Literatur Tödlicher Schatten

Die Frage nach dem unheimlichen Mörder ist in Provinzkrimis oft zweitrangig. Wichtiger scheint das Privatleben der Ermittler.

(Foto: Florian Peljak)

Viele bayerische Krimiautoren sind Serientäter - ein Festival beweist es

Von Sabine Reithmaier

Provinzkrimis bergen ein hohes Suchtpotenzial. Wie sonst ließe es sich erklären, dass Rita Falks skurriler Polizist Franz Eberhofer schon acht dicke Bücher lang seine Leser in Bann zieht. Obwohl er immer dieselben Sprüche drauf hat, langweilt er seine Fans nicht, genauso wenig wie Nicola Förgs Kommissarin Irmi Mangold, ebenfalls acht Fälle lang unterwegs. Da kann Harry Kämmerers renitent eigenwillige Kripo-Frau Andrea Mangfall nicht mithalten, sie ermittelt erst zum zweiten Mal. Und wie der Kunstfälscher Felix Ambach, eine neue Figur des Autorenduos Jörg Steinleiter und Matthias Edlinger ankommt, ist noch überhaupt nicht klar.

Sich Jahr für Jahr für dieselben Helden ein neues Verbrechen auszudenken - wird das nicht langweilig? Rita Falk winkt energisch ab. "Die sind mir in Fleisch und Blut übergegangen", sagt sie. Sie muss nicht darüber nachdenken, wie die "alte Schleimsau" - so nennt Eberhofer seinen Bruder Leopold - oder der "Gas-Wasser-Pfuscher" alias Installateur Flötzinger auf eine blöde Bemerkung reagieren würde. "Die Dialoge schreiben sich fast von selbst." Erleichtert hat das die Verfilmung der Krimis. "Seither habe ich Bewegungen und Gesten konkret vor Augen." Aber der Krimiplot - Rita Falk seufzt. Als sie ihrer Lektorin jüngst neue Mordpläne skizzierte, lehnte die gleich das Tatmotiv als bereits verwendet ab. "Waffen, Abläufe, familiäre Strukturen - ich muss aufpassen, mich nicht zu wiederholen." Seit dem "Leberkäsjunkie", Ebenhofers siebten Fall, seien die Zeiten vorbei, in denen sie unbelastet morden konnte.

Nicola Förg kennt dieses Problem nicht, auch weil das ständige Personal in ihren Krimis deutlich reduzierter ist. Während bei Falk der Alltag in Niederkaltenkirchen den Witz der Handlung ausmacht, sucht sich Förg jedes Mal ein gewichtiges Thema, meist spielen Umweltprobleme eine zentrale Rolle. "Immer etwas, das mich berührt, erschreckt, hilflos macht." Im jüngsten Buch "Scharfe Hunde" empört sich Mangold stellvertretend für Förg über den illegalen Welpenhandel, in den sie verstrickt wird, weil am Ende des Farchanter Tunnels ein ungarischer Lastwagen mit 53 Welpen umgekippt ist. "Falls ich tatsächlich kein Problem finden würde, an dem die Welt verzweifelt, gingen mir die Themen aus. Aber da alles irrer wird, ist die Wahrscheinlichkeit gering", sagt Förg.

Auch Jörg Steinleitner befürchtet keinen Mangel an Ideen. Seine Polizeihauptmeisterin Anne Loop, die fünf Mal am Tegernsee ermittelt hat, pausiert gerade. Dafür greift der Kunstfälscher Felix Ambach an. Nicht dass Steinleitner seine alte Figur nicht mehr mag, aber er braucht tatsächlich dringend Abwechslung. "Neue Zusammenhänge zu recherchieren, ist ein Abenteuer für mich." Auslöser für die neue sechsteilige Serie war der Fall des Kunstfälschers Beltracchi, der bis zu seiner Verhaftung 2010 mit seinen Bildern die Kunstwelt hinters Licht führte. Der Held, den Steinleitner und Co-Autor Matthias Edlinger erfunden haben, ist allerdings ein Holzbildhauer, kein Maler - "so ähnlich sollte es auch nicht sein". Ungewöhnlich ist die Konstruktion der Folgen. Jede endet mit einem Cliffhanger, den Ausgang der Schlussszene erfährt man erst im nächsten Buch. Das beim Verlag durchzusetzen sei nicht leicht gewesen, sagt Steinleitner. "Es weiß niemand, wie der Leser auf einen Krimi reagiert, der am Ende keine Auflösung bietet, sondern weitergeht."

Für das Autorenduo ist die Serie bereits abgeschlossen, auch wenn noch nicht alle Bände veröffentlicht sind. Steinleitner arbeitet an einem neuen Buch, in dem die Arbeit der Landeskriminalamt im Mittelpunkt steht. "Ich muss schnell schreiben, schließlich habe ich eine fünfköpfige Familie zu ernähren und bin noch nicht in den Bestsellerlisten." Der Jurist Steinleitner hat zwar noch seine Anwaltszulassung, lebt aber vom Schreiben.

