Wenn nur noch der Leistungskurs Englisch sich freut: Der diesjährige Nobelpreis für Literatur offenbart eine trostlose, sektiererische, anachronistische und, schlimmer noch: eine entsetzlich langweilige Wahl.
Als Horace Engdahl, der ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, gestern Mittag vor die Mikrophone trat, um bekanntzugeben, wer in diesem Jahr den Nobelpreis für Literatur erhalten würde, brach in Stockholm eine Dame in lautes Gelächter aus. "Ich war ja so verblüfft", erklärte Annika Holmgren später, die Chefin der größten Buchhandlung in der Stadt. Und tatsächlich: auf dem eigens für dieses Ereignis vorbereiteten Büchertisch lagen zwar die Werke von Philip Roth und Adonis, von Orhan Pamuk, Ko Un und Bob Dylan. Aber es war nicht ein einziges Werk, nicht ein Drama von Harold Pinter darunter.
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Spätestens als eines der Mitglieder der Akademie mit der Hoffnung vor die Kameras trat, mit der Entscheidung für Elfriede Jelinek dem österreichischen Populismus in der Politik eins ausgewischt zu haben, war klar, dass in diesem Gremium nach sehr eigenwilligen Maßstäben geurteilt wird. (© )
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Die Literatur- und Theaterkritiker der schwedischen Hauptstadt rangen, gleich ihren Kollegen in aller Welt, um Fassung. Einige versuchten, womöglich in Erinnerung an einen zwanzig oder dreißig Jahre zurückliegenden Englischunterricht, dem Beschluss etwas Positives abzugewinnen. Aber es half nichts, denn die Wahrheit dahinter ist allzu offensichtlich: Die Entscheidung für Harold Pinter ist eine trostlose, sektiererische, anachronistische und, schlimmer noch: entsetzlich langweilige Wahl. Man wird nicht erfahren, wie und warum sie zustande gekommen ist. Zum Besten der Akademie möchte man annehmen, dass sich zwei Fraktionen nicht haben einigen können und dann, wie in einem kreiselnden Kräfteparallelogramm, ein Pfeil in eine nicht nur unerwartete, sondern auch unerwünschte Richtung losschoss.
Zu Beginn des neuen Jahrtausends fällte die Schwedische Akademie unmittelbar hintereinander drei überzeugende, klarsichtige, literarisch begründete Entscheidungen: Sie vergab den Preis an V. S. Naipaul, Imre Kertész und J. M. Coetzee. So hätte es lange weitergehen können. Doch dann kehrte die erratischen Muster der späten neunziger Jahre zurück, als Dario Fo und Gao Xinjiang den Preis erhielten - der eine ein Spaßvogel, dessen Scherze nur dann zum Lachen reizen, wenn man die politischen Ressentiments des Clowns teilt, der andere ein chinesischer Dissident, dessen neuer Rang doch sehr in Zweifel geriet, als bekannt wurde, dass ein Mitglied der Akademie nicht nur als dessen Übersetzer, sondern auch als dessen Verleger agierte. Mit Horace Engdahl, dem neuen Ständigen Sekretär, schien eine Phase der Verwirrung in eine Phase der Stabilisierung gemündet zu sein.
Dann kam, im vergangenen Jahr, Elfriede Jelinek. Die Frage nach ihrer literarischen Bedeutung bleibe dahingestellt - doch vermochte allein die Begründung der Akademie für diese Entscheidung erheblichen Zweifel an deren Fähigkeit zu wecken, die Verhältnisse des literarischen Betriebs angemessen einzuschätzen. So wurde Elfriede Jelinek für eine Prosa gelobt, geschaffen, um "die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees zu enthüllen"- so als wäre das Subversive, dessentwegen man sie preist, nicht längst selbst eine Majestät, so als wäre die Enthüllung von Klischees nicht längst das größte Klischee.
Spätestens als eines der Mitglieder der Akademie mit der Hoffnung vor die Kameras trat, mit der Entscheidung für Elfriede Jelinek dem österreichischen Populismus in der Politik eins ausgewischt zu haben, war klar, dass in diesem Gremium nach sehr eigenwilligen Maßstäben geurteilt wird - und in Verkennung des Umstands, dass Österreich das einzige Land sein dürfte, in dem Staatsfeind und Staatsdichter ein und dieselbe Person sein dürfen. Auch bei Harold Pinter wird nun wieder das politische Engagement des Autors gelobt - eines Autors, der vor zwei Jahren dazu aufforderte, die "barbarisch" gewordenen Vereinigten Staaten mit "absoluter Entschiedenheit" entgegenzutreten. Man wird solche Hassparolen weder für ein Werk der politischen noch der literarischen Aufklärung halten können.
Knut Ahnlund, langgedientes Mitglied der Schwedischen Akademie, hat am Dienstag dieser Woche das Gremium mit der Begründung verlassen, es lasse sich - vor allem bei dessen Entscheidung für Elfriede Jelinek - von Willkür, Proporz und Vorurteilen leiten. Gewiss, auch seine Austrittserklärung (siehe SZ vom 12. Oktober) ist nicht frei von Ressentiments. Und dennoch entsteht der Eindruck, seine Beschreibung der Akademie als einer literarisch zunehmend erratischen Veranstaltung sei nicht ohne reale Grundlage.
Jede Entscheidung der Akademie für einen Schriftsteller ist auch eine Entscheidung gegen andere Schriftsteller. Wer die Wahl auf Harold Pinter fallen lässt, der entscheidet sich - zugunsten einer auf ein Genre, ja im Grunde auf eine dramatische Situation beschränkte Autorschaft - gegen Werke, die seit Jahrzehnten nicht nur ihre Welt abbilden, sondern sie auch gestalten. Was ist mit Philip Roth, mit John Updike, mit Amos Oz, Margret Atwood, Tomas Tranströmer, Ryszard Kapuscinski? Es scheint, als wolle sich die Schwedische Akademie nunmehr der Gegenwart verweigern, als habe sie völlig vergessen, dass Dichtung auch leben, schaffen, brennen kann.
(SZ vom 14.10.2005)