Literaturtage in Frankfurt Schule des Südens

Woher kommst du? - Die alte Gretchenfrage scheint heute obsolet geworden zu sein. Worum es stattdessen geht, darüber sprachen Autorinnen auf den Frankfurter Literaturtagen zum Thema "Neue Weltliteratur".

Von VOLKER BREIDECKER

"Wo ist deutsch?", die Frage der Moderatorin klang beinahe verzweifelt. Mit ihr suchte der nicht des Französischen mächtige Teil des Publikums den Kanal mit der simultanen Übersetzung. Am Mikrofon holte Patrick Chamoiseau, von der Karibikinsel Martinique stammender Schriftsteller und Goncourt-Preisträger, gerade zu seinem Diskussionsbeitrag aus. Ilija Trojanow, der einzige Vertreter der deutschsprachigen Literatur im Saal, jedoch als gebürtiger Bulgare nicht am Fluchtort Deutschland, sondern in Kenia am Indischen Ozean aufgewachsen, gab da den verschmitzten Rat: "Je nach dem, in welche Richtung man das Rädchen dreht, findet man die gesuchte Sprache."

Auf der Suche nach den Möglichkeiten einer neuen Weltliteratur unter globalisierten Bedingungen trafen die Literaturtage von Litprom, der "Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika" in diesem Jahr buchstäblich den Nagel auf den Kopf: Denn wo auf dem Globus oben und wo unten, wo links und rechts, wo hinten und vorne ist, hängt allein davon ab, aus welcher Perspektive man die Erdkugel, betrachtet. Symptomatisch dafür waren die eingeladenen zehn Autoren aus drei Kontinenten der südlichen Hemisphäre. Beinahe alle sind an gleich mehreren Orten dieser Welt weniger beheimatet als vielmehr so heimisch, wie man an es an Orten, die man selbst gewählt hat, überhaupt nur werden kann.

Die alte Frage nach der Weltliteratur - Goethe erklärte sie zum "Gemeingut aller Menschen" - jenseits eines bloß marktgängigen Labels wirklich neu zu stellen, hieße heute mehr denn je, nach Universellem und nach Universalien zu fragen. Insbesondere solchen, die man denjenigen Menschen verweigert, die vor Katastrophen, Krisen und Nöte nach Norden geflüchtet sind, wo sie nicht immer und überall willkommen geheißen werden. Dies hatte der brasilianische Schriftsteller Luiz Ruffato bereits 2013, in seiner damals gefeierten Rede zur Eröffnung zur Frankfurter Buchmesse vehement beklagt, als er sagte: "Es wird viel von Globalisierung geredet, doch die Grenzen sind offen für Handelswaren, für Menschen nicht." Dagegen als Schriftsteller seine "Einzigartigkeit zu erklären", sei "eine Form des Widerstands gegen den autoritären Versuch, Unterschiede zu nivellieren". Und gegen die Neigung, denjenigen, "der uns fremd ist und deswegen in uns die Faszination des wechselseitigen Erkennens auslösen sollte, mehr denn je als Bedrohung" anzusehen.

Präziser hätte Ruffato, der auch zu diesen Literaturtagen wieder in Frankfurt war, die Sache der Literatur kaum fassen können. Um die schnöde Prosa der Verhältnisse nicht zu vergessen, blieb allerdings anzumerken, dass der schillernde Begriff des "globalen Südens" seit den Achtzigerjahren von Ökonomen der Weltbank geprägt worden ist: Das klänge zwar freundlicher und weniger hierarchisch als die postkolonialen Auffassungen von "Peripherie" und "Dritter Welt", sei aber auch nichts anderes als "alten Wein in neuen Schläuchen". Dies sagte der aus Sansibar stammende und in England lebende Verfasser des Romans "Ferne Gestade" (2001) Abdulrazak Gurnah im Gespräch mit dem afroamerikanischen Krimiautor Mukoma Wa Ngugi und dem zwischen Angola und Brasilien pendelnden lusofonen und in viele Sprachen ("Das Lachen der Geckos", 2015) übersetzten Romancier und Lyriker José Eduardo Agualusa.

"Woher kommst du?" Die alte Gretchenfrage an Fremde ist heute obsolet geworden

Überhaupt bestand der Reiz dieser Literaturtage in der raren Begegnung von Autoren gleich dreier Kontinente. Bei Cross-Over-Gesprächen von einer Küste zur anderen entdeckten sie zuweilen mehr historische, kulturelle und sprachliche Gemeinsamkeiten als trennende Unterschiede. Ruffato und Agualusa lieferten sich im Trio mit ihrem quirligen Übersetzer Michael Kegler ein fröhliches Schattenboxen. Es ging dabei um die Frage, inwiefern Brasilien ein partiell afrikanisches Land sei oder bei aller Multiethnizität einer Einwanderungsgesellschaft völlig identitätslos, bevölkert von Menschen, die Ruffato zufolge nur davon träumten, endlich Nordamerikaner zu werden. Patrick Chamoiseau, einer der Hauptvertreter des Konzepts einer die Welt bastardisierenden "creolité", war sich mit der singhalesischen Jungautorin Amanda Lee Koe über den hohen Grad einig, in dem die Erfahrungen des Unheimlichen und gar des Übernatürlichen Teil ihrer geografisch weit auseinanderliegenden Kulturen sind.

"Woher kommst du?" Die alte Gretchenfrage, die Fremden in der Fremde stets gestellt wurde, ist heute obsolet geworden. Priya Basil, die Autorin des Romans "Die Logik des Herzens" (2012) wurde in London geboren, wuchs aber in Kenia auf, bevor sie zum Studieren wieder nach England ging. In zweifacher Distanz zu ihren Ursprüngen, die sie, anders als manch anderer, jederzeit wieder aufsuchen und neu besichtigen kann, lebt und schreibt sie heute in Berlin. Weder Hautfarbe noch Sprache, weder Geburtsort noch Religion lassen verbindlich erkennen, "in welchen Regionen" - geografischen, geistigen, kulturellen, seelischen, sexuellen - Menschen heute zu Hause sind. Oder es gerade nicht sind, weil sie sich, ob als Migranten, Flüchtlinge oder auch einfach nur aus Lust und Laune irgendwo unterwegs, vorübergehend oder dauerhaft dort niederlassen, wo sie sich gerade wohl fühlen und wo sie Mensch sein können. Für die Literatur bedeutet dies, dass sie in unermesslicher Dehnung ihres "Sprachkleids" (Chamoiseau) auf der Suche nach einem globalen Alphabet ist, nach einer Utopie in der Dystopie - einer Poetik der chaotischen Welt.

Oder ist die Ökonomie des Betriebs am Ende auch das Schicksal der Literatur? Im Begleitprogramm präsentierte der Sender Arte als Premiere den unbedingt sehenswerten Dokumentarfilm "Money in Minutes" (er wird an diesem Dienstag um 23. 15 Uhr ausgestrahlt) der beiden Regisseure Monika Hielscher und Matthias Heeder. Der Film zeigt, dass das Universalmedium Geld längst schon da ist, wo auch immer Migranten hinkommen. Als Strom, der von dem weltweit operierenden Transferunternehmen Western Union gelenkt wird, kommt es ihnen zuvor. Allerdings zu Lasten der Ärmsten des Südens, die aus der Ferne ihre Angehörigen gegen gewaltige Provisionen und Währungsabschläge mit Geld versorgen wollen. Auch dies gehört offenbar zum Prinzip des Queeren und des Schmutzigen, der Basis auch einer neuen Weltliteratur.