Little Britain Tropfen wie milder Sommerregen
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Genug Zeit, um die erste Hälfte von Tolstois "Krieg und Frieden" zu lesen oder den U-Bahn-Plan von London auswendig zu lernen: Bis das Wasser einer heißen Dusche im Mutterland der Dampfmaschine eine angenehme Temperatur hat, dauert es ganz schön lang. Doch es gibt Schlimmeres.
Viele Briten betrachten die Welt unerschütterlich im Lichte des ersten Satzes ihrer ungeschriebenen Verfassung, der da lautet: "Es mag auf dem Kontinent und in den USA vieles anders oder (angeblich) besser funktionieren, aber so, wie es hier läuft, ist es richtig." Dieser Satz gilt immer und für alles. Es steckt dahinter eine grundsätzliche Haltung, die ich sehr bewundere.
Sieht leicht aus, in London aber nicht so einfach zu haben: eine richtige Dusche.
(Foto: AP)Als die Tennisspielerin Serena Williams im vergangenen Jahr beim Turnier in Wimbledon freundlich sagte, man wisse als Amerikaner ja, dass die technischen Standards hier nicht ganz so hoch seien, hatten die britischen Kollegen keine Ahnung, was sie damit gemeint haben könnte. In Williams' Pressekonferenz sagte ein britischer Kollege zum anderen: "Was will sie denn? Wir haben sogar dimmbare Deckenleuchten." Ach, dachte ich, nichts geht über diesen saharatrockenen Humor. Dann verstand ich, dass der Mann das ernst meinte.
Vielleicht hatte Frau Williams morgens versucht, schnell eine heiße Dusche zu nehmen. Wenn ich eine heiße Dusche nehmen will, muss ich zunächst an einer Schnur im Bad ziehen. In einem kleinen Kästchen an der Decke leuchtet dann ein rotes Kontrolllämpchen auf. Dank des Lämpchens weiß ich: Jetzt heizt sich das Wasser auf.
Großbritannien ist zu Recht bekannt für seine hervorragenden Ingenieure. Hier wurde die Dampfmaschine erfunden, die Grundlage aller Industrialisierung. Nach dem Schnurziehen habe ich erst einmal genügend Zeit, die erste Hälfte von Tolstois "Krieg und Frieden" zu lesen oder den U-Bahn-Plan von London auswendig zu lernen, was exakt gleich lange dauert. Anschließend drehe ich das Wasser an und warte wieder.
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Alle ein, zwei Minuten halte ich die Hand in den Strahl, um zu prüfen, ob sich schon was getan hat. Wenn das Wasser eine angenehme Temperatur angenommen hat, stelle ich mich unter die Dusche, aus der die Tropfen eher vorsichtig fallen wie ein milder Sommerregen. Du Glückspilz, sagen meine englischen Freunde, und sie haben recht: Bei meiner Freundin C., die im Stadtzentrum wohnt, kann man nur im Sitzen duschen, weil der Wasserdruck zu gering ist. Wenn man sich hinstellt und die Brause über den Kopf hält, kommt nicht ein Tropfen heraus.
Im Radio ist derzeit die drohende Wasserknappheit das große Thema. Es hat in den vergangenen beiden Jahren zu wenig geregnet, man befürchtet nun eine Dürre. Was man da machen könne, fragten die Radiomenschen besorgt. Ein Hörer rief an und sagte: All das Wasser, das durch den Hahn rauscht, bevor es warm wird, könnte man doch in Eimern auffangen und zum Spülen des Klos benutzen. Danke, sagten die Radioleute ernst, das ist nun wirklich die beste Idee seit langem.