Literatur Verwandlungsstress

Von Moskau über Grosny nach Berlin, Istanbul und Odessa: Sasha Marianna Salzmann erzählt in ihrem Roman "Außer sich" von einem Zwillingspaar auf der Suche nach sich selbst.

Von Hubert Winkels

Ein Wille zur Disruption ist unverkennbar - der Schauplatz Istanbul in Sasha Salzmanns Roman "Außer mir".

(Foto: Regina Schmeken)

Nach hause" steht in Anführungszeichen zu Beginn des Romans. Und "zu hause" zu Beginn seines zweiten Teils. Und dann stürzen wir auch sofort in einen Aufbruch in die Fremde. Sachen werden zusammengeklaubt, ein Abschiedswinken, und schon geht's los. Nur wohin? Das ist die Frage, die den Roman nicht loslässt. Er erzählt von Aufbrüchen im Raum, in der Zeit, in neue erotische und familiäre Konstellationen, in neue Identitäten. Er springt durch die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, von Wolgograd nach Moskau, nach Czernowitz, Almaty und Grosny. Und von Berlin und der deutschen Provinz nach Istanbul, Odessa und zurück. Er findet weder Rast noch Ruhe, vibriert vor Auf- und Umbruchspannung, und feiert bei allem erzählten Elend den Verwandlungsstress, wenn nicht als historisches und biografisches, so doch als literarisches Prinzip.

Als treibende Kraft fungiert die Geschlechtsambivalenz, grammatikalisch gefasst, die Differenz von Er und Sie. Die in Russland geborenen Zwillinge Anton und Alissa haben sich aus den Augen verloren. Als jüdische Kontingentflüchtlinge sind sie nach dem Ende der Sowjetunion mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen, dort aufgewachsen, und eines Tages ist Anton verschwunden. Eine Postkarte aus Istanbul ist der einzige Hinweis auf seinen Aufenthalt, und Schwester Ali taucht sogleich ein in das Nachtleben am Bosporus, in das Achtzigerjahre-Discoglamour, in versyphte Wohnungen, den Dreck und die Freundschaft, den Lärm und die Geilheit, in denen alle stabilen Einteilungen der Welt verschwimmen, oben und unten, damals und jetzt, dort und hier und vor allem die Differenz der Geschlechter.

Geschichten aus der Familie kommen Ali eher wie Blätter eines Abrisskalenders in den Sinn

Man spritzt Tosteron, statt Kokain zu schnupfen, und wenn der Bart später sprießt, dann wird es schwer, als Gogo-Tänzerin in goldenen Hotpants am goldenen Horn sein Geld zu verdienen, wie Alis Instant-Geliebte(r) Katho oder Katharina erfahren muss. Katho, der auch Katüscha genannt wird, wie jener Stalin'sche Mehrfachraketenwerfer, dem ein russisches Liebeslied gilt, das den Übergang vom Kriegs- zum erotischen Schauplatz zwanglos in einem Wort hinbekommt.

Nicht ganz so metaphorisch reibungslos funktionieren die Übergänge im Roman von Alis Istanbuler Grenzüberschreitungen zu den historischen Wirbeln, in die ihre jüdischen Herkunftsfamilien hineingerissen wurden. Die erinnerten, geträumten, erfundenen Geschichten rund um Eltern und Großeltern aus Moskau und Wolgo- respektive Stalingrad kommen der zwischen Abend- und Morgenland taumelnden Ali eher wie Blätter eines Abrisskalenders in den Sinn. Mit grob gezackten Rändern, unmittelbar szenisch konkret, dialogstark, viel Historie im Privaten raffend, dann der Abbruch oder Aufbruch.

