Live Aid Bereit, Geschichte zu schreiben

Kurzum: Die anhaltende Dürre war schlimm, über mehrere Jahre fielen die Ernten aus. Dass aber 1984 acht Millionen Menschen hungerten, war größtenteils Schuld der Regierung.

Sie wollten Gutes tun - doch die Massenevents Live Aid und Live 8 haben Afrika mehr geschadet als genützt, offenbart ein neues Buch.

(Foto: AFP)

120 Millionen Dollar kamen dank Live Aid zusammen. Bob Geldof resümierte ein paar Jahre später, das Projekt sei "fast perfekt gewesen in dem, was es erreicht hat". Das kann einem, wenn man Gill liest, nur als Hohn erscheinen. Gill konzediert zwar, die Hilfsleistungen hätten vielen Menschen das Leben gerettet. Andererseits, und das macht Live Aid so tragisch, sind durch diese Gelder auch Tausende zu Tode gekommen: Die Regierungstruppen siedelten Hunderttausende Menschen aus den notleidenden Gegenden Nordäthiopiens im Süden des Landes an. Den Hilfsorganisationen verkauften sie das als Mittel im Kampf gegen den Hunger. Vor allem ging es ihnen aber darum, die Bevölkerung in den aufständischen Regionen auszudünnen.

"Seid Ihr bereit für eine Revolution?"

Die zwangsrekrutierten Menschen wurden fünf, sechs Tage lang durchs Land gefahren, bei diesen auszehrenden Transporten sind 50.000 bis 100.000 Menschen gestorben. In den südäthiopischen Gegenden starben dann viele an Seuchen und am Dreck in den Lagern. Finanziert wurden diese Zwangsumsiedlungen großteils von den Live-Aid-Spenden. Die französische Sektion der "Médécins sans Frontieres" zog sich damals unter Protest aus Äthiopien zurück - und sagte, dies sei"die größte Deportation seit dem Völkermord der Khmer Rouge". Darauf angesprochen, tadelte Geldof einen Journalisten der Irish Times: "Wir sollten Hilfe leisten, ohne uns den Kopf über Bevölkerungstranfers zu zerbrechen". Für Gill ist das ein symptomatischer Satz für die besserwisserische Ignoranz , für das Gießkannenprinzip des Westens. Hauptsache, es fließt Geld.

20 Jahre später, 2005 auf dem Live-8-Event, wurden zwar keine Spenden eingesammelt. Der Super-Simultan-Gig mit Konzerten in weltweit neun Städten sollte Druck ausüben auf die G8, den dreißig ärmsten Ländern die Schulden zu erlassen. Was lief das gut rein, als Madonna von der Bühne rief: "Seid ihr bereit für eine Revolution? Seid ihr bereit, Geschichte zu schreiben?" Aber hallo, alle waren bereit, zumal es nur eine Konzertkarte dafür brauchte.

Hilfe für den Despoten

Das Bittere an dieser zweiten Hilfsaktion aber war, dass der äthiopische Präsident Meles Zenawi von Geldof, Bono und Tony Blair auf dem Edinburgher Gipfel hofiert wurde. Gill kann sich nur wundern, wie der Mann, der kurz zuvor die Wahlen in Äthiopien in einem Blutbad hatte enden lassen, als neues Role Model des afrikanischen Staatsführers auratisiert wurde. Bono schwärmte von seinen ökonomischen Kenntnissen, Blair feierte ihn als Vorzeigepolitiker. Seither durfte Meles, wie David Rieff in einer exzellenten Besprechung des Buches von Gill anmerkt, "Afrika auf einem nach dem anderen Panel vertreten, von G8 über G 20 bis Kopenhagen 2009." Was bedeutet, das Live8 vor allem einem geholfen hat: Dem Despoten Meles Zenawi.

Das Land aber, das Meles angeblich so anders verwaltet, ist nach dem Schuldenerlass so abhängig von Hilfsgeldern wie zuvor, Demokratie ist keine in Sicht - und Gill ist sicher, dass die wirklichen Katastrophen in Äthiopien erst kommen werden: Die Bevölkerung hat sich seit dem Live-Aid-Projekt auf 80 Millionen verdoppelt und wird sich in den kommenden 25 Jahren nochmals verdoppeln.

Bittere Medizin

Es ist eine verdammt bittere Medizin, die Gill seinen Lesern verabreicht, am Ende gibt es keine Patentrezepte, im Gegenteil. Projekte wie das von Bono und Jeffrey Sachs vollmundig mitpropagierte "Millenium Development Project", das verspricht, bis 2025 die Armut weltweit auszurotten, wenn nur die Geberländer weiter kräftig ihre Gießkanne über Afrika halten, erscheinen einem nach der Lektüre beeindruckend weltfremd. Oder verantwortungslos.