Literaturnobelpreisträger Mo Yan Red nicht über den Rausch

Mo Yan bei einer Pressekonferenz in seiner Heimatstadt Gaomi im Oktober 2012.

(Foto: dpa)

Im Oktober fürchtete er noch die Frage "Wie kann ich nicht glücklich sein, wo ich doch soeben den Nobelpreis gewonnen habe?". Der Schriftsteller Mo Yan ist seither abgetaucht. Raus aus dem Wirbel. Wie geht es dem Chinesen jetzt, kurz vor der feierlichen Verleihung am 10. Dezember?

Von Kai Strittmatter

Sind Sie glücklich?" Auch Mo Yan, der frisch gebackene Literaturnobelpreisträger und Gast der Sendung "Von Angesicht zu Angesicht", entkam der Frage nicht, mit der die Journalisten des chinesischen Staatssenders und Propagandasprachrohrs CCTV im Oktober, kurz vor dem Parteitag der KP, erwartungsfroh Tausende Bürger überfielen. Mo Yan zögerte ein wenig. "Ich weiß nicht", sagte er. "Ich fühle mich unter großem Druck und mache mir Sorgen über vieles. Ist das Glück? Aber wenn ich jetzt sage, ich sei nicht glücklich, dann nennen Sie mich wohl einen Heuchler und fragen: ,Wie kann ich nicht glücklich sein, wo ich doch soeben den Nobelpreis gewonnen habe'?"

Mo Yan ist seither abgetaucht. Raus aus dem Wirbel. Mit einem Mal sollen seine Geschichten in die Schulbücher seines Landes. Ein Neurologe namens Hu Jun empfiehlt Mo Yans manchmal seitenlange Sätze zur Senkung des Bluthochdrucks: "20 Minuten Vorlesen seiner Sätze ist gutes Aerobic. Das entleert die Lunge."

Das alte Bauernhaus in dem kleinen Dorf Gaomi in der Provinz Shandong mit den aus Lehm gestampften Mauern, in dem der Schriftsteller aufwuchs, wo er Armut erlebte und Hunger litt, ist zum Pilgerort geworden. Der 90-jährige Vater Guan Yifan muss zusehen, wie Touristen sämtliche Karottenkeimlinge, die er eben erst gesetzt hatte, aus der Erde rupfen. Ein Reporter berichtete von einer Besucherin, die ein paar Blätter vom Baum nebenan abzupfte und ihrem Sohn zuflüsterte: "Die bringen dir Glück, vielleicht wirst du ja von der Peking-Universität aufgenommen." Eine "Fengshui-Untersuchungsgruppe" reiste an, machte eine Zeremonie im Hof und fand heraus: Der Ort ist "Schatzland".

In der Tat. Ein Volk mit einer literarischen Tradition von mehr als 2500 Jahren gewinnt seinen ersten Literaturnobelpreis, und saugt daraus nicht bloß Befriedigung und Stolz, sondern auch allerlei merkantilen Nektar. Das beginnt im Heimatort selbst. Die "Gaomi Brathähnchen" sind schon umgetauft in "Mo Yan Hähnchen", die Gemeinde hat einen grandiosen Plan: einen "Mo-Yan-Kulturerlebnispark". 650 Hektar rote Hirse wollen sie pflanzen und so Mo Yans berühmtestem, von Zhang Yimou verfilmten Roman "Das rote Kornfeld" die Ehre erweisen. Nachdem es einigen Wirbel gab um Meldungen, wonach die Regierung 107 Millionen Dollar in dieses Disneyworld für Literaturpatrioten investieren wolle, beeilt sich Gaomis oberster Pressebeamte Shao Chunsheng zu versichern, das Geld solle von privaten Investoren kommen.

Auf der Online-Einkaufsseite Taobao.com kann man derweil mit Mo Yans Konterfei bedruckte T-Shirts kaufen, aber auch Schlabberpullover und schlecht sitzende Anzüge "im Mo-Yan-Stil". Und die Schnapsmarke "Mo Yan Zui" wechselte soeben für zehn Millionen Yuan (1,3 Millionen Euro) den Besitzer. Zugegeben: Die Marke hieß schon vorher so, und ließ sich vor dem Nobelpreis übersetzen als "Red nicht über den Rausch" (Trink einfach). Jetzt hingegen werden die meisten beim Blick aufs Etikett "Mo Yan Rausch" lesen.

Der Druck, von dem Mo Yan sprach, er kommt auch von dem Streit um seine Person. Mit der Nachricht vom Nobelpreis war auch innerhalb Chinas Netzgemeinde eine hitzige Debatte ausgebrochen, ob Mo Yan, der in seinem Nebenjob als staatlich bestallter Literaturfunktionär der Parteipropaganda mehr als nur einen guten Dienst erwiesen hat, ein würdiger Preisträger sei. Einer der ersten Gratulanten war Chinas oberster Propagandachef Li Changchun. Mo Yan nahm den Kritikern dann etwas Wind aus den Segeln, als er öffentlich verkündete, er halte die Freilassung von Liu Xiaobo, des inhaftierten Trägers des Friedensnobelpreises von 2009, für eine gute Idee. Die meisten Chinesen erreichte diese Äußerung allerdings gar nicht, zumal die Propagandaabteilung der KP flugs folgende Weisung an die Medien herausgab: "Zu schreiben ist lediglich über Mo Yans literarische Leistung. Er ist nicht mit anderen Nobelpreisträgern zu vergleichen. Politisierung ist zu meiden."

Mo Yan gab noch ein paar Interviews, von denen jenes am meisten Aufmerksamkeit erregte, in dem er den "magischen Realismus" (so ein Kommentator) des Pekinger Immobilienmarktes offenbarte. Von einem Reporter der Nachrichtenagentur Xinhua befragt, was er mit dem Preisgeld zu tun gedenke, antwortete Mo Yan: "Eigentlich wollte ich mir ja eine große Wohnung in Peking kaufen." Dann aber habe ihn jemand auf die Quadratmeterpreise in der Hauptstadt hingewiesen: mancherorts 50 000 Yuan, mehr als 6000 Euro. Mo Yan rechnete vor: "Das Geld reicht vielleicht für 120 Quadratmeter." - "Hehe", kommentierte ein Internetznutzer: "In China ist jeder kleine Kader mehr wert als ein Autor von Weltrang." Dafür sprudelt es an anderer Stelle: Onlinebuchhändler, die vor Oktober vielleicht 100 Mo-Yan-Romane im Monat verkauften, werden im Moment mehr als 8000 am Tag los.

Wie alles und jedes werden in China mittlerweile auch Schriftsteller in eine "Wer sind die Reichsten im Land?"-Liste gepresst. Die Liste für 2012 wurde am Donnerstag veröffentlicht: Mo Yan - der es noch nie auf die seit 2006 bestehende Liste geschafft hatte - ist nun Nummer zwei. Listenerfinder Wu Huaiyao schätzt, Mo Yan habe in diesem Jahr umgerechnet mehr als 2,5 Millionen Euro an Tantiemen eingenommen. Wu erklärte zudem, seine Liste diene der Verbreitung der Idee, dass auch eine Existenz als Schriftsteller "respektabel und profitabel" sein könne.

Mo Yan lernt derweil tanzen. Sagt jedenfalls sein Bruder. "Schließlich werden Schwedens König und Königin da sein." Und er schreibt an seiner Rede. "Ich werde von der Wirklichkeit erzählen", zitiert ihn die Volkszeitung: "Die Wahrheit sprechen."