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Literatur Unterhalter nach dem Untergang

Beate Meyers Biografie des Entertainers Fritz Benscher
Von Eva-Elisabeth Fischer , München

Irgendwo verstaubt vielleicht noch ein Tick-Tack-Quiz. Das war das Brettspiel für zu Hause, benannt nach der zwischen 1958 und 1967 höchst beliebten Fernsehsendung. Erfinder war der nicht mehr ganz junge Quizmaster mit lockerem Mundwerk Fritz Benscher, ein Tausendsasa der Funk- und später der Fernsehunterhaltung im zunächst mageren, dann zunehmend fetteren Nachkriegsdeutschland.

Er verkörperte das, was den Entertainern aktuell im deutschen Fernsehen fehlt und das ihn von dem anderen, stets harmlos lustigen jüdischen Entertainer Hans Rosenthal unterschied. Benscher nämlich hielt äußerst schlagfertig und nicht selten sarkastisch seinem Publikum auch politisch den Spiegel vor - und das freute sich auch noch darüber. Der gebürtige Hamburger, der im Bayerischen Rundfunk seinen hanseatischen Tonfall nachgerade kultivierte, reüssierte zunächst mit einer Autofahrer-Sendung - der ersten ihrer Art, welcher er den vor seinem Hintergrund ziemlich pikanten Titel "Nimm's Gas weg!" verpasste. Benschers Schlagfertigkeit war bestimmt angeboren, sein Zynismus wohl eher erworben. Denn die Karriere des Conférenciers, Kabarettisten, Bühnen-Allrounders und Regisseurs, Jahrgang 1906, wurde empfindlich durch die Machtübernahme der Nazis unterbrochen. Tatsache ist, dass Benscher 1945 von den Amis im Dachauer Außenlager Kaufering befreit wurde und im Sender der Befreier mit Begeisterung an der Reeducation mitwirkte.

Wann er nach Auftrittsverbot, Umschulung zum Sargtischler und Engagement im Jüdischen Kulturbund in welches KZ deportiert wurde, lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren. Benschers eigene Angaben darüber variierten offenbar nach Laune. Er gehörte zu jener Spezies Mensch, die ihre Biografie nach eigenem Gutdünken gestalten. Das machte es der Hamburger Historikerin Beate Meyer nicht gerade leicht, die Fakten für ihre Biografie "Fritz Benscher. Ein Holocaust-Überlebender als Rundfunk- und Fernsehstar in der Bundesrepublik" (Wallstein) zusammenzutragen.

Wichtigste Zeugen waren Fritz Benschers Frau Tamara, die noch hochbetagt in München lebt, und seine Nichte Ruth Braun. Meyer also versucht, seinem schillernden Charakter gerecht zu werden, für den zu Beginn seiner Karriere nach '45 weiß Gott nicht alles glatt ging, der nicht selten in finanzielle Schwierigkeiten und, ganz schlimm, in der Jüdischen Kultusgemeinde in den Strudel einer Wiedergutmachungsaffäre geriet, in deren Folge er einen Herzinfarkt nur knapp überlebte. (Den zweiten 1970 überlebte er nicht.)

Privat gab sich Benscher als gewitzter Charmeur. Seine Frau, eine begabte junge Schauspielerin, hat er sich zur Sekretärin und Managerin erzogen. Die Namen langjähriger Freunde, mit denen er aus nicht nachvollziehbaren Gründen unwiderruflich brach, versah er im Adressbuch mit einem schwarzen Kreuz. Meyer hat all dies so genau wie möglich aufgezeichnet. Es wurde eine lohnenswerte Lektüre daraus, denn derlei Biografien liefern ja allerhand Detailinformationen zur Zeit. Und in diesem Fall auch noch reichlich Münchner Lokalkolorit.

Fritz Benscher ; Vortrag von Beate Meyer, Dienstag, 2. Mai, 19 Uhr, im NS-Dokumentationszentrum, Brienner Straße 34