Chiarelettere ist nicht der einzige Verlag, der solche Bücher herstellt. In Italien hat sich geradezu ein eigenes Genre an Oppositionsliteratur gebildet. Angefangen hat diese Entwicklung vor rund 15 Jahren. Neben der traditionellen, politisch-sozialen Sachbuchreihe "Serie Bianca" von Feltrinelli tauchten plötzlich aggressiv aufgemachte Bücher des Kaos-Verlages auf - oft mit antiklerikaler Stoßrichtung.

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Der ehemals kommunistische Verlag Editori Riuniti machte sich dann mit den ersten kritischen Untersuchungen des Berlusconi-Imperiums einen Namen. Der im römischen Verlag erschienene Titel "L'odore dei soldi" (Der Geruch des Geldes) von Marco Travaglio führte 2001 zu einem Presseskandal, als die gerade wieder an die Macht gekommene Berlusconi-Regierung den Moderator einer Rai-Sendung abstrafte; er hatte Buch und Autor ausführlich vorgestellt.

Auch andere Journalisten erhielten Auftrittsverbote im staatlichen Fernsehen. Bestimmte Themen sollten in der Rai gar nicht mehr behandelt werden - von privaten Berlusconi-Sendern ganz zu schweigen. Zum ersten Mal machte damals der Begriff "Regime" die Runde.

Klatsch-Ministerium

In dieses "Informationsloch" stieß ein in Italien bereist totgesagtes Medium vor: das Buch. Die Rizzoli-RCS-Gruppe, ein Hüne im italienischen Verlagswesen, entwickelte die Reihe "Futuropassato" mit Untersuchungen über die Mafia, die Finanzwelt und die Politik - und wurde prompt zum Marktführer. Rund 50 Titel liegen bis heute vor, die Auflagen schwanken in der Regel zwischen 10.000 und 20.000 Exemplaren.

Der erfolgreichste Titel verkaufte sich bislang rund 1,2 Million Mal: Sergio Rizzo und Gian Antonio Stella trafen mit ihrer Analyse der "unantastbaren politischen Klasse" Italiens ("La casta") offenbar den Nerv der Leser. Man bohre, so der RCSHerausgeber Ottavio Di Brizzi, dort weiter, wo das Fernsehen und die Zeitungen nachzufragen aufhörten. Gerade Jugendliche seien an alternativen Informationsquellen interessiert.

Diese Bücher verdanken ihren Erfolg auch dem Internet. Chiarelettere hat ein "social network" eingerichtet (www.chiarelettere.it), in dem die Inhalte laufend aktualisiert werden und Leser Stellung nehmen können. Der Blog "Ich will aussteigen" (www.voglioscendere.it) von Peter Gomez, Marco Travaglio und anderen ist gerade mit dem internationalen Journalistenpreis "Premio Ischia" ausgezeichnet worden. Travaglio hatte bereits im April in Berlin den Preis der Pressefreiheit des Deutschen Journalistenverbandes erhalten. Peter Gomez sagt denn auch, ohne die Beschneidung der Pressefreiheit in Italien wäre der Boom dieser Bücher gar nicht möglich.

Und jetzt kommt "Papi". Es passt zum kulturellen Klima im Land, dass sich die Frage nach dem Stellenwert der Pressefreiheit in Italien ausgerechnet an einer Geschichte aus dem Klatsch- und Tratschbetrieb entzündet hat. Altan, der Karikaturist des römischen Wochenblattes L'espresso, hatte es bereits vor einem Jahr vorausgesehen: "Wir bräuchten ein Ministerium für Gossip - mit der Zuständigkeit auch für Zensur."

Seit dem Eintritt Berlusconis in die Politik kontrolliert er als Unternehmer nicht nur die wichtigsten privaten Fernsehsender (Mediaset), sondern übt als Regierungschef auch Einfluss aufs öffentlich-rechtliche Fernsehen aus. Das wurde deutlich, als kurz vor den Europawahlen der neue Nachrichtenchef von Rai Uno versuchte, Berlusconis Partyausschweifungen totzuschweigen.

Medien-Maulkorb

Derweil rief Berlusconi kürzlich Unternehmer dazu auf, keine Anzeigen in Zeitungen zu schalten, die regierungskritisch berichten. Umberto Eco kommentierte nun in L'espresso, das Problem Italiens sei nicht Berlusconi - sondern die Italiener, welche ihn wählen und seine Politik hinnehmen würden. Wenn in diesem Land die Pressefreiheit in Gefahr sei, dann deshalb, weil die Mehrheit der Italiener sich nicht dafür interessiere, so Eco. Er selbst wolle zu denen gehören, die nein sagen, auch wenn er wisse, dass das "überhaupt nichts nützt."

Eco spielt auf ein Gesetz an, das den Medien einen Maulkorb verpassen will. So sollen Informationen von polizeilichen Abhörmaßnahmen nicht mehr veröffentlicht werden. Es geht um Protokolle wie jenes, durch das bekannt wurde, wie Silvio Berlusconi sich bei dem mit ihm befreundeten Leiter der Fernsehspielabteilung der staatlichen Rai für Auftritte junger Schauspielerinnen starkgemacht hatte - und zwar zu einem Zeitpunkt, als die Prodi-Regierung 2006 kurzfristig die Macht übernommen hatte. Einige Abgeordnete der damaligen Regierungsmehrheit der linken Mitte hatten offensichtlich ein persönliches Interesse, den Damen Fernsehpräsenz zu verschaffen. Erfülle man ihren Wunsch, so Berlusconi am Telefon zum TV-Boss, könne man diese Abgeordneten vielleicht überzeugen, aus der knappen Prodi-Mehrheit im Senat auszuscheiden.

Bevor es endgültig verboten wird, solche Protokolle nicht nur im Wortlaut zu veröffentlichen, sondern auch ihre Inhalte und Hintergründe transparent zu machen, hat Gianni Barbacetto im Mailänder Melampo Verlag schnell ein Buch aus der Causa gemacht: "Se telefonando" ("Wenn sie telefonieren"). Untertitel: "Die Abhörprotokolle, die ihr nie wieder lesen werdet."

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  1. Wenn das Fernsehen schweigt
  2. Sie lesen jetzt Boom der Bücher
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(SZ vom 13.7.2009/rus)