Literatur Online Gassi gehen

Ist Johnny ein Guru, dem eine Menge junger Leute folgen würde, wenn sie wüssten, was er vorhat? In seinem Internet-Roman "Wir sind Kinder" schickt Armin Kratzert die Figuren auf die Suche nach der Realität.

Von Cornelius Wüllenkemper

Ist Johnny ein Guru, dem eine Menge junger Leute folgen würde, wenn sie wüssten, was er vorhat? Nelson jedenfalls, der Johnny erst seit Kurzem kennt und eigentlich nichts über ihn weiß, kann nicht umhin, ihn anzubeten. Nichts ist Johnny peinlich, er hat ein Vermögen mit Aktienhandel im Netz gemacht, die Frauen schauen ihm hinterher, obwohl er auf seinen Körper und seine Kleidung keine Sekunde achtet. Mit seiner raffiniert inszenierten Eitelkeit kommt er verdammt gut durchs Leben. Sein Credo: Was wir glauben wollen, müssen wir erfinden. Wir sind Gott. Wir alle sind Schöpfer dieser Geschichte und unserer Welt.

Ist Johnnys Erfolgsstory womöglich selbst bloß eine Fiktion, die er im Netz so lange in Umlauf brachte, bis sie zur Wahrheit wurde? Sein Bewunderer Nelson, ein gescheiterter Fotoreporter und Pseudo-Student auf der Suche nach Geld, ist jedenfalls überzeugt, dass Johnny eine Erfindung ist. Jetzt sitzt Nelson neben Johnny in dessen roten Mercedes und jagt in atemberaubendem Tempo durch die Stadt wie in einem Computerspiel: "So etwas gab es nicht in der Wirklichkeit. (...) Eine Elektrowolke, ein Programm, ein digitaler Albtraum. (...) Jemand hatte die Kontrolle übernommen", schießt es Nelson durch den Kopf, während Johnny sein Gewinner-Grinsen aufsetzt und erneut aufs Gas tritt