Little Britain Zwischen Stahl und Schwabbel

Unser Kolumnist unternimmt eine Rundfahrt durch sein neues Stadtviertel. Was er dort sieht, während er an einer roten Ampel hält, sorgt bei ihm zugleich für Lach- und Weinkrämpfe.

Von Christian Zaschke, London

Als ich neulich tief im Westen Londons unterwegs war, um das schönste Sofa der Stadt zu kaufen, kam ich an einer roten Ampel zum Stehen. Rechts erhob sich ein Einkaufszentrum, das mich an das Krankenhaus in meinem Viertel erinnerte, weil es ebenfalls im Stil des Brutalismus errichtet worden ist. Immer wenn ich das Krankenhaus in meinem Viertel sehe, bin ich so eingeschüchtert, dass ich mir vornehme, umgehend wieder regelmäßig zum Sport zu gehen.

Das Krankenhaus in meinem Viertel sieht so aus, als ob niemand, der jemals dort wegen was auch immer hingebracht worden ist, in der Senkrechten wieder herausgekommen wäre. Da ich vor Kürzerem umgezogen bin und jetzt 200 oder vielleicht sogar 300 Meter weiter weg vom Krankenhaus wohne, ist mein Angsthaushalt derzeit um einiges ausgeglichener. Das ist einerseits gut. Nicht gut ist andererseits, dass ich jetzt so selten zum Sport gehe, dass ich mittel- oder sogar kurzfristig Gefahr laufe, von einem Mann aus Stahl zu einem Mann aus Schwabbel zu werden.

Das Einkaufszentrum jedenfalls sah noch furchterregender als das Krankenhaus aus. Offenbar hatte man eines Tages beschlossen, das Gebäude ein wenig aufzufrischen. Zu diesem Zwecke waren manche der trostlosen Betonflächen in einem sehr lebendigen Orange gestrichen worden, was dazu führte, dass man den Anblick des Einkaufszentrums nur vier Sekunden lang ertragen konnte, ohne einen hysterischen Lachkrampf zu bekommen.

Blitzschnell wandte ich den Blick nach links, denn ein Lachkrampf war das Letzte, was ich brauchen konnte, so kurz vor dem entscheidenden Sofakauf. Vielleicht hatte ich dann aber doch gerade so lange auf das Einkaufszentrum geschaut, dass ich in einen Zustand der milden Verwirrung geraten war. Jedenfalls ließ ich mir wenig später ein Sofa mit Kulifleck andrehen, worauf ich hier gar nicht weiter eingehen möchte.

Irgendwann macht auch die Frisur keinen Unterschied mehr

Linkerhand eröffnete sich der Blick in einen winzigen Friseursalon. Es gibt in London, grob geschätzt, pro fünf Einwohner einen winzigen Friseursalon, also fast so viele wie chemische Reinigungen. Der Friseur hielt eine Schermaschine in der rechten Hand, mit der er den Kopf eines Kunden nachlässig bearbeitete. In der linken Hand hielt er ein Telefon, in das er, so sah es zumindest aus, die Neuigkeiten des Tages brüllte. Sein Kunde nahm das offensichtlich hin. Er wirkte wie ein Mann, der auf halbem Wege zwischen Stahl und Schwabbel beschlossen hat, dass aller Widerstand zwecklos ist und nun die Frisur auch keinen Unterschied mehr macht.

Es war ein Anblick, den ich nur dank immenser Willensstärke fast vier Sekunden lang ertragen konnte, ohne einen hysterischen Weinkrampf zu bekommen. Ich atmete sehr tief durch, als die Ampel auf Grün sprang.