Literaturnobelpreis Literatur-Nobelpreis für Ishiguro: Ein Pakt mit dem Populären

Kazuo Ishiguro ist ein würdiger Preisträger, wenngleich ein unerwarteter.

(Foto: dpa)

Für die Auszeichnung von Kazuo Ishiguro wird das Nobelpreis-Komitee angegriffen - weil es nicht den Mut habe, die Avantgarde zu fördern. Aber das ist nicht seine Aufgabe.

Kommentar von Thomas Steinfeld

Als Bob Dylan im vergangenen Jahr den Nobelpreis für Literatur zugesprochen bekam, hatte die Schwedische Akademie die Folgen dieser Entscheidung falsch eingeschätzt: Was als Reverenz an einen erweiterten Begriff von Literatur gedacht war, als Huldigung an die gesprochene und gesungene Dichtung, verwandelte sich schnell in einen Affront gegen das Lesen. Nicht zuletzt der US-Sänger Dylan selbst schien das Problematische seiner Auszeichnung wahrzunehmen. Aus den Demütigungen, die er für die Akademie parat hatte, sprach auch das Bewusstsein, in ihm nicht angemessene Verhältnisse geraten zu sein. In diesem Jahr musste die Akademie deswegen zu den Büchern zurückkehren. Und mehr noch: Sie musste eine würdige Entscheidung fällen.

Kazuo Ishiguro ist ein würdiger Preisträger, wenngleich ein unerwarteter. Eher hätte man mit einem offensiv literarischen Schriftsteller gerechnet und mit einer entschlossen unpopulären Wahl - mit dem koreanischen Lyriker Ko Un zum Beispiel oder mit dem kenianischen Romancier Ngũgĩ wa Thiong'o. Auch wäre, zumal bei der Akademie eines Landes, dessen Ministerpräsident sich zu einem "Feministen" erklärt, die Auszeichnung einer Frau zu erwarten gewesen. Nach der Entscheidung für Bob Dylan hätte die Akademie alle Freiheiten besessen. Sie hätte sich für das Dunkle, Abgelegene und Avantgardistische entscheiden können. Sie tat es nicht.

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Kazuo Ishiguro ist ein würdiger, aber unerwarteter Preisträger

Der Brite Kazuo Ishiguro ist ein in vielen Ländern beliebter Autor. Und er ist ein Mann, der das Populäre nicht scheut, was nicht nur sein Umgang mit den literarischen Genres - zu seinem Repertoire gehört sogar der fantastische Abenteuerroman -, sondern auch die Verfilmungen seiner Bücher beweisen. Zugleich aber ist dieser Schriftsteller alles andere als ein harmloser Autor: Die meisten seiner Werke kreisen um verlorene Charaktere, die nur das Vergessen (oder das Nicht-wissen-Wollen) davor schützt, an sich selbst wie an der Welt zu verzweifeln. Die Bücher besitzen philosophische Tiefe, und der Erfolg des Schriftstellers ist kein Argument dagegen.

Der Schwedischen Akademie wird nun, am lautesten im eigenen Land, vorgeworfen, die Literatur einem Pakt mit dem Populären zu opfern. Sie vernachlässige das zu Unrecht verkannte, das Gewagte und Fortschrittliche. Aber gehört die Pflege der Avantgarde wirklich zur Aufgabe einer Akademie, deren Patron ein König und damit eine Nation ist? Eher doch würde man von einer solchen nationalen Akademie erwarten, dass sie als gehobene - oder sogar: als höchste - Instanz der Volkspädagogik fungiert und also eher einen Standard definiert, als das Aparte zu pflegen. Deswegen gehört es, in Schweden wie etwa in Frankreich, zu ihren Pflichten, den Wortgebrauch zu normieren und die Rechtschreibung zu ordnen. Die Schwedische Akademie hat in ihrer Geschichte viele solcher Entscheidungen für das Gemeinverständliche gefällt, angefangen bei Selma Lagerlöf bis hin zu Doris Lessing. In diesem Sinne bewegt sich die Entscheidung für Kazuo Ishiguro in einer guten Tradition.

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