Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano Stiller Spurenleser

Einer, der es versteht, allein zu sein: der neue Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano.

(Foto: Reuters)

Patrick Modiano ist ein stiller Kundschafter des Verborgenen. Mit ihm rückt das schwedische Komitee wieder einen Erzähler vom Rande in den Mittelpunkt der literarischen Aufmerksamkeit.

Von Joseph Hanimann, Paris

Das Telefon dürfte beim Autor Patrick Modiano etwa so überraschend geklingelt haben wie am Anfang seines gerade erschienenen neuen Romans "Pour que tu ne te perdes pas dans le quartier" (Dass du dich nur nicht im Viertel verlierst). Ein Mann liegt dort in der Zurückgezogenheit seiner Wohnung, als das seit Langem stumme Telefon klingelt und der Anrufer ihm das vor Kurzem verlorene Adressbuch zurückbringen will. Woraus eine jener aus dem Halbdunkel der Erinnerung aufsteigenden Geschichten sich knüpft, die Modiano so meisterhaft beherrscht.

Dem Anruf aus Stockholm wird dagegen nun viel Scheinwerferlicht folgen, das der diskrete Autor Modiano bisher eher gemieden hat. Er war zwar in früheren Jahren mitunter im Gespräch als möglicher Nobelpreiskandidat und kam auch diesmal wieder auf die Liste - allerdings erst vor drei Tagen, praktisch im letzten Moment. Dieser seit über dreißig Jahren mit fast ebenso vielen Romanen in der Literatur präsente Autor hat sein treues, aber eher überschaubares Leserpublikum.

Dass das Nobelpreiskomitee ihn nun jäh ins Rampenlicht rückt, zeugt von Mut, mit dem die Akademie sich manchmal wohl selbst überrascht. Zumal vor erst sechs Jahren ein anderer Franzose, J. M. G. Le Clézio, überraschend den Nobelpreis erhielt.

Abwesende Helden

Im Unterschied zum großen Weltenfahrer Le Clézio ist Modiano ein Kundschafter der verborgenen Quartierwege in Paris, die in seiner Literatur allerdings den weiten Kontinent des Gedächtnisses und der Geschichte des mittleren 20. Jahrhunderts durchziehen. Seine Erzählungen kreisen zwar stets um den gleichen Kern - die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs und die Folgen gleich danach -, aber das wird bei Modiano zu einer allgemeinen "Kunst des Erinnerns" ausgeweitet, wie das Nobelpreiskomitee in seiner Begründung es treffend nennt. Modiano liest die Spuren menschlicher Existenz aus den unscheinbaren Objekten einer Straßenkreuzung, einer Hinterhoftreppe oder eines Bartresens.

Seine Helden sind Abwesende, selbst wenn sie im Roman gerade noch da sind: Abwesende, die in ihren Spuren und flüchtigen Gesten präsenter sind als in ihrem unmittelbaren Erscheinen. Von ihren persönlichen Geschichten, ihrem Schicksal und manchmal auch ihrem Namen her scheinen sie immer wieder in die Richtung des Verschwindens in der Schoah zu weisen. Doch unterscheiden sie sich durch die Lautlosigkeit und das Fehlen der emphatischen Tragik und stellen sich dazu mitunter sogar in grellen Kontrast.

Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano Autor gegen das Vergessen

Klar statt komplex, knapp statt ausufernd, so sind Sprache und Werk von Patrick Modiano. Nun bekommt der Franzose den Literaturnobelpreis - obwohl er angeblich "seit mehr als 40 Jahren" immer wieder "fast den gleichen Roman" vorlegt.

So war das schon im kühnen Erstlingsroman "La Place de l'Étoile", mit dem der damals dreiundzwanzigjährige Autor 1968 schlagartig bekannt wurde. Der Jude Raphaël Schlémilovitch, teilweise nach dem Vorbild des französischen Schriftstellers Maurice Sachs gezeichnet, verkehrt darin mit den antisemitischen Autoren Céline und Lucien Rebatet und sucht auch Sigmund Freud auf, um von seiner "jüdischen Neurose" loszukommen. Die Wirkung dieses anrüchigen Romans - über dessen Virulenz der Autor Modiano sich heute selber aufrichtig wundert - versprach ein eher skandalträchtiges neues Schriftstellertalent am Horizont der französischen Literatur.

Das Gegenteil ist eingetreten. Nicht nur, dass Modiano das Schrille meidet, den Medien ausweicht und so gut wie keine Interviews gibt - sein ganzes weiteres Schreiben tauchte ins Zwielicht der Pariser Stadttopografie ein, wo verblichene Dramen und längst verhallte Schreie hängen geblieben zu sein scheinen. Der Roman "Dora Bruder" (1997) begab sich auf die Spuren einer verschollenen jungen Frau. In "Vorraum der Kindheit" (1992) gerät ein Mann in seine Kindheit unter politisch unklaren Verhältnissen. Im Buch "Aus tiefstem Vergessen" (1996) steht ein Mann in der Métro plötzlich seiner Jugendliebe von vor dreißig Jahren gegenüber, die ihn in die Windungen der Vergangenheit hineinzieht. Manchmal wurde diese Literatur mit dem Werk des Installationskünstlers Christian Boltanski verglichen: ein ähnliches Schweigen, eine ähnliche Suggestionskraft, jedoch in der schwerelosen Erscheinung gut lesbarer Geschichten.