Es herrscht schließlich Hungersnot, Krieg, Verfolgung, bittere Armut. Alis Familie väterlicherseits darbt und kämpft und prügelt sich und schlägt sich durch. Der mütterliche Zweig hingegen, medizinisch ausgebildet, arbeitet in höchster Not an der Grenze zwischen Leben und Tod. In Kliniken und Lazarettbaracken. Praktizierte Menschlichkeit in Elendszeiten. Aber irgendwann flieht auch die jüdische Familie von Etinka und Schura. Es gibt Kinder, Abriss der Seite. Sprung nach Deutschland oder Istanbul, wo die in sexueller Lust und ewigem Unvollständigkeitsschmerz taumelnde Ali auf der Suche nach ihrem anderen Ich namens Anton ist.

Sasha Marianna Salzmann: Außer sich. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 367 Seiten, 22 Euro. E-Book: 18,99 Euro.

(Foto: )

Diese Abruptheit hat einen starken Grund. Sasha Salzmann hält nicht nur theoretisch nichts von historisch-biografischen Kausalitäten, sie möchte sie auch nicht mit sinnigen Erzählungen kompensieren. Kurz, eine narrative Logik, die das Disparate sinnhaft ordnet, ist ihr zuwider. Wie soll aber ein Erzählfaden verlaufen, wenn er plausible Reihen von Intention, Handlung und praktischen Folgen nicht gelten lässt? Man kann auf die dunklen geschichtlichen Kräfte setzen und auf das historisch und familiär-biografische Unbewusste, aber es ändert ja nichts daran, dass dann eben dieses Unbewusste konstruktiv gestaltet werden muss.

Exakt hier, in der Mitte des erzählerischen Problems, wird eine Stärke dieses disparaten Romans erkennbar. Er arbeitet mit großer Kunstfertigkeit am Auf- und Umbruch, an der Nicht-Passung von Herkünften und Personen und Absichten, sodass dieser Wille zur Disruption unübersehbar ist. Zugleich aber sollen die Brüche formal, im Medium der Erzählung gebändigt werden. So wird im epischen Erzählen zur echten Herausforderung, was im zeitgenössischen Theater schon gewöhnlich geworden ist, für Sasha Salzmann, die Dramatikerin, Dramaturgin und Gründerin der Studiobühne am Berliner Maxim-Gorki-Theater, erst recht. Die Herausforderung besteht darin, nicht-linear, nicht-evolutionär, nicht-genealogisch, nicht-aufbauend, nicht-zielgerichtet Geschichte zu erzählen und doch die Plausibilität nicht aufzugeben.

Wenn der Roman von den Turbulenzen berichtet, in die jüdische Familien in der Sowjetunion, schon gar während des Zweiten Weltkriegs geraten, wenn er von Fluchten, Verstecken, mühsamem Wiederaufbau erzählt, dann wählt er als Schwerpunkt immer die dünne Stelle, an der ein Band zu reißen droht, sei es das der historischen Konsequenz oder der Familienharmonie. Dass Ehepartner nicht zueinander passen oder die große Geschichte allen eine Nase dreht, ist geradezu die Voraussetzung für die vielfache Persönlichkeit Ali/Antons, für ihren Willen zur Ambiguität, zur Transsexualität, zur Vielheit.

Das alles ist nahe an den Theoriemoden der Gegenwart, aber dennoch als Sprachkunstwerk ein radikales, mutiges Unternehmen, stark übertreibend in der Bildlichkeit, gelegentlich buchstäblich russisch schreibend und drauf verweisend, dass in der russischen Umgangssprache die übertreibende Verzerrung immer schon enthalten ist, im Schimpfen wie im Liebkosen. Diese Orgel wirft Sasha Salzmann an und sucht mit ihr einen Strom zu entfesseln, der in mehrere Richtungen fließt. Deshalb springen wir von der Türkei 2015 folgende zu Stalins Tod, in die niedersächsische Nachkriegsprovinz und wieder zur freundlichsten Gestalt des Romans, dem türkischen Onkel Cemal oder Cemo oder Cemal Bey, der immer einen heißen Tee und heilende Hände parat hält.

