Literaturnobelpreis Lektion in Geradeaushaftigkeit

Kurz vor Ablauf der Frist hat Bob Dylan seine Nobelvorlesung abgeliefert.

(Foto: dpa)

Bob Dylan liefert kurz vor Fristende doch noch die für den Literaturnobelpreis nötige Vorlesung ab - mit einer unterschwellig unbescheidenen Erkenntnis.

Von Jan Kedves

Da ist sie nun also, die Vorlesung. Bob Dylan musste sie einreichen, um nach Annahme des Preisgelds von 820 000 Euro die Nobel-Stiftung in Stockholm nicht noch weiter zu düpieren. Erst hatte er sie ja ordentlich zappeln lassen, man wusste wochenlang nicht, ob er den Literaturnobelpreis, von dem es so oft geheißen hatte, dass er ihn nun endlich mal bekommen müsse, annehmen würde.

Dann hatte er zur Verleihung im Dezember seine Freundin Patti Smith geschickt. Die Nobel-Statuten sehen aber vor, dass der Preisträger spätestens sechs Monate nach der Auszeichnung noch eine Vorlesung zu halten oder in schriftlicher oder anders aufgezeichneter Form vorzulegen habe. Eine Vorlesung, die Einblick in seinen Zugang zur Literatur erlaubt. Am Samstag wäre die Deadline verstrichen, et voilà: Auf der Website nobelprize.org steht jetzt Dylans halbstündige Literatur-Lehrstunde, oder: Dylans Lektion in straightforwardness.

Geradeaushaftigkeit deswegen, weil er sich zwar eingangs, wohl aus dramaturgischen Gründen, dafür entschuldigt, dass er hier nur auf Umwegen auf Literatur zu spechen komme. Was dann aber folgt, ist eine ziemlich stringente Nacherzählung der drei literarischen Werke, die ihn in der Schule am stärksten beeindruckt haben. "Da steckt alles drin: die jüdisch-christliche Bibel, hinduistische Mythen, britische Legenden, Saint George, Perseus, Herkules - sie alle waren Walfänger" (Dylan über "Moby Dick"). "Ich wollte nie wieder einen Kriegsroman lesen und habe es auch nie wieder getan" (Dylan über "Im Westen nichts Neues"). "Rastlose Winde, fröstelnde Winde, unfreundliche Winde" (Dylan über Homers "Odyssee").

So weit, so klassisch. Dylan ist aber recording artist, und deswegen hat er nicht nur den Text geschickt, sondern auch eine Audio-Datei, aufgezeichnet am Sonntag in Los Angeles. Darin spricht er seine Vorlesung, untermalt von dudeligstem Barjazz-Geklimpere, selbst ein. 27 Minuten und sieben Sekunden herrlich monotones Dylan-Stimmkratzen, das auch gar nicht monoton ist, wenn man in den Kratzsog hineingefunden hat und heraushört, wie Dylan an manchen Stellen darüber nachdenkt, auf welche Weise er den Worten Nachdruck oder besonderen Ausdruck verleihen könnte, etwa indem er sie vielleicht doch sänge, was er dann aber doch nicht tut, oder vielleicht halb.

Überhaupt: seine Idiosynkrasien in der Aussprache. Er erzählt, dass er als Junge "ein natürliches Gespür für klassische Balladen und Country-Blues" gehabt habe, den Rest aber "from scratch", also von Grund auf, habe lernen müssen. "Scratch" klingt bei ihm so: "skrätz".

Das ist große Unterhaltung, aber noch keine Rechtfertigung. Es ist ja ohnehin eine völlig absurde Idee, dass nun ausgerechnet Dylan noch einmal genau erklären soll, warum er zwischen Camus, Kertész und Jelinek gehört - er hat den Preis ja längst bekommen. Andere haben entschieden, dass er großer Literat ist. Er selbst insistiert sogar eher auf der grundsätzlichen Verschiedenheit der Genres: "Die Worte in Shakespeares Stücken sind dazu gedacht, auf der Bühne gespielt zu werden. Genauso wie die Texte von Songs zum Singen gedacht sind und nicht dazu, auf Papier gelesen zu werden."

Gralshütern der hohen Literatur wird das vielleicht zu wenig sein, aber was soll's: Sie können sich an dem Stöckchen festhalten, das Dylan ihnen via Homer zum Schluss hinwirft. Er zitiert nämlich Homers Urszene des epischen Erzählens, seine Anrufung der Muse, die eben nicht spricht, sondern singt. So wie Bob? Mit anderen Worten: Vielleicht sind gerade Singer-Songwriter die literarisch Geküssten. Gerissen, und auf unterschwellige Art total unbescheiden, dieser Dylan.