Literaturland Brasilien Text als Tanz

Nicht jeder brasilianische Autor will repräsentativ für Brasilien sein. Der Lyrik-Performance-Künstler Ricardo Domeneck lebt seit zehn Jahren in Berlin und gehört zur experimentierfreudigen europäischen Lyrik-Szene. Zu seinen Gedichten gehört auch sein Körper.

Von Michaela Metz

Deutsche Lyrik trifft auf brasilianische Lyrik. Unter diesem Motto stand eine Lesung während der Leipziger Buchmesse, an der auch Ricardo Domeneck teilnahm, eingeladen als Repräsentant der brasilianischen Lyrik. "Aber", erklärt Domeneck, "ich sehe mich nicht als brasilianischen Schriftsteller. Ich bin ein Schriftsteller aus São Paulo, der in Berlin lebt." Ganze Länder zu vergleichen sei eine zu große Abstraktion. Man könne sich doch schon kaum zwei unterschiedlichere Städte als Berlin und München vorstellen, und die lägen beide in Deutschland.

Schon seit zehn Jahren lebt der 1977 geborene Lyrik-Performance-Künstler in Berlin. Der Großvater stammte aus Katalonien, Domeneck ist ein katalonischer Name. Die Großmutter war Italienerin. In München, wo er anfangs Deutsch als Fremdsprache studierte, hatte er es ein knappes Jahr ausgehalten. Die Stadt war ihm zu teuer. Eigentlich wollte Domeneck nur ein Jahr in Deutschland leben, doch dann ist er geblieben. "Europa ist wichtig für meine Arbeit", sagt Domeneck. "Hier gibt es ein Netzwerk experimenteller Lyrik, Festivals und einen Respekt für die Literatur, der in Lateinamerika oft fehlt."

Körper und Gedicht

Domeneck ist es wichtig, mit seinem Körper zu arbeiten, er bewegt sich auf der Bühne, liest mit schmerzhaft verschränkter Körperhaltung oder verbindet Lyrik mit Tanz. In seinen Texten will er die Trennung zwischen Körper und Geist aufheben. "Ich arbeite an der Grenze dieser Dualität", sagt er. Er will diese Grenze nicht mehr als Trennung sehen, sondern als Verbindung.

Deswegen bezieht sich Domeneck in seiner Lyrik immer auf den Körper. Der Titel seines kürzlich erschienenen zweisprachigen Gedichtbands lautet: "Körper: Ein Handbuch" (Corpo: Um Manual). Odile Kennel hat seine collageartigen Texte mit anatomischen Begriffen, Regionalismen, Gay-Slang und Alltagssprache nach Hunderten "Küchengesprächen" mit dem Autor feinfühlig ins Deutsche übersetzt (Verlagshaus J. Frank, Berlin 2013. 240 S., 16,90 Euro) Im ersten Text, "Kör | per", einer Art lexikalischen Vermessung des Menschen, nennt Domeneck den Körper ein "Modell, das die Mechanik der Reinheit gefährdet", "Ramsch, der auf Fotos nicht schwitzt", "ein gemütliches Möbelstück, das gepflegt werden will".