Literaturnobelpreis 2013 für Alice Munro Wie erstaunlich, wie schrecklich

"Aber es ist doch schon etwas, den Tag überstanden zu haben, ohne dass er zur absoluten Katastrophe wird", heißt es am Ende einer ihrer Erzählungen - "vielleicht". Die Kanadierin Alice Munro erhält den Nobelpreis für Literatur 2013. Warum das Gewöhnliche auch immer das Unheimliche ist und wie dabei gute Geschichten entstehen.

Von Thomas Steinfeld

Einmal verließ Alice Munro ihre Heimat und zog viertausend Kilometer weit nach Westen, nach Victoria auf Vancouver Island, einem für kanadische Verhältnisse fast mondänen Badeort, am Ufer eines Sunds, der hinausgeht auf einen gewaltigen Ozean. Dort betrieb sie eine Buchhandlung, "Munro's Books", und hatte damit sogar Erfolg. Aber es hielt sie nicht lange in heroischen Verhältnissen. Im Jahr 1972, nach knapp einem Jahrzehnt, kehrte sie zurück in die Gegend, in der sie aufgewachsen war: in den Süden der Provinz Ontario, in das flache Land auf der Halbinsel zwischen Toronto und Detroit, auf der Ostseite des Lake Huron.

Bauern gibt es dort, Zulieferindustrie für die Automobilwirtschaft und, auf einer Verkehrsinsel mitten in Clinton, jener Kleinstadt, in der Alice Munro lebt, eine gewaltige Radarantenne aus dem Zweiten Weltkrieg. Man könnte diese Antenne als Allegorie für die Autorschaft der Schriftstellerin Alice Munro verstehen: als ob man die ganze Welt aus Clinton, Ontario, belauschen könne. Tatsächlich aber verlaufen die Verhältnisse umgekehrt: Alice Munro sorgt dafür, dass die ganze Welt sehr viel aus dem "Huron County" erfährt.

Am Donnerstagmittag hat die Schwedische Akademie dieser Schriftstellerin den Nobelpreis für Literatur zugesprochen, für ein Werk, das sich über mehr als sechs Jahrzehnte erstreckt, aber nur einem Genre gewidmet ist: Es ist in einem Dutzend Bänden zusammengefasst und besteht aus Kurzgeschichten, so wie diese in Nordamerika geschrieben werden und allen europäischen Literaturen seltsam fremd bleiben. Diese Geschichten handeln von mehr oder minder alltäglichen Situationen, von der eigenen Familie, manchmal über Generationen, von Menschen, die in Clinton oder Wingham oder Listowel leben oder zumindest leben könnten.

"Es fühlt sich gar nicht schlimm an"

Manchmal sagen diese Menschen Sätze wie "Ich sterbe, wenn das Kleid morgen nicht fertig ist." Oder: "Es fühlt sich gar nicht schlimm an." Jedes Mal, wenn ein solcher Satz kommt, wird dem Leser ein wenig unheimlich: Denn man merkt seiner Gewöhnlichkeit an, dass sie eigentlich an der Stelle von etwas ganz Außerordentlichem, wenn nicht Bedrohlichem steht, dass sie einer existenziellen Herausforderung abgerungen sind, die eigentlich viel wahrscheinlicher wäre als der normale Lauf der Dinge.

Für die Menschen, um die es in diesen Geschichten geht, gibt es ein Wort, das schwer ins Deutsche zu übersetzen ist und in Nordamerika eine etwas andere Bedeutung hat als im Englischen. Sie heißen "people". Diese "people" sind nicht "Leute", und sie sind auch nicht "Volk", sondern irgendetwas dazwischen - das Wort ist ähnlich wie das amerikanische "domestic", dessen Bedeutung sich irgendwo zwischen "häuslich" und "innenpolitisch" befindet.

"People" also sind der eigentliche Gegenstand dieser Geschichten, was auf der einen Seite bedeutet, dass ihnen etwas von Gattung anhaftet oder dass sie ähnlich oder vergleichbar sind. Und auf der anderen Seite leuchtet an ihnen doch, und manchmal unter den seltsamsten, auch unangenehmsten Umständen, ein Äußerstes an Individualität auf, etwas Einzigartiges und Kostbares, an dem einem Leser dann plötzlich so viel liegt, dass er das Banale, ja sogar das Gemeine als eine höhere Form der Anmut zu akzeptieren bereit ist. In dieser doppelten Gestalt, als Gattungswesen und höchst verfeinerte Einzelwesen, stolpern die Figuren Alice Munros durch ein Leben, das ihnen oft genug als reichlich diffuse, neblige Veranstaltung entgegentritt.

"Aber es ist doch schon etwas, den Tag überstanden zu haben, ohne dass er zur absoluten Katastrophe wird", heißt es am Ende einer Geschichte mit dem Titel "Tieflöcher". Aber dann wird dieser ironischen Gemütlichkeit ein "vielleicht" angehängt, so dass sie mitten zwischen der Behaglichkeit, die im Verzehr einer Portion Lasagne und eines Glas Weins liegen mag, und einer Einladung zur Höllenfahrt stehenbleibt.