Literatur und Kolonialismus Das Gemurmel der Greisin

Traumziel: Ein Riad, ein traditionelles Wohnhaus mit Innenhof und Garten. Hier ein Blick auf die Türen von Dominique Strauss-Kahns Riad in Marrakesch.

(Foto: Abdelhak Senna/afp)

Der marokkanisch-niederländische Autor Fouad Laroui konfrontiert die Pariser Boheme mit den Geistern der französischen Kolonialvergangenheit.

Von Cornelius Wüllenkemper

Fast alle haben einen: der Glamour-Philosoph Bernard-Henri Lévy, der Schauspieler Alain Delon, der Großunternehmer und Mäzen Pierre Bergé und dem Vernehmen nach auch ein Großteil der französischen Regierung. Wer etwas auf sich hält oder wenigstens in der Pariser High Society für bedeutsam gilt, der kommt an einem Riad in Marokkos Metropole Marrakesch kaum vorbei. In den traditionellen palastartigen Häusern samt Innenhof und Garten trifft sich die Hautevolee hinter verschlossenen Fassaden.

François und Cécile Girard, die Hauptfiguren in Fouad Larouis Roman "Die alte Dame in Marrakesch", zieht es auch nach Marokko. Das Paar in den Vierzigern aus Paris-Belleville ist vom Leben verwöhnt und ein wenig gelangweilt, Cécile träumt davon, endlich in Ruhe ihren Roman zu schreiben. Aus Angst, das wahre Leben zu verpassen, beschließen sie: "Just do it!" Als Vorbereitung dient der Lonely Planet, ein Arbeitskollege Céciles empfiehlt einen ominösen Vetter als Makler, Stadtführer und Chauffeur in Marrakesch - das reicht.

Bereits in seinem für den Prix Goncourt 2010 nominierten Roman "Une année chez les Français" beschäftigte sich der marokkanisch-niederländische Autor Fouad Laroui mit den Vorurteilen und der eklatanten Unkenntnis der Franzosen gegenüber dem einstigen Protektorat. Laroui selbst ist 1958 in den Berbergebieten im Nordosten Marokkos geboren, absolvierte seine Ingenieursausbildung in Casablanca und Paris, später promovierte er als Wirtschaftswissenschaftler. Im Alter von dreißig Jahren zog er in die Niederlande, wo er mit "Les Dents du topographe" über einen jungen Marokkaner, der sich von seiner Heimat entfremdet fühlt, ein viel beachtetes literarisches Debüt veröffentlichte.

"In Marokko fühlte ich mich unwohl, ich fühlte mich überwacht und wurde aufgrund von Nichtigkeiten verhaftet. Die Ungerechtigkeiten und irrationalen Entscheidungen, die das Leben in meinem Land bestimmen, haben mich wütend gemacht", gibt Laroui zu Protokoll. Sein Vater sei 1969 auf dem Weg zum Zeitungskiosk verschwunden und seither nicht wieder aufgetaucht. Bis heute wisse niemand, was er sich zuschulden haben kommen lassen.

Während des Arabischen Frühlings machte Laroui sich mit Zeitungskommentaren unbeliebt, in denen er voraussagte, dass auch die Verfassungsänderung das Leben der Menschen im Königreich Marokko nicht ändern werde. In seinem Roman "Die alte Dame in Marrakesch" greift er diese Kritik auf und entfaltet ihren Hintergrund: die 44-jährige französische Fremdherrschaft, die deutliche Spuren im politisch und kulturell instabilen Land hinterlassen hat.

Kaum wähnen Larouis Bilderbuchfranzosen Cécile und François sich glücklich, ihren Traum-Riad im Herzen Marrakeschs gefunden zu haben, stellt sich heraus, dass der Handel einen Haken hat: Eine Greisin sitzt regungslos zusammengekauert in einem der Hinterzimmer und wiederholt stoisch: "Die Christen sind gekommen, um mir meinen Sohn wiederzubringen!" Der Makler fühlt sich nicht verantwortlich, der französische Konsul ist machtlos, und auch die Polizei ergreift die Flucht vor der wirren Greisin. Nur dem Nachbarn, dem Geschichtsprofessor Mansour, gelingt es, sich mit ihr zu verständigen. In einem umfänglichen Manuskript, das er Cécile und François übergibt, will er die Angelegenheit aufklären.

Soweit die Rahmenhandlung, deren etwas nachlässig entworfene Figuren und oft hölzern wirkende Dialoge man dem Autor allein deswegen nachsieht, weil die Grundkonstellation seiner Geschichte durchaus gelungen ist. Im Manuskript des Geschichtsprofessors, das den Hauptteil des Romans ausmacht, erfährt man Wissenswertes über die französisch-marokkanische Geschichte. Die geheimnisvolle Greisin im Riad ist die Kinderfrau des Jünglings Tayeb, der einst das Versprechen abgelegt hatte, erst dann nach Hause zurückzukehren, wenn er die christlichen Invasoren aus seiner Heimat vertrieben habe.

Tayeb erlebt die tiefe Spaltung des Vielvölkerstaates in Befürwortern der Modernisierung an Seiten der Kolonialmächte und Verteidiger der Scharia-Ordnung. Mit den Truppen des Nationalhelden Abd al-Karim zieht er 1921 in den Krieg der Rif-Kabylen. Nach über 30 000 Kriegsopfern und dem Einsatz von Senfgas aus deutscher Lieferung ergeben sich die Rebellentruppen schließlich 1926. Das Ende, das Laroui seiner Figur bereitet, ist exemplarisch für die französische Kolonialgeschichte: Als einer von 90 000 marokkanischen Soldaten in den Reihen Frankreichs wird Tayeb in der Schlacht von Monte Cassino 1944 von einer deutschen Granate getroffen.

Seine packende Kolonialgeschichte hätte Fouad Laroui literarisch sorgfältiger gestalten, seine Figuren genauer ausarbeiten müssen. Immerhin: Nach der Lektüre der Aufzeichnungen ihres Nachbarn Mansour und dem plötzlichen Verschwinden der geisterhaften alten Frau im Hinterzimmer entscheiden sich François und Cécile dafür, dass ihr Riad als öffentliches Museum für die Kolonialgeschichte mehr Ruhe und Frieden stiftet denn als Refugium für die gestressten Seelen der Pariser Boheme.

Fouad Laroui: Die alte Dame in Marrakesch. Aus dem Französischen von Christiane Kayser. Merlin Verlag, Gifkendorf 2015. 197 Seiten, 22 Euro.