Auch Rita Falk schreibt schnell. Drei, höchstens vier Monate braucht sie pro Band. Wenn sie mit dem Schreiben beginnt, hat sie alles fertig im Kopf. Vorher in der schreibfreien Zeit sammelt sie Ideen, hat überall Notizzettel liegen, spricht mit den Figuren. Den Zustand kennt auch Nicola Förg, die für einen Krimi ein halbes Jahr ansetzt. "Ich spreche mir die Dialoge gern während des Stallausmisten vor." Schreibblockaden kennt sie nicht. "Vermutlich weil ich als Journalistin gearbeitet habe und an Abgabetermine gewohnt bin."

Harry Kämmerer ist der einzige, der nicht vom Schreiben lebt, sondern hauptberuflich im Irisiana Verlag für Esoterikbücher, Kalender und Gesundheitsratgeber zuständig ist. "Ich schreibe immer irgendwie." Er ist ein scharfer Beobachter, seine Figuren haben oft einen realen Menschen als Vorlage. In seine witzigen Texte flicht er gern Gespräche ein, die er zufällig mitgehört hat. Die Realität sei oft lustiger als alles, was er sich ausdenken könne, sagt er.

Das Privatleben aller Serienhelden ist übrigens nicht ganz einfach. Eberhofer hat zwar Freundin Susi, inzwischen auch einen Sohn, aber seine massiven Bindungsängste sind noch nicht abgeklungen. Täten sie es, könnte es auch das Ende der Serie bedeuten. Die fast 60-jährige Irmi Mangold lebt mit Bruder auf einem Bauernhof, sieht ihren Freund Jens nur relativ selten. Dafür blieben ihr die Alltagsprobleme einer Beziehung erspart, findet Förg und bezweifelt, dass Irmi ein engeres Zusammenleben wünscht. Klar habe die Frau ein paar Einsamkeitsmomente, aber eigentlich lebe sie ganz gut so. Die Leserinnen fragten allerdings schon nach, wann sich Jens jetzt endlich von seiner Frau trennt, die Töchter, deretwegen er blieb, seien jetzt doch alt genug. "Mir signalisiert das, dass die Leser stark in der Figur drinnenstecken."

So weit ist Kämmerers Andrea Mangfall noch nicht. Die 31 Jahre alte Oberkommissarin der Kripo München lebt zwar auch mit ihrem jüngeren Bruder Paul zusammen, angeblich aber bloß vorübergehend, bis der Musiker wieder selbst Geld verdient. Aber die Wohngemeinschaft mit all ihren Konflikten gibt natürlich viel her für die Handlung, liefert das "Grundrauschen des Alltags", wie Kämmerer findet.

Schon länger nicht mehr aufgetaucht ist eine seiner älteren Serienfiguren, Kommissar Klaus Hummel, eigentlich der Liebling des Autors. Denn Hummel schreibt auch Krimis, die aber nicht unter seinem, sondern unter Kämmerers Namen erscheinen. Der sei in der Szene besser bekannt, fand Hummels Agentin in "Harte Hunde". Wie es dem schriftstellernden Kommissar weiter ergeht, hat Kämmerer längst aufgeschrieben, einen Plot zwischen einer Freundschaft Hummels und einem Mafia-Enthüllungsautor erfunden. Aber das Manuskript liegt noch, denn den Graf-Verlag, der die Serie um die Kommissare Mader und Hummel verlegte, gibt es seit März 2015 nicht mehr. Der neue Verlag plant die Fortsetzung erst im Juni 2018.

Im Moment bereiten die vier Autoren ihre Krimifestival-Lesungen vor. Wobei Lesung der falsche Ausdruck ist für die inszenierten Auftritte, teils mit Musik, teils mit Schauspielern. Rita Falk füllt schon zum vierten Mal den Circus-Krone-Bau. "Wenn ich denke, da waren die Beatles und die Stones und jetzt ich - das ist schon toll." Sagt sie und hofft, dass sie den Schlussapplaus durchsteht. "Wenn das Publikum immer solange klatscht, schießen mir vor lauter Rührung die Tränen in die Augen, ich muss dann furchtbar aufpassen, dass ich nicht losheule." Franz Eberhofer könnte das echt auch passieren.

Krimifestival München: Steinleitner & Edlinger: Ambach (Piper) - Die Krimi-Show, 23. März, 20 Uhr, Volkstheater; Mangfall ermittelt: Absturz (Volk-Verlag) mit Harry Kämmerer, Nina Krause, Musik von Reinhard Soll und Paul Kowol, 28. März, 20 Uhr, Drehleier; Scharfe Hunde (Piper) mit Nicola Förg & Michaela May, 4. April, 20 Uhr, Drehleier; Weißwurscht-Connection (dtv) mit Rita Falk & Christian Tramitz, 10. April, 20 Uhr, Circus Krone