wichtiger, weil Martin Stosch schon rausgeflogen war und jetzt wieder drin ist.

20.45

Mark Medlock wird gleich "What A Wonderful World" von Louis Armstrong singen, das Lieblingslied seiner verstorbenen Mutter.

K: Uiuiuiui.

Mark Medlock wird im Rückblick vorgestellt. Der Offenbacher nuschelt ein korrektes Hessisch.

K: Wow, hat der ein Hessisch drauf.

Das Publikum ist von Medlocks Song begeistert, für Heinz Henn ist es "Medlock zum Träumen", Anja Lukaseder fand es "wonderful". Und was sagt Bohlen? "Ich finde wirklich, dass du der absolute Gefühlskönig bist!", sagt er.

K: Gefühlskönig. Schön.

Bohlen hat sich ein Medlock-Spaß-Bärtchen angeklebt und fordert unverhohlen die Zuschauer auf, für Medlock anzurufen. Medlock will hart arbeiten, sagt: "Mehr wie umfallen kann ich nicht."

C: Man kann jetzt schon anrufen und abstimmen, super, noch mehr Telefongebühren für 9 Live, äh, RTL.

K: Ja, kuck mal: Die Mädels im Studio hauen schon in die Handytasten.

21.05

Martins Großeltern, seine Schwester, seine Mutter und Bianca, seine "gute Freundin", wünschen ihm alles Gute.

K: Weiß du, woran mich das erinnert: an diese Glückwünsche im MDR.

Martin singt "Crazy Little Thing Called Love" von Queen.

K (lacht): Seine Familie ist auch voll am Rocken. Ich weiß auch nicht.

C: Neun Uhr. Langsam könnte mal jemand kommen.

K: War schon besser als sein erstes Lied.

C: Dich hat's ja gepackt. Gegen Freddie Mercury kann man aber nur verlieren.

K: Wenn niemand kommt, dann kucken wir halt das.

Die Jury ist mal wieder völlig begeistert. - Marco Schreyl fasst prägnant zusammen: "Von Mark Medlock wissen wir: keine Familie mehr, dafür aber sehr gute Freunde."

21.12

Medlock singt "Easy" von Lionel Richie.

C: Quizfrage: wer ist dein Lieblingsmusiker in Lionel Richies Band?

K: Ja, Boris Becker natürlich. Hey, da, ein Gitarrensolo.

Das Publikum fordert eine Zugabe. Henn ist nicht zufrieden, dafür fühlt sich Lukaseder "umgehauen". Bohlen ist Medlocks größter Fan: "Thomas Anders hat sich damals, ich schwör's bei Gott, bei mir mit einer Lionel-Richie-Nummer vorgestellt. Und das klang - anders."

21.25

C: Kuck mal: Ulrike Meinhof. In Elfriede Jelineks "Ulrike Maria Stuart", live in 3sat, live aus Berlin vom Theatertreffen. Ah, Werbepause vorbei, es geht weiter.

C. steht wieder am Fenster.

C: Die Schranke geht hoch, da ist jemand beim Pförtner. Ich glaube, es ist F...

K: Kommt sie alleine?

C holt F von der Haustür ab.

C: Wir schalten sofort aus.

F: Hat denn schon einer gewonnen?

K: Wie, kuckst du das?

F: Würd' mich schon interessieren, wie's ausgeht...

C: Kein Problem, ist ja gleich vorbei. Wo ist M? Kommt er nicht?

F: Doch, er muss nur noch einen Parkplatz suchen.

21.35

Martin singt "I Can Reach Heaven From Here". Wenn er heute gewinnt, wird das seine erste Single.

F: Die Band begleitet ihn aber schlecht. Die wollen, dass der andere gewinnt. Das ist ja auch billigste Pyrotechnik.

Bohlen arbeitet heute sehr gegen sein Lästermaul-Image und lobt Martin über den grünen Klee. Muss er ja auch machen, wenn er Medlock schon zum Sieger erklärt. Henn leistet sich den Freud'schen Versprecher: "Martin, du hättest dir keinen besseren Abschluss aussuchen können."

K: Martin hat sich sehr bemüht.

F: Martin war stets sehr engagiert und beteiligte sich am Unterricht.

Jetzt singen sie auch in Berlin im Jelinek-Stück: einen Terrorismus-Talking-Blues mit Klavierbegleitung: "Egal, was immer auch passiert ist, danach gehen wir zum Shoppen. Kleidung ist wichtig, denn nur mit Kleidung sieht man uns." Die Polizei-Jury unterbricht mit dem Megaphon.

M (F.s Begleiter, der einen Parkplatz gefunden hat und gerade das Wohnzimmer betritt): Das ist mein DSDS-Siegertitel: Elfriede! Jelinek!

21.50

Bei Jelinek singen sie: "Schwein oder Mensch? Schwein oder Mensch? Schwein oder Mensch?" C schaltet um: Bohlen in Großaufnahme. Bohlen im Schattenriss, unter seinem Kinn singt klein im Hintergrund sein Geschöpf Medlock den Bohlen-Song "Now Or Never".

K: Mensch, Dieter, da haste ja wieder einen tollen Song geschrieben!

C: Kennt ihr die 3-Akkord-Lüge?

F: Henn redet wie Reiner Calmund.

C: Modern-Talking-Fans beschimpfen Modern-Talking-Verächter für die Behauptung, Modern-Talking-Songs hätten nur drei Akkorde.

Marco Schreyl fragt: "Bist du happy, Mark?" Mark sagt: "Mir geht schon der Arsch."

K: Medlock erinnert mich an meinen Friseur.

C: Redet der auch so?

K: Nein, so vom Typ her.

22.05

C: Die machen jetzt 70 Minuten Pause bis zum Voting-Ergebnis. Da soll man "Upps - Die Superpannenshow" kucken.

M: Das meinen die doch nicht ernst.

K: Ich hole euch einen Drink. Bier? Wein? Gin Tonic?

Jelinek in Berlin: "Im Fernsehen kommt nichts Interessantes mehr."

Im zweiten Akt: Der Überraschungsgast