Die Seite "geschockte-patienten.de" fordert auf: "Stehen Sie zu Ihrer Krankheit - Schluss mit der Geheimniskrämerei! Die Krankheit will über Sie bestimmen. Sie sind aber auch noch da! Zeigen Sie es!" und fragt: "Wann veröffentlichen Sie Ihre Krankenakte?" Unter Veröffentlichung begreift diese große Community etwas völlig anderes als besagter Artikel. Dass öffentliches Sprechen an ein Forum gebunden sein soll, in das alle Straßen der Gesellschaft münden und bei dem der Zugang infolgedessen restriktiv zu handhaben sei, dafür gibt es hier kein Verständnis. Flammend wird hier Christoph Schlingensief verteidigt (der auch selbst massiv mitmischt) und wütend Martin Angele angegriffen, der sich im Freitag ähnlich geäußert hatte wie Kämmerlings in der FAZ.
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Er hatte "Verzicht" angeraten und die wahre Größe im Umgang mit dem Krebs im Schweigen erblickt. Das Problematische an dieser Empfehlung erkennt aber auch er sehr wohl: "Wer beschließt, ein Buch nicht zu schreiben, weil ihn die Scham durchdringt, muss schon darauf hoffen, dass Gott anstelle des Marktes und des Publikums tritt und er auch wirklich, wie geschrieben steht, alles sieht."
Literatur tritt uns immer zu nahe
Mit anderen Worten: Schweigen als ein bestimmtes, interpretierbares Verhalten lässt sich nur dort einsetzen, wo von jemandem erwartet wird, dass er spricht, also klare Privilegien den Zugang zum Medium regeln. Der klassische Begriff von Öffentlichkeit wird hier auf einmal als ein aristokratisches Konzept kenntlich.
Dem tritt die Community mit ihren "Patientenbriefen" entgegen. Im Schweigen vermag sie nur das Verstummen zu erkennen, welches ein schweres Unglück noch um die Schmach der Missachtung und Vereinsamung vermehrt. "Öffentlichkeit ist nichts weiter als eine Ressource", heißt es da, "und jeder, der sie zu nutzen weiß, kann sich ihrer für seine Zwecke bedienen."
Es spricht für Martin Angele, dass er nicht auf dem durch die Zeitung gestifteten Privileg beharrt, sondern von seinem Ross herunterkommt, um sich an den Diskussionen im Netz zu beteiligen. Er benennt dort auch seine Voraussetzungen und Gewährsleute, besonders den Soziologen Richard Sennett mit dem Buch "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Von der Tyrannei der Intimität".
Die persönlichsten Dinge
Man muss dieses Buch nicht kennen, um schon dem Titel anzuhören, dass hier einer hoffnungslos seiner Zeit hinterherhinkt. Veränderung erscheint, da das Neue nicht durchschaut wird, als denkbar nur im Modus des Niedergangs; und wer sich auf die Patientenbriefe und Auseinandersetzungen einlässt, der wird auf keine Tyrannei treffen, sondern auf einen achtungsvollen und intelligenten Diskurs um persönlichste Dinge, die eigenen und die der anderen.
Verstöße gegen den impliziten Komment werden prompt und scharf gerügt und unterbleiben danach. Es tauchen Argumente auf, die im Diskurs der privilegierten Öffentlichkeit bislang durchaus fehlen, z.B.: "Was mich richtig anstinkt, ist dieses Gegen-den-Krebs-ankämpfen-Gehabe, das quasi jedem Erkrankten aufgeschwätzt und von ihm als Haltung erwartet wird. So ein Blödsinn. Wer Krebs hat, hat Krebs. Da gibt es nichts zu kämpfen. Der Mensch ist nicht Herr seiner selbst. Aber das ist er immer schon. Nur manchen fällt es eben erst durch die Krankheit auf." So schreibt "Titta", die statt eines Bildes von sich das Foto eines Spielzeugtiers einstellt.
Und "Socanalytica" (gleichfalls ohne Bild) merkt an: "Wenn es gelingt, ist es erfreulich, aber ausschlaggebend ist das dann nicht mehr - es geht nicht mehr um Kunst, sondern ums Sterben."
Das ist ein stichhaltiger Gesichtspunkt. Die literarische Kritik täte gut daran, sich erstens zu erinnern, dass Bücher einem größeren Feld angehören, in dem es viele andere Äußerungsformen gibt. Gelassen hat Jürgen Leinemann, auch er Verfasser eines Buchs über seinen Krebs, zu den Vorwürfen, er mache um sich und seine Krankheit zu viel Wesens, gesagt, es würden öffentlich so viele Bagatellen verhandelt, "da kann man vielleicht auch ein bisschen Krebs aushalten."
Und zweitens sollte man daran denken, dass auch Bücher noch andere Aufgaben haben als die, Literatur im emphatischen Sinn zu sein: Sie trösten, raten, informieren, machen Schmerz kenntlich und erträglich, zerstreuen und führen Gleichgesinnte zueinander. Das soll nicht heißen, dass man solche Bücher nicht kritisieren dürfte. Man muss es tun, wenn sie kalt, ungenau, ignorant, seicht, sentimental oder wichtigtuerisch sind. Aber nicht, weil sie uns zu nahe träten. Das tut nämlich auch "Literatur" prinzipiell immer.
