Literaturfestival Wundersame Verwandlungen

In ihrem vierten Jahr hat die Kölner "poetica" internationale Autoren unter dem Motto "Beyond Identities" zu Gast. Es geht um Verflüssigungen der Identität, und um die "Kunst der Verwandlung".

Von VOLKER BREIDECKER

Nichts gegen Labels, "solange es deren viele sind", sagt Teju Cole, der in Lagos geboren wurde, in England und den USA aufwuchs und seine Ausbildung erhielt und heute als Autor in Brooklyn lebt ("Open City", dt. 2012): Solange man ihn auf keine singulär fixierte Identität reduziere, könne man ihn gerne als "amerikanischen", als "afroamerikanischen", "nigerianischen", "postkolonialen" Schriftsteller oder was auch immer sonst für einen Autor ansehen. Zumal er in Personalunion Kunsthistoriker und Mediziner, Fotograf und Essayist - mit fester Rubrik in der New York Times - ist. Cole ist einer von zehn Autoren aus vier Kontinenten, die Yoko Tawada, der deutsch-japanischen Dichterin und Kuratorin zur vierten Ausgabe des Festivals "poetica" nach Köln eingeladen hat. Eine Woche lang finden in der Stadt öffentliche Lesungen, Gespräche und Kolloquien an verschiedenen Orten statt.

Unter dem Titel "Beyond Identities" geht es noch bis Sonnabend um "Die Kunst der Verwandlung", in der sich Herkunftsmerkmale verflüssigen sollen. Der Rhein, sagt Tawada, bestehe wie jeder Fluss aus den Wassern sämtlicher Weltmeere. Der Kunst der Verwandlung ist auch das Internationale Kolleg Morphomata ("Gestaltwandel") verpflichtet, der Initiator der jährlich wiederkehrenden "poetica", die es im Bund mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Kölner Universität veranstaltet. Im Kreise so verschiedener Zungen sah sich denn auch die koreanische Lyrikerin Kim Hyesoon weniger in der Bundesrepublik Deutschland als in einer "Dichterrepublik" angekommen.

In Zeiten eines sich "identitär" gebärdenden neuen Nationalismus sei - so Universitätsrektor Axel Freimuth in seiner Begrüßungsansprache - der exterritorialen "Vernunft der Poesie" mehr zu vertrauen als einer Politik, die Menschen auf ihre territoriale Herkunft festlegt. Zu den Teilnehmern zählt auch der chinesische Dichter Bei Dao, der Jahrzehnte im Exil lebte ("Wenn Messer sich im Wasser krümmen / Überquerst du auf Flötentönen Brücke um Brücke"), der Amerikaner Jeffrey Angles, der ausschließlich auf Japanisch dichtet

Die Verwandlung in Zeiten Donald Trumps: "Als ich eines Morgens aufwachte ..."

("Zu lesen / Im Wind der sich dunkel dreht / Wörter, kurz bevor sie abhanden kommen), die Niederländerin Anneke Brassinga, die in Vietnam während des Kriegs geborene und dann in die USA evakuierte Romanautorin Monique Truong, ferner die lyrischen Stimmkünstlerinnen Hiromi Itō aus Japan und Barbara Köhler aus Deutschland neben dem Büchnerpreisträger Jan Wagner, der seinem dänischen Kollegen Marten Søndergaard beim Auspacken von dessen "Wortapotheke" zur Seite steht.

Der Antrieb zu neuen Metamorphosen zweigt sich hier nicht nur zwischen Wort und Stimme, sondern auch in den Übergängen von Wort und visuellem Bild. Besonders ausgeprägt ist letzteres im Werk von Taju Cole, der eigenhändig gemachte Fotografien neuerdings ins Zentrum seiner Texte stellt, so auch in einem Gang nach Ground Zero. Dieses erscheint dem Wanderer nicht erst seit 9/11 als Palimpsest, weil er dort nun auch die Reste noch älterer Gebäude, Plätze und Quartiere erkennt, die dem World Trade Center einst hatten weichen müssen. Eher, dass sich der Fotograf hier jedoch seinem Objekt auslieferte, wendet er sich davon ab.

Die Generalprobe auf die allseits verwandelnde Kraft literarischer Kunst absolvierten die Teilnehmer am Objekt einer Metamorphose par excellence, Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung". Sie begann als Experiment am Text selbst, genauer noch an deren erstem Satz, der auf seine Verwandlungsfähigkeit in die von den Teilnehmern repräsentierten Fremdsprachen hin abgetastet wurde: "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt." Einige Teilnehmer schilderten, wie Ihnen beim Lesen und Wiederlesen dieses Satzes und in den Varianten seines Wandels von einer Sprache zur anderen buchstäblich neue Lichter aufgingen.

Teju Cole wiederum ging am weitesten und zauberte aus dem Stegreif neue Sätze auf dem Palimpsest des Originals. In mehreren Varianten holte er zu einer albtraumhaften Zustandsbeschreibung der neuen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse Amerikas in der Ära Trump aus: "One morning I woke up after bad dreams to find . . ."