Literaturfest Schreiben in Zeiten von Twitter

Begleiter eines "radikalen Umbruchs": Stephan Porombka.

(Foto: Catherina Hess)

Salman Rushdie denkt über den "Gelbhaarigen" nach und Stephan Porombka erklärt eine eigentümliche Revolution namens Liebe

Von Franziska Rentzsch, Antje Weber

Die erste Frage an diesem Abend gilt seinem Twitter-Account. Er hat ihn am Morgen abgeschaltet. "Ich hatte das Gefühl, in einem Raum mit vielen anderen zu sein, die mich nicht mehr amüsiert haben", erklärt Salman Rushdie. Und das erinnert ihn gleich an eine Anekdote über den Raum, in dem er sitzt: die Große Aula der LMU. Als er hier 1982 "Mitternachtskinder" gelesen habe, sei eine Frau doch glatt ohnmächtig geworden. "Das hat mich schon stolz gemacht - hängt die Latte für den heutigen Abend aber auch recht hoch."

Doch da kann sich Rushdie beruhigt zurücklehnen. Zwar sind die 600 Plätze der Aula voll besetzt, es liest am Freitagabend aber ein anderer für ihn: Axel Milberg. Vier Passagen aus "Golden House" bringt er als Einpersonenstück großartig auf die Bühne. Die Bösartigkeit des Nero Golden, die gewitzte Ehefrau und den unsicher bis verzweifelt klingenden Erzähler: Charaktere, die Milberg lebendig werden lässt und aus denen er auch den subtilsten Humor herauskitzelt. Rushdie aber scheint es weniger um den Vortrag von "Golden House" als um die politische Botschaft dahinter zu gehen. Auch wenn es ursprünglich nicht seine Absicht war, sich zu Donald Trump zu äußern, hätten es die Entwicklungen gefordert. So beginnt die Geschichte noch mit der Amtseinführung Obamas, beleuchtet aber die Jahre bis hin zur Wahl des "Gelbhaarigen", wie Rushdie ihn nennt. Ein Ergebnis seiner literarischen Betrachtung: Trump sei keineswegs die Ursache, sondern die Folge eines schwerwiegenden Problems innerhalb der amerikanischen Gesellschaft. Und weil es Rushdie nun mal um die Gesamtaussage geht, verrät er auch gleich das Ende des Romans. Dazu sei nur so viel gesagt: Auch wenn sie ihn bei Twitter langweilt, hat Salman Rushdie doch noch nicht den Glauben an die Menschheit verloren.

Das hätte sicher auch eine interessante Begegnung werden können: Salman Rushdie und Stephan Porombka im Gespräch über Twitter, Instagram, Tinder und darüber, wie diese das Lesen und Schreiben im 21. Jahrhundert verändern. Statt dessen sitzt der Autor und Texttheoretiker Porombka mit der jungen Moderatorin Ayla Amschlinger vor wuchernden Grünpflanzen im ansonsten ziemlich sterilen neuen Hotel The Lovelace - und das ist ebenfalls ein aufschlussreiches Treffen.

Eine "Saturday Night Show" war im Lovelace zum Abschluss des Literaturfests angekündigt worden, im "Zeichen der Liebe". Die geht ja oft verschlungene Wege, und so huldigt man ihr an diesem Abend in verschiedenen Spielarten. Unermüdlich windet und findet sich zum Beispiel eine Truppe von Tänzern auf einer zentralen Bühne, um die herum die Besucher bei allerlei Getränken ebenfalls zueinander finden können. Zu später Stunde liest allerdings die Autorin Jovana Reisinger warnende Passagen aus den Tagebüchern des liebeshungrigen Anarchisten Erich Mühsam: Nicht Tinder war vor hundert Jahren das beherrschende Liebes-Thema, sondern Tripper.

Ja, es ändert sich manches, man kann auch mit Porombka von einem "radikalen Umbruch" sprechen. "Es ist Liebe", verheißt der Titel seines Buches, in dem er die Liebe und das Schreiben über die Liebe in Zeiten des Smartphones nicht als oberflächlich abtut, sondern diese "eigenartige Revolution" als faszinierter Ethnologe analysiert. "Liebe heißt zu experimentieren, nicht nur mit Vorgestanztem zu arbeiten", sagt er. Das gilt auch für das Literaturfest, das neue Orte und Formate ausprobierte und nicht nur an diesem Abend bewusst machte, wie sehr unser Leben in Bewegung ist. Dass es wichtig ist, neugierig zu bleiben, sich im besten Fall "elektrisieren zu lassen", wie Porombka sagt, denn: "Wir sind mittendrin."