Literatur und Serien Wenn sich Autoren in ihrem eigenen Werk verirren

Wer da nicht dranbleibt, ist verloren - die Handlungsstränge der Romane und der dazugehörigen Fernsehserie von "Game of Thrones" füllen beim Schreiben große Excel-Tabellen.

(Foto: intertopics)

Wer epische Romanserien wie "A Song of Ice and Fire" liest, muss sich immer wieder die Frage stellen: Wer hat da noch mal was mit wem getan? Aber das geht nicht nur Lesern so.

Von Nicolas Freund

Wer war noch mal Jeyne Poole? Im ersten Band von "A Song of Ice and Fire", dem viele Tausend Seiten langen Fantasy-Epos von George R. R. Martin, auf dem die TV-Serie "Game of Thrones" basiert, findet sich im Anhang ein Hinweis: Jeyne Poole ist die Tochter von Vayon Poole, dem Stewart von Winterfell, der Heimat der Starks.

Aha. Noch gewusst? Nein? Jeyne kommt am Anfang des ersten Buches kurz vor und wird auf den nächsten 3000 Seiten nur in Nebensätzen erwähnt. Im fünften Buch wird sie dann aber ziemlich wichtig. Als Leser denkt man da natürlich, dass der Autor das aber geradezu meisterhaft durchgeplant hat: Ganz am Anfang eine Figur vorstellen und immer irgendwie mitlaufen lassen, bis sie dann auf einmal Tausende Seiten später im Mittelpunkt steht und nicht erst eingeführt werden muss, sondern ganz natürlich immer schon da war. Das ist toll gemacht - und ein großes Problem.

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Gerade ist die siebte und vorletzte Staffel der Fantasy-TV-Serie "Game of Thrones" angelaufen und es ist bereits die zweite, für die es keine Buchvorlage mehr gibt. Die Showrunner David Benioff und D. B. Weiss machten mit nur groben Anweisungen von Autor George R. R. Martin weiter, denn eine Serie, die so erfolgreich ist wie "Game of Thrones" und an der eine ganze Industrie hängt, lässt sich von so etwas wie einer fehlenden Geschichte nicht aufhalten.

Der bisher letzte Band der Reihe, in dem Jeyne ihren großen Auftritt hat, ist im englischen Original schon 2011 erschienen, seitdem heißt es, die Fortsetzung komme "bald". Geplant sind laut Martin noch mindestens zwei weitere Bücher. Die TV-Serie soll dagegen im kommenden Jahr enden. Warum braucht Martin so lange für die restlichen Bände, obwohl es doch nun schon die Serienvorlage gibt? In einem Blogbeitrag hat er vor wenigen Tagen verkündet, dass frühestens 2018 mit einem neuen Buch zu rechnen ist. Seine Stimmung beschrieb er als "quixotic", in Anspielung auf die berühmte Romanfigur Don Quijote von Cervantes, die vor lauter Ritterromanen den Verstand verloren hat.

Probleme mit der Fortsetzung ihrer Riesenwerke hatten schon viele Autoren. Cervantes hat es geschickt gemacht, indem er in seinem "Don Quijote" mehrere Erzählebenen ineinander verkeilte und sich so aber nicht einschränkte, sondern in diese undurchsichtige Ordnung jede noch so irre Wendung und Nebengeschichte einfügen konnte. Moderne Autoren lösen solche Probleme manchmal einfach mit fremder Arbeitskraft. Ken Follett verriet einmal in einem Interview mit der SZ, dass er ein ganzes Büro mit 22 Angestellten beschäftigt, die für ihn alles organisieren, was nicht direkt mit dem Schreiben zu tun hat. Zur Recherche engagiere er weitere, freiberufliche Hilfskräfte, und die Charaktere in seinen Romanen werden mit der Hilfe von Excel-Tabellen verwaltet.

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Ähnlich arbeitet Stephen King. Als er 2001 seine "Dark Tower"-Serie fortsetzen wollte, beschrieb er das Gefühl am Schreibtisch so, als betrete man eine immer größer und größer gewordene, vollgestellte Lagerhalle, in der das Licht kaputt gegangen ist. Bei den ersten Bänden der Reihe arbeitete er sich noch selbst mit Textmarkern und Post-it-Notizen durch die Vorgänger. Nach vier Büchern war aber auch diese Methode nicht mehr praktikabel, weshalb er sich für die Arbeit an den letzten drei Bänden von seiner Assistentin Robin Furth ein persönliches, 240 Seiten umfassendes Lexikon mit allen Figuren, Orten und Begriffen aus den von ihm schon geschriebenen Büchern zusammenstellen ließ.

Aber nicht erst die Hochleistungs-Bestsellerautoren der Gegenwart verirren sich in ihren eigenen Texten. Auch Honoré de Balzac soll, um bei seiner aus 91 Romanen bestehenden "Comédie humaine" nicht den Überblick zu verlieren, Puppen benutzt haben, die für die einzelnen Charaktere standen und, wenn diese zum Beispiel gestorben waren, in einer Kiste abgelegt wurden. Es ist ein Trugschluss zu glauben, der Autor kenne sein eigenes Werk am besten und wisse über alles Bescheid, was in diesem vorgeht.