Little Britain Der stets erstaunliche G.

Der Schatten des neuen Londoner Gebäudes "The Shard".

(Foto: Bloomberg)

Unser Kolumnist wurde noch vor dem Touristenansturm genötigt, mit dem Aufzug die 68 Stockwerke der neuen Londoner Attraktion "The Shard" hochzufahren. Höhenangst? Auf geht's.

Von Christian Zaschke, London

Der stets erstaunliche G. hatte mich mitgeschleppt zu einem, wie er sagte, exklusiven Termin: Es ging darum, 68 Stockwerke hochzufahren, um die Aussicht über London zu genießen. "Ist ne Riesensache", sagte er, "wirst schon sehen." Als er "sehen" sagte, zwinkerte er mit dem rechten Auge, damit ich den Wortwitz auch wirklich verstehe - sehen, Aussicht. G., der ein mindestens eigentümliches Faible für mittelgute Witze pflegt, vertritt die Ansicht, dass mein Humorverständnis eher kontinentaleuropäisch ausgeprägt ist.

Nun standen wir vor einem Gebäude, das sich "The Shard" nennt, die Scherbe, und 310 Meter hoch ist. Im Februar wird es für Touristen geöffnet. Einmal hochfahren in den 68. Stock kostet dann 30 Pfund. Das ist teuer, aber wenn man bedenkt, dass der Besuch des Wachsfigurenkabinetts Madame Tussauds, der mit riesigem Abstand überflüssigsten Touristenattraktion der Welt, ebenfalls 30 Pfund kostet, ist es schon wieder billig.

Mit der Jubilee Line war ich widerwillig zur Station London Bridge gefahren, hatte G. eher zufällig an einem der geschätzt 30 Ausgänge getroffen und schaute nach oben, wo die Spitze des Shards im grauen Himmel verschwand. "Du weißt, dass ich Höhenangst habe", sagte ich. "Auf geht's", sagte G.

Der stets erstaunliche G. legt gerade - wie nach offiziellen Angaben ein Drittel aller Briten - einen alkoholfreien Januar ein. Als wir im ersten Aufzug in den 36. Stock katapultiert wurden, sagte er, dass er am Montag eine Pause vom Nichtstrinken machen werde. Ich nickte halb starr vor Angst. "Das ist inkonsequent", sagte ich benommen, als wir im zweiten Aufzug rauf in den 68. Stock zur Aussichtsplattform geschossen wurden. Meine Ohren dröhnten.

In dieser Woche begehen mein Freund Wolf und seine wunderbare Frau Tina ihren 20. Hochzeitstag. Sie feiern nördlich von Hamburg, wo das Land sehr flach ist. Daran dachte ich auf der rasenden Fahrt im Aufzug, und der Gedanke beruhigte mich ein wenig.

Nachdem sich die Aufzugstüren geöffnet hatten, stiegen wir noch drei Treppen hoch, dann standen wir vor den Panoramafenstern. Rund um den Shard hatte sich der Nebel zu weißer Watte verdichtet. Ich blickte nach Nordosten. Irgendwo da hinten musste Hamburg liegen, ich hob die Hand zum Gruße. "Was machst du da?", fragte G. sehr leise. "Ich gratuliere zum 20. Hochzeitstag", brüllte ich. "Hab ich doch erst am Montag", wisperte G. "Was?", schrie ich.

"Ich hab am Montag 20. Hochzeitstag", flüsterte G., "deshalb mache ich doch die Pause vom Nichtstrinken." Der Turm - er schwankte, meine Ohren dröhnten. Ich hielt mir die Nase zu und versuchte, den Druck von den Ohren zu kriegen, was nicht gelang.