Literaturpreis Aus dem Wohnwagen zum 165 000-Dollar-Literaturpreis

Eine Stimme der Gestohlenen Generationen australischer Ureinwohner: Ali Cobby Eckermann.

(Foto: Adrian Cook)

Die Dichterin Ali Cobby Eckermann lebt mit ihrer Adoptivmutter im australischen Adelaide. Nun erhält sie eine der höchstdotierten Auszeichnungen der Literaturwelt.

Von Julian Dörr

Während in Yale die Champagnergläser klirren, versucht eine Frau in einem Wohnwagen im südaustralischen Adelaide gerade den Schock ihres Lebens zu verarbeiten. Ali Cobby Eckermann hat soeben erfahren, dass sie den Windham-Campbell-Preis gewonnen hat, eine der höchstdotierten Auszeichnungen der Literaturwelt. 165 000 US-Dollar. Für die Dichterin, die gemeinsam mit ihrer Adoptivmutter in einem Wohnwagen lebt, ist es eine lebensverändernde Summe.

Eckermann kämpft mit den Tränen, als sie dem Sydney Morning Herald von dem Moment erzählt, in dem sie von ihrer Auszeichnung erfuhr. In ihrem Postfach sei plötzlich diese Email aufgepoppt, von der Jury des Preises. Mit der Bitte um Rückruf. Also rief Eckermann zurück. An der amerikanischen Ostküste war es da bereits Nacht und die Jury saß beim Abendessen. Weshalb man kurzerhand über Lautsprecher auf die Gewinnerin anstieß.

Eckermann selbst ist Teil der Stolen Generations

Ali Cobby Eckermann ist eine von acht Preisträgern und Preisträgerinnen in diesem Jahr. Jede und jeder von ihnen erhält 165 000 US-Dollar. Der Preis wird seit 2013 von der Yale University verliehen - in Erinnerung an den Autor Donald Windham und seinen Lebenspartner Sandy M. Campbell. Das Besondere: Die nominierten Autoren haben für gewöhnlich keine Ahnung, dass sie überhaupt im Rennen um diese Auszeichnung sind. Die meisten erfahren von dem Preis erst, wenn sie ihn gewonnen haben. So wie Ali Cobby Eckermann.

Sie ist die erste Gewinnerin des Windham-Campbell-Preises in der Kategorie Lyrik, die in diesem Jahr zum ersten Mal ausgelobt wurde. Für die Aborigine-Dichterin bedeutet der Preis aber viel mehr als nur finanzielle Sicherheit. "Es fühlt sich so an, als würde diese Auszeichnung auch die Geschichte meiner Familie würdigen", sagt sie dem Guardian. Eine Geschichte, die das gewaltige Unrecht widerspiegelt, das den Aborigines in Australien widerfahren ist. Eckerman widmet den Preis ihrer Großmutter, die vor den britischen Atombombentests in der Nähe der Stadt Maralinga floh, bei denen viele australische Ureinwohner ihre Heimat und ihr Leben verloren.

Eckermann selbst ist Teil der Stolen Generations, der Gestohlenen Generationen von Aborigine-Kindern, die als Babys von ihren Müttern getrennt und zur Adoption frei gegeben wurden. Unter Zwang der australischen Regierung, die damit die Assimilation der Aborigines in die damals vorherrschend weiße Gesellschaft vorantreiben wollte. So wuchsen drei Generationen von Eckermanns Familie ohne ihre leiblichen Eltern auf: ihre Mutter, sie selbst und ihr Sohn. "Als ich 34 war", sagt die Dichterin heute, "habe ich endlich meine Mutter gefunden. Vier Jahre später wurde mir mein Sohn zurückgegeben. Lyrik hat mir geholfen, das zu verarbeiten. Und eine Auszeichnung dieser Größe wird viele unserer Wunden heilen." In der Begründung der Jury heißt es: "Ali Cobby Eckermann konfrontiert sich mit der gewalttätigen Geschichte von Australiens Gestohlenen Generationen und findet eine Sprache für ganze Stammbäume von unaussprechlichem Trauma und Verlust."

Das Preisgeld von 165 000 Dollar wird Eckermann deshalb auch dafür nutzen, ihre Familie wieder zusammenzuführen. "Mein Sohn und meine Enkel ziehen bald zurück nach Südaustralien", sagt sie, "und von dem Geld können wir ein Haus kaufen oder mieten. Das wird uns Stabilität geben. So etwas hatte ich noch nie. Dann können wir alle unter einem Dach zusammenleben."

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