Von Henning Klüver

Darf ein Sachbuchautor so etwas erfinden? Und kann man über Hitler einen Roman schreiben? Italien diskutiert über den literarischen Umgang mit Tatsachen.

Was darf, was kann Literatur in Zeiten, in denen die historische Erzählung und der Reportageroman die Bestsellerlisten erobern? Wie weit kann sie bei Tatsachenbeschreibungen gehen, ohne voyeuristisch zu sein, was darf sie erfinden ohne zu lügen? Fragen, die sich in Deutschland gerade erst anlässlich der Debatte um Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten" gestellt haben, werden zur Zeit auch in Italien aufgeworfen.

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Auslöser der Debatte ist ein Aufsatz Antonio Pascales über den Autor als "Verantwortlichen des Stils", in dem sich der neapolitanische Schriftsteller gegen die "Ästhetisierung des Schmerzes" wehrt und gegen eine Rhetorik, die sich unfreiwillig der Sprache derjenigen anverwandelt, die sie eigentlich anklagen will.

Permanent auf der Bühne

"Die Form der Darstellung mit ihren moralischen Grundsätzen, wie wir sie von früher kennen, verschwindet", schreibt Pascale. An ihre Stelle trete "eine Theatralisierung des Innersten." Man würde Gefühle beschreiben, als befände man sich permanent auf einer Bühne. Viel zu wenig werde problematisiert, was man dazu erfinden dürfe, wenn man eine literarische Reportage schreibt.

Das Thema von Pascale ist die "moralische Verantwortung", die ein Autor beim Schreiben hat. Häufig passiere es, dass man einen Zustand anklagen wolle, etwa die Macht der Camorra, aber durch den Stil, den man benutzt, "am Ende "denen in die Hände spielt, die man anklagen will."

In Blogs, Artikeln und Diskussionsveranstaltungen ist dieser Aufsatz zum Thema geworden. Matilde Andolfo etwa setzt sich in ihrem Buch "Il Diario di Annalisa" mit dem Tod der 14-jährigen Annalisa Durante auseinander, die zufällig Opfer eines Anschlags der Camorra wurde. Im Internet beklagt sich die Autorin, wie Roberto Saviano - dessen Reportageroman "Gomorrha" sie ansonsten sehr schätzt - seinerseits den Tod und die Beerdigung der Annalisa zum Spektakel macht.

Unter anderem indem er die Jugendliche in ein hübsches Kleid steckt (obwohl sie Jeans und Turnschuhe trug), zum potentiellen Camorra-Liebchen macht und schließlich das Handy, das die Mutter ihr (ausgeschaltet) in den Sarg gelegt hatte, klingeln lässt. Pascale wiederum gesteht Saviano zu, die Wahrheit aus erzählerischen Gründen ausmalen zu dürfen. Das erfundene Handy-Klingeln aber gehört auch für ihn zu jenen überzogenen Stilmitteln, welche die vorangegangene Erzählung eher entwerten denn verstärken würden.

Andere Schriftsteller wehren sich, indem sie Pascales Argumentation verkürzen und polemisch behaupten, anscheinend gehöre es jetzt zum guten Ton, gegen die Ästhetisierung aller Gefühle zu wettern. Dabei sei doch die Ästhetik gerade das Mittel, das einem Vorgang Bedeutung gebe, schreibt beispielsweise Paola Capriolo im Corriere della Sera.

Der Literaturwissenschaftler Andrea Cortellessa spricht sich ganz ähnlich gegen eine "Ideologie des Dokuments" und einen "Puritanismus der Klarheit" aus. Er beruft sich auf Carlo Emilio Gadda und dessen Nachkriegs-Polemik gegen den literarischen Neorealismus, der nur die Oberfläche der Phänomene beschrieben hätte aber nicht ihre Tiefe.

Den Leser zu packen

Die Historikerin Anna Foa wiederum sieht auch für die Geschichtsschreibung die Verantwortung des Stils geboten; natürlich müsse viel Raum für Einbildungskraft bleiben, die allerdings nicht zur Fiktion werden dürfe. "Die Einbildungskraft ist das, was die Vergangenheit lebendig macht, und die dem Autor die Kraft gibt, den Leser zu packen."

In Italien, wo Littells Buch ohne viel Aufhebens bereits im vergangenen Herbst herauskam, ist gerade bei Mondadori ein Roman über Adolf Hitler erschienen, angeblich die erste fiktiv-literarische Beschreibung des deutschen Diktators überhaupt (Giuseppe Genna: "Hitler"). Der Autor, der bislang eher durch Kriminalgeschichten aus dem Reich des Bösen aufgefallen ist, sieht Hitler als ein "metaphysisches Problem", das es zu erklären gilt.

Hitler tue Böses im Bewusstsein, dass es böse sei. Das habe er in seinem Roman darstellen wollen, weil das die wissenschaftliche Geschichtsschreibung nicht leisten und deshalb Hitler auch nicht erklären könne, erklärt Genna. Dabei betont er, dass im historischen Roman der Einbildungs- und Erfindungskraft sehr wohl Zügel angelegt werden müssten. In seinem Roman habe er "auf der Türschwelle des Konzentrationslagers Halt gemacht". Im Gegensatz dazu sei Littell "obszön".

Der Schriftsteller und Übersetzer Beppe Sebaste erzählt in L'Unita von dem Erschrecken, als er im vergangenen Jahr zusammen mit dem Künstler Christian Boltanski eine Ausstellung in Bologna über das Unglück eines Flugzeugabsturzes nahe der Mittelmeerinsel Ustica machen sollte. Bei dem Absturz im Sommer 1980 waren alle 81 Insassen eines Fluges von Bologna nach Palermo vermutlich durch einen Abschuss bei einer bis heute geheim gehaltenen Militäraktion ums Leben gekommen.

Zuviel Nacktheit

Sebaste und Boltanski hatten die Behälter mit den geborgenen Privatdingen der Insassen kaum geöffnet, da verschlossen sie sie schon wieder: Da war "zuviel Leben, zuviel Nacktheit, zuviel Sensibilität in jenen Dingen, die man mit nicht mit der Entweihung von Fiktion oder mit Kunst gleichsetzen sollte." Schließlich wählten die Kuratoren einen Raum mit verrußten Spiegeln, und legten die Objekte in schwarze Schachteln, die sie um die Reste der Absturzmaschine gruppierten.

Im Katalog werden die Privatdinge in kleinen, unscharfen Schwarzweiß-Fotos dokumentiert. Im Saal hören die Besucher aus Lautsprechern geflüsterte Gedanken - so alltäglich und banal wie die von gewöhnlichen Flugzeuginsassen. Die Verantwortung des Stils, sagt Beppe Sebaste, liege darin, "über die Art des Bezeugens zu reflektieren, während man bezeugt." HENNING KLÜVER

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(SZ vom 1.4.2008/rus)