"Der letzte Granatapfel" von Bachtyar Ali Wie konnte ein solcher Autor so lange unentdeckt bleiben?

Zum ersten Mal erscheint ein kurdisch-irakischer Roman auf Deutsch - und was für einer! Bachtyar Alis "Der letzte Granatapfel" ist ein Paukenschlag.

Buchkritik von Stefan Weidner

Die irakischen Kurden stehen gegen den IS an vorderster Front, doch Kurdistan hat mehr zu bieten als Peschmerga-Kämpfer. Fragt man in Sulaimaniya und Erbil, den beiden konkurrierenden Metropolen der Autonomen Region Irakisch-Kurdistan, nach Literatur und Autoren, bekommt man eine ganze Reihe von Namen genannt, allen voran aber einen: Bachtyar Ali. Fein gebunden und zu einer repräsentativen Kassette zusammengestellt, stehen elf Romane dieses hochproduktiven Erzählers und Essayisten dort in allen Buchhandlungen und werden offenbar so zahlreich gekauft, dass der Autor davon gut leben kann, und zwar - in Deutschland! Neben seiner Muttersprache Sorani, dem südlichen der beiden kurdischen Dialekte, neben Persisch, Arabisch, Englisch spricht der 1960 geborene Autor daher auch Deutsch.

Spät, aber nicht zu spät legt der Zürcher Unionsverlag nun "Der letzte Granatapfel" auf Deutsch vor, einen ersten, im Original bereits 2003 erschienenen Roman von Ali. Das Buch ist ein Paukenschlag, einer der intensivsten Texte aus dem orientalischen Raum, die seit Langem zu lesen waren. Sofort versteht man, warum der Autor in seiner Heimat Kultstatus genießt.

Die Geschichte einer Suche

Am Anfang des Romans steht eine Freilassung: Nach mehr als zwanzig Jahren Einzelhaft in einem Wüstengefängnis wird der einstige Peschmerga-Kämpfer Muzaferi Subhdam in den Palast seines einstigen Freundes verbracht, des siegreichen Revolutionsführers Jakobi Snauber. Innerlich hat Muzaferi der Welt seit Langem entsagt. Doch ist er vom Gedanken besessen, seinen Sohn Saryasi wiederfinden, den er im Säuglingsalter zurückgelassen hatte. "Der letzte Granatapfel" erzählt die Geschichte dieser Suche.

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Sie wird zu einer albtraumhaften Odyssee durch die jüngere kurdische Geschichte, beginnend bei den Aufständen gegen Saddam Hussein, die dieser in den Achtzigerjahren auch unter Einsatz von Giftgas niederschlug, bis zum innerkurdischen Bürgerkrieg nach der Autonomie in den Neunzigern. Dennoch ist "Der letzte Granatapfel" kein historischer Roman. Nicht um die Geschichte als solche geht es, sondern um die Frage, was sie mit Menschen macht, und wie sie, wenn überhaupt, zu ertragen ist.

Die Wiederverzauberung der Welt

Das Buch ist die künstlerische Reaktion auf diese Fragen. Gewalt und Leid werden anders als häufig in den nahöstlichen Literaturen der Gegenwart bei Bachtyar Ali nie ästhetisiert, sind kein literarischer Selbstzweck, taugen nicht für Voyeurismus oder einen schnellen Kick. Und wo ein Charakter zum Zynismus neigt, wie etwa der Revolutionsführer Jakobi Snauber, um dessen Rettung willen Muzaferi einst ins Gefängnis ging, wird dieser Zynismus der Macht von Muzaferis Menschlichkeit einfach bloßgestellt.

Wenn Snauber am Ende behauptet, es gebe nur eine Reinheit, "nicht zuzulassen, dass der Mensch den Menschen versteht", so lautet die Antwort Muzaferis: "Willst du wie alle anderen Herrscher und Propheten über die letzten Dinge philosophieren und dieses kleine Wesen Mensch aus deinem Kopf verbannen? Du lebst, um zu sie zu vergessen, aber ich lebe, um sie in Erinnerung zu rufen." Ohne dass man noch weiß, wie einem geschieht, wohnt man der Wiederverzauberung der Welt von ihrem tiefsten, elendigsten Punkt aus bei.