Thomas Mann im Zweiten Weltkrieg Mit psychologischer Kriegsführung gegen Hitler

Im Winter 1914/15 schrieb Thomas Mann "Friedrich und die große Koalition".

(Foto: dpa)

Immer wieder wandte sich Schriftsteller Thomas Mann im Zweiten Weltkrieg über das BBC-Radio an die Deutschen - und beleidigte den Tyrannen Hitler.

Von Knud von Harbou

In einem Brief berichtet Thomas Mann 1943 von seinem aktuellen Romanprojekt "Doktor Faustus", einer "modernen Musiker-Geschichte", die er "mit rechter Hand" schreibe, "mit der linken werfe er unermüdlich Steine in Hitlers Fenster ... Aber die eine weiß, was die andere tut." Mit diesen Aktivitäten etablierte er sich als "poet of democracy", mit den "Steinen" sind die 59 Radiobotschaften gemeint ("Deutsche Hörer!"), die er zwischen 1940 und 1945 für die englische BBC verfasste.

Einer eigenen Untersuchung waren diese Sendungen, denen sich Sonja Valentin in ihrer Studie widmet, der Forschung nur am Rande wert, man tat sie ab als "Besserwisserei", "Predigten", "absolute Missgriffe". Manns eigene Rolle als politisch agierender Schriftsteller stand unter dem Balanceakt, einerseits Repräsentant einer deutschen Hochkultur zu sein und andererseits Zuhörer zu haben, die mehrheitlich bereit waren, Hitler bis in den Untergang zu folgen. Überdies galt es, seine geplante US-Einbürgerung nicht zu gefährden.

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Mann unterstellte seine auf Initiative seiner Tochter Erika zustande gekommenen monatlichen Ansprachen freiwillig der Propagandapolitik der Briten - die alternativ aber auch den Einsatz von Albert Einstein oder Marlene Dietrich in Erwägung zogen.

Die begrenzte Sendezeit bedingte eine thematische Fokussierung, wobei Thomas Mann auf bereits vorhandene Texte zurückgriff. Seinen kurzen, nur fünf Minuten dauernden Reden stellte er Oberbegriffe wie Humanität, Menschenwürde, Freiheit voran, aus denen er seine moralisch aufrüttelnde Argumentation entwickelte. Immer wieder betonte er die sichere deutsche Niederlage, der die Beseitigung des Nationalsozialismus und die Verurteilung der NS-Oligarchie folgen müssten.

Als Mittel wählte er, stilistisch gekonnt, die Konfrontation mit seinen Hörern, um diese zu einem ideologischen Bewusstseinswandel und letztlich zur Auflehnung gegen das Regime zu bewegen. Konkrete Handlungsanweisungen vermied er indes. Teil seiner - der psychologischen Kriegsführung entnommenen - Strategie war der unbeirrte Verweis auf die alliierte Überlegenheit, aber auch die ´ Hitlers.

Mann registrierte zufrieden seine Wut auf ihn mit Beleidigungen wie "blödsinniger Wüterich", "dumme Kröte", "lichtlose Lügenseele". Gleichzeitig trieb ihn die Sorge um, damit seine deutsche Leserschaft zu vergraulen. Erst in den Neunzigerjahren wurde ermittelt, dass immerhin 25 Prozent der deutschen Rundfunkteilnehmer Mann heimlich hörten!

"Steine in Hitlers Fenster werfen"

Er appellierte an die Deutschen "zur Wirklichkeit zu erwachen, zur gesunden Vernunft ... zu der Welt der Freiheit und des Rechtes". Doch das schien man in Deutschland nicht zu goutieren, noch 1949 hielt Gottfried Benn Mann "alttestamentlichen Geifer und Hass" vor. Nach und nach konkretisierte Thomas Mann seine Doppelrolle als Amerikaner und Deutscher, verwahrte sich gegen die kollektive Gleichsetzung des deutschen Volkes mit dem Nationalsozialismus.

Ende September 1941 ist explizit von der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden die Rede; ein Jahr später möchte er wissen, "wie euch dabei als Menschen zumute ist" angesichts der zutage getretenen Verbrechen. Die Bombardierung seiner Heimatstadt Lübeck akzeptierte er als legitim, er spricht sogar von "göttlicher" Vergeltungsaktion.

Zum Jahresende 1943 wendet er sich vermehrt der Schuldfrage zu: das deutsche Volk müsse mit dem Vorwurf leben, mitschuldig an den Verbrechen zu sein, die das NS-Regime im Namen Deutschlands an anderen Völkern begangen habe. Darauf vor allem bezog sich dann die Aversion, die Thomas Mann nach Kriegsende heftig entgegenschlug.

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Im zweiten Halbjahr 1944 stellte er die Sendungen ein - "was soll man diesen unglücklichen, verdummten und verbiesterten Menschen sagen"? Zudem zog sich das "beschämende" Prozedere seiner Einbürgerung hin, das er auf keinen Fall gefährden wollte. Die Fortführung der Propagandasendungen schien ihm als amerikanischer Staatsbürger auch nicht mehr sinnvoll zu sein.

Gleichwohl nahm er die Ansprachen - in verkürzter Form - 1945 wieder auf. Seine Skepsis ist anhand des dominierenden Schuld-Diskurses spürbar. Ursprünglich spricht er noch von "Unsühnbarkeit", doch rasch benützte er in Anlehnung an Karl Jaspers den Begriff konkrete "politische und moralische Verantwortung" und distanzierte sich damit von der sogenannten Kollektivschuld. Thomas Manns Position gegenüber den Angriffen der Vertreter der sogenannten "inneren Emigration" ist jetzt durch die politische Analyse seiner BBC-Rundfunkreden besser nachzuvollziehen.

Der offene Hass gegen ihn, unter dem Begriff "Die große Kontroverse" dokumentiert, fand seinen Niederschlag auch in der Germanistik, die aus ihm noch bis in die Achtzigerjahre einen politisch dilettierenden Schriftsteller machte. Sonja Valentins anschauliche Untersuchung zeigt ein anderes Bild - das eines engagierten Demokraten voller Überzeugungen und politischer Reflexion.

Sonja Valentin: Steine in Hitlers Fenster. Thomas Manns Radiosendungen Deutsche Hörer! (1940-1945). Wallstein Verlag, Göttingen 2015. 335 Seiten, 29,90 Euro. E-Book 23,99 Euro.

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