Literatur Wo ist Gui Minhai?

Gui Minhai beim womöglich erzwungenen TV-Auftritt vom Januar.

(Foto: AFP)

China protestiert gegen die Short List für den Prix Voltaire, der besonders mutige Autoren und Herausgeber auszeichnen soll. Denn diesmal steht der Verlagsmitarbeiter Gui Minhai auf der Liste, und dessen Schicksal in China ist höchst ungewiss.

Von Christoph Giesen

"Die Freiheit der Meinungsäußerung und die Freiheit zu Veröffentlichen sind Menschenrechte nach Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte", mit diesen Worten wird einleitend der Prix Voltaire, der Preis der International Publishers Association beschrieben. Einmal im Jahr verleiht der Verlegerverband den Preis an mutige Autoren und Herausgeber. Diesmal aber gibt es Streit - ausgerechnet um die Meinung und das Recht, sie frei zu äußern.

Ende Juni gab die Jury, das sogenannte "Freedom to Publish" (FtP) Komitee, die Shortlist für die diesjährige Verleihung bekannt. Per Email wurden die Mitgliedsverbände weltweit informiert. Aus Peking kam prompt Protest: Der Vizepräsident der Publishers Association of China (PAC) schrieb in einer wütenden Email: "Im Namen der PAC protestieren wir vehement gegen die unfreundliche Aktion des FtP-Komitees, und ich verlange, dass Gui Minhai von der Liste für den Prix Voltaire entfernt wird."

Gui ist einer von fünf Mitarbeitern eines Hongkonger Buchladens, die vor zwei Jahren urplötzlich verschwanden. Den Behörden in Peking waren die Bücher des kleinen Verlags immer ein Dorn im Auge - Klatsch und Tratsch und Interna aus der Pekinger Machtelite. Vor allem Touristen aus der Volksrepublik kauften die Bücher.

Drei der Buchhändler kehrten von China-Reisen nicht zurück. Einer wurde in Hongkong gekidnappt. Gui wurde zuletzt in Thailand gesehen. Er ist schwedischer Staatsbürger. 1988 war er zum Studium nach Göteborg gekommen. Nachdem in Peking die Regierung mit Panzern den Studentenprotest auf dem Platz des Himmlischen Friedens niederwalzte, blieb er.

Wenige Monate nach Guis Verschwinden das Lebenszeichen, im Staatsfernsehen. "Trotzdem ich schwedischer Staatsbürger bin, fühle ich mich noch immer wahrhaft chinesisch und meine Wurzeln sind noch immer in China", sagte er. "Ich hoffe daher, dass Schweden meine persönliche Entscheidung akzeptiert und mich meine Probleme alleine lösen lässt."

Sein angebliches Problem: 2003 war Gui in einen Verkehrsunfall verwickelt, bei dem ein Mädchen starb. Ein Gericht im ostchinesischen Ningbo verurteilte ihn zu zwei Jahren Gefängnis. Gui trat die Strafe allerdings nie an, da er China vorzeitig verließ. Angeblich soll sich Gui im Herbst 2015 den Behörden selbst gestellt haben. Das glaubt allerdings niemand. Denn: Gui gilt als der Hauptautor des Verlages. Mehr als 200 Bücher soll er von Thailand aus verfasst haben.

In der Protest-Email wird Gui als kriminell dargestellt und sein Fernsehgeständnis zitiert. Das hat System. Der vor wenigen Tagen in Gefangenschaft verstorbene Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo wurde von den Behörden bis zuletzt bloß als "rechtmäßig Verurteilter" bezeichnet.

Bemerkenswert an den Aufnahmen: Obwohl die Beichte nicht allzu lange dauerte und nicht sonderlich aufwendig geschnitten war, trug Gui unterschiedlich farbige T-Shirts unter seinem Sakko. Widersetzte sich Gui? Seit Xi Jinping vor knapp fünf Jahren die Macht übernommen hat, ist der TV-Pranger ein beliebtes Instrument der Einschüchterung geworden. Die Texte werden von Drehbuchautoren geschrieben, Soldaten und Vernehmer sorgen dafür, dass die Delinquenten nicht vom Script abweichen.

Erst im vergangenen Jahr wurde die chinesische Vereinigung in den Verlegerverband aufgenommen. Zuvor gab es Widerstand, weil die chinesische Organisation rein staatlich ist. Auf der Hauptversammlung des Verbandes 2016 in Frankfurt fand sich dennoch eine Mehrheit. "Die Intervention aus Peking verstößt klar gegen die Statuten. In einer Organisation, die sich für die Freiheit des Wortes einsetzt, ist das unhaltbar", sagt Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Deutschlands Vertreter in der International Publishers Association. "Das ist der eindeutige Beleg, dass der chinesische Verband bloß das Sprachrohr der Regierung in Peking ist."

Inzwischen sind die vier anderen Verlagsmitarbeiter wieder zurück in Hongkong. Drei von ihnen schweigen. Der vierte aber gab im vergangenen Sommer eine Pressekonferenz. Fünf Monate, so erzählte er, sei er in einer Einzelzelle festgehalten worden. Mindestens einmal pro Woche wurde er verhört. Nach Hongkong ließen ihn die chinesischen Behörden zurückreisen, damit er eine Festplatte mit Kunden des Verlages besorgt. Er ging stattdessen an die Öffentlichkeit. Gui ist noch immer in Haft.