Literaturnobelpreisträgerin Alexijewitsch Den Vergessenen eine Stimme geben

Ihr eigener Stil, Osteuropa in Büchern zu verewigen, beschert Swetlana Alexijewitsch den Literaturnobelpreis. Damit ist die Weißrussin viel mehr in der Wirklichkeit verankert als andere Ausgezeichnete.

Von Sonja Zekri

Sie geht dorthin, sie befragt jene Menschen, mit denen alle anderen eigentlich schon abgeschlossen haben, die Journalisten, die Historiker, die Schriftsteller sowieso, die Jahrzehnte verstummt sind, vielleicht nie geredet haben, nie reden durften, aber Swetlana Alexijewitsch, seit wenigen Minuten Literaturnobelpreisträgerin, brachte sie alle zum Sprechen: Die Kriegskinder Weißrusslands ("Die letzten Zeugen"), die Veteranen des sowjetischen Afghanistankrieges ("Zinkjungen"), die Opfer der Atomkatastrophe in Tschernobyl ("Tschernobyl - Eine Chronik der Zukunft") oder die Verlorenen im postsowjetischen Russland ("Secondhand-Zeit").

Jahre, oft Jahrzehnte hat sie für ihre Bücher gebraucht, begonnen in einer Zeit, als solche Recherchen noch verboten waren, bis heute, wo immer neue, erweiterte, ergänzte Ausgaben ihrer Werke entstehen. Denn nichts ist abgeschlossen, nichts vergessen, das meiste nicht verarbeitet, für sie, für ihre Land, für Osteuropa, nicht der Krieg, nicht der Kampf um eine Freiheit, die so vielen Menschen Angst macht, über die so viele unterschiedliche Auffassungen herrschen, nicht die Alpträume und auch nicht der Verlust.

Tausende Zeugnisse

Wie soll eine Mutter damit fertig werden, dass ihr Sohn nach der Rückkehr aus Afghanistan ein Beil aus ihrem Küchenschrank nimmt und einen Menschen zerstückelt? "Ich beneide die Mutter, deren Sohn ohne Beine heimgekehrt ist", schreit sie. Wie eine schwangere Frau, deren Mann zum Feuerwehreinsatz nach Tschernobyl gerufen wird, wo er ohne Schutzkleidung über das geschmolzene Dach läuft - und ihm später beim Sterben zusieht? Tausende Zeugnisse sind es, die jenen oft beschriebenen "Chor" ergeben, jene monumentale "Autobiografie" des europäischen Ostens, die in dieser Tiefenschärfe, diesem bedingungslosen Humanismus, und der schieren historischen Dimension ohne Beispiel ist.

"Der Mensch hat viele Sprachen: die Sprache, in der er mit seinen Kindern spricht, die Sprache der Liebe ... und die Sprache, in der wir mit uns selbst reden, die Sprache des inneren Selbstgesprächs", schreibt Alexijewitsch in "Secondhand-Zeit". Es ist ein Unterschied, ob man auf der Straße, auf der Arbeit auf Reisen spricht, "ob man morgens oder abends spricht". Und sie, Swetlana Alexijewitsch, wolle die nächtlichen Themen mit der Gründlichkeit des "Tagmenschen" verstehen. Sie tut dies mit der Präzision der gelernten Journalistin, aber komponiert ihre Quellen zu einem "Roman in Stimmen", wie sie es selbst nennt, mit einem unverwechselbaren Klang, einem Rhythmus, einer eigenen Melodie. Das Material für ihre Bücher findet sie - wie viele Schriftsteller immer, wie manche Schriftsteller gelegentlich, wie unter den Titanen der russischen Literatur beispielsweise Solschenizyn, Babel, manchmal Tschechow - in der Realität. Zur Literatur aber wird es erst durch ihre Hand.

Es schadet nicht, daran zu erinnern, dass ja auch Theodor Mommsen 1902 für seine Römische Geschichte den Literaturnobelpreis bekommen hat - und Winston Churchill 1953 für sein historisch biografisches Werk und für seine Reden. Und doch: Die jüngste Literaturnobelpreisträgerin ist sehr viel mehr in der Wirklichkeit verankert als viele andere der Ausgezeichneten vor ihr.

Entsetzliche Erfahrungen

Swetlana Alexijewitsch, 1948 geboren als Tochter einer ukrainischen Mutter und eines weißrussischen Vaters in der heutigen Ukraine, lebte lange im weißrussischen Minsk, wo sie Journalismus studierte. Inzwischen weiß man dank der Arbeiten der Historiker auch im Westen, wie entsetzlich, ja, existenzbedrohend das 20. Jahrhundert für jene Region war: Revolution, Weltkriege, Entkulakisierung, Millionen Hungertote. Ganze Völker waren von der Vernichtung bedroht und diese Erfahrung prägt den Raum bis heute: In der Abwägung zwischen Freiheit und Überleben, Demokratie und Aufbegehren wird dies immer eine Rolle spielen.

Wer Swetlana Alexijewitsch liest, begreift, warum das so ist. Warum Gewalterfahrungen über Generationen weitergegeben werden und - hier kommt die politische Kommentatorin Alexijewitsch ins Spiel - dies doch keine Ausrede für die Kapitulation im Angesicht der Repression sein darf. Sie ist oft ausgezeichnet worden dafür, nun mit dem höchsten Preis, den die literarische Welt zu vergeben hat. In ihrer Heimat Weißrussland sind ihre Bücher dennoch kaum zu haben. Für die Autokraten des Ostens, die verbliebenen und neu gefestigten, ist diese Auszeichnung keine gute Nachricht. Für alle anderen schon.

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