Cemal ist kein leiblicher Onkel, sondern der von Alis bestem Berliner Freund/Geliebten Elyas. Der melancholische und doch munter alles deterritorialisierende Roman bevorzugt die nicht-familiale rettende Zukunft und kann doch nicht drüber hinwegtäuschen, dass die 'bucklige Verwandtschaft' immer schon da ist. Sasha Salzmann trägt dem Rechnung, indem sie am Ende der meisten Kapitel die erzählenden Ali/Anton als Ich auftreten und mit Schmerzen einer Geschichte zuhören lässt, die meist jemand aus der Familie erzählt. Zumal Mama Valja und Papa Kostja, der Tunichtgut, mit dem es ein böses Ende nimmt. Das Erzähler-Ich lauscht und kommt in ein bitteres Grübeln, in dem sich der schmerzhafte Kern der Geschichte offenbart, die Not des ehrlichen Ich-Sagens.

"Ich erdenke mir neue Personen, wie ich mir alte zusammensetze. Stelle mir das Leben meines Bruders vor, stelle mir vor, er würde all das tun, wozu ich nicht in der Lage gewesen bin, sehe ihn als einen, der hinauszieht in die Welt, weil er den Mut besitzt, der mir immer gefehlt hat, und ich vermisse ihn." Die Offenbarung liegt weniger in solchen postmodernen Erzählreflexionen als im Grübeln darüber, wie man den Eltern oder Großeltern sagt, was man ist oder dabei ist zu werden. Ein Mann nämlich, wenn man die Tochter Alissa ist. Es braucht Mut selbst dann noch, wenn einem schon der Bart wächst. Der Mut zur Wandlung des Geschlechts und mehr noch, es zu sagen.

Wenn hier das offensichtliche Geheimnis des sinnig so betitelten Romans "Außer sich" liegt, dann muss man zugestehen, Sasha Salzmann hat eine überbordende Form gefunden, über das zu sprechen, was nicht zu sagen, nur literarisch zu zeigen ist. Sie hat ein Buch der Wandlungen geschrieben, in dem nichts bleibt, was es ist. Aber es ist eben nicht einfach nachgeahmte modische Hybridkultur, sondern ein expressiver, auch angstgetriebener Wunschtraum darin. Man hört selbst hier noch ein fernes Echo des Novalis-Wortes "Wo gehn wir denn hin? Immer nach Hause".

Ob das breit angelegte historische Panorama des Romans in dieser Form gut aufgehoben ist, darf man fragen. Wir haben ja eben erst mit Katja Petrowskajas "Vielleicht Esther", mit Kathrin Schmidts "Kapoks Schwestern", Christoph Heins "Trutz" und mit Natascha Wodins "Sie kam aus Mariupol" mehrere Romanreisen in das dunkle zwanzigste Jahrhundert Osteuropas und damit auch in unsere eigene historische Vergangenheit miterleben dürfen. "Außer sich" darf man hier einordnen, auch wenn seine Sprunghaftigkeit keine historische Vertiefung nahelegt.

Den Versuch, einen realistischen Halt in der Drift der Geschichten und Ereignisse zu finden, teilt Salzmanns Roman mit Fatma Aydemirs Roman "Ellbogen". Am Ende werden die Heldinnen beider Bücher Zeugen des jüngsten Putsches in der Türkei. Panzer fahren durch die Schlusskapitel, zivile Opfer liegen auf der Straße. So viel Gegenwartsbezug braucht es zumindest im vorliegenden Roman keineswegs, um gegenwärtig zu sein. Dazu reichen ihm die aufgeregten Inkonsistenzen des Erzählens selbst, denen man mit einer scherzhaften, von Sasha Salzmann aufgegriffenen Wortschöpfung von Selim Özdogan einen 'Vibrationshintergrund' bescheinigen könnte. In diesem Sinne ist "Außer sich" ein junges Buch und eine einzigartige Markierung gegenwärtigen Erzählens.