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(SZ vom 22.09.2009/rus)
65. Filmfestspiele Cannes
Das als Reaktion auf "Behelligung" oder "Belästigung" empfundene Unbehagen könnte Anlass zur Überlegung geben, wieviel von dem in der Öffentlichkeit Verhandelten - und keineswegs immer Wichtigeren - als nicht belästigend erscheint (in diesem Sinne auch Jürgen Leinemann). Die Frage ist, warum genau diese Thematik als störend gilt; und ob diese Haltung Ausdruck von Vitalität (als Krankheits- und Todesantipode) oder von Realitätsinadäquatheit und Ausweichen ist. Eine Belästigung, die aus einer realistischen - und damit braucbaren - Darstellung resultiert, müsste wohl zugunsten des Informationswerts ertragbar sein. Die tatsächliche Situation führt zu "Belästigungen" in ganz anderem Umfang.
Die Vorbehalte gegen Details - manche von ihnen sind nicht angenehm oder unterhaltsam - blenden aus, dass ohne eine Vielzahl von Details - medizinischen, psychologischen, medizinsoziologischen, juristischen, philosphischen und eben auch persönlichen - die Auseinandersetzung mit der Krankheit und ein darauf basierendes reflektiertes und wirkungsvolles Agieren in der Situation nicht zu leisten ist.
..mit seinem Schicksal fertig zu werden, egal ob er der Autor oder der Leser ist, hat die Literatur ihre Berechtigung. Wen es stört für den hab ich einen guten Tip: Einfach nicht lesen!
Vielleicht sollte man "Behelligung" und offenen Umgang voneinander unterscheiden. Nicht Betroffene wissen oft nicht, wie sie mit Betroffenen umgehen sollen, das ist das Gleiche, wie wenn z.B. ein Angehöriger eines Arbeitskollegen stirbt und man seine Anteilnahme ausdrücken soll oder muss oder will und man unsicher ist, welche Worte man wählen soll.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es ungeheuer entkrampft, wenn man offen über seinen Krebs spricht. Das heißt nicht, dass man vor jedem einen Vortrag über die eigene Befindlichkeit halten muss oder über die eigene Ansicht, wie man mit dem Krebs, der Angst und den Erkenntnissen für sich umgeht. Es ist für die Gesunden entlastend, wenn sie wissen, ob ein Krebskranker über seine Krankheit reden will und für den Krebskranken entlastend, wenn er drüber reden darf, ohne dass dann immer ein riesen Gespräch daraus wird.
Krebs kann ja auch eine positive Wende im Leben einleiten und warum soll man nicht öffentlich sagen, dass es für einen gut ausgegangen ist, und wie das funktioniert hat. Und manchmal geht es auch um ganz banale Informationen, wenn man z. B. häufige Therapietermine hat, dass man dann in der Arbeit offen darüber reden kann.
Es ist für mich schwierig in so einem Forum in der Kürze genau zu schreiben, was ich meine. Ich will sagen, dass es auf das Wie und die Situation ankommt, ob es passend oder unpassend ist, über seinen Krebs zu sprechen. Ich würde es niemandem verbieten wollen, gerade weil so viele Menschen diese Krankheit haben und haben werden. Ich würde aber auch nie sagen, das muss an die Öffentlichkeit, wenn ein Betroffener das nicht will.
Aber wenn zum Beispiel jemand, der gerade erfahren hat, dass er Krebs hat und deshalb in der Todesangst steckt, dann ist es doch menschlich schön, wenn er ein Gegenüber hat, dass das erträgt, in dem er etwa einfach zuhört oder diese Gefühle sein lässt. Das schließt auch ein, dass ein Gesunder offen sagt, dass er damit nicht umgehen kann. Kein Krebskranker erwartet von einem Gesunden die Lösung seiner Krankheit und Gefühle.
Trösten kommt von "treu stehen" und tröstend ist oft, dass man sein darf, wie man ist.
Es ist gut und anerkennenswert, wenn ein Mensch sich mit seiner Krebs-Erkrankung auseinandersetzt, aber ich weiß nicht, warum andere Menschen davon behelligt werden sollen.
Als ich eine chronische Leukämie hatte, da habe ich - abgesehen von meinem Therapeuten, einem Homöopathen - mit niemandem darüber geredet, da viele Menschen erschrecken, wenn sie mit so einer Erkrankung konfrontiert werden. Es gibt Menschen, die schon entsetzliche Angst bekommen, wenn sie nur das Wort Krebs hören.
Jeder muss für sich wissen, wie er mit dieser Erkrankung umgeht, sollte aber auch bedenken, ob er andere Menschen damit wirklich belasten will.
Vor ca. 30 Jahren erschien das Buch von Solchenizyn "Krebsstation", das ich mir damals kaufte, nach ca. 10 Seiten konnte ich nicht mehr weiterlesen! Mit 35 hatte ich dann diese Diagnose, die mich Jahre meines Lebens kostete - heute bin ich mit Dankbarkeit erfüllt, da mich das Durchleben und dann das Überleben dieser Erkrankung auch unglaublich stark gemacht hat und mich auf einen anderen Lebensweg führte, mit dem ich sehr zufrieden bin! (s. Buch von Rüdiger Dahlke: "Krankheit als Weg")
Bis heute erwähne ich alles aber so gut wie gar nicht - die Menschen haben begründete Angst vor dieser Krankheit, jeder lebt in dem Bewusstsein, dass auch er erkranken kann, warum soll dann jemand über krasse Berichte damit konfrontiert werden?!
Ich finde es nicht besonders spannend, wenn sich andere Menschen mit ihrer Krankheit prostituieren.
Aber bitte, wenn er´s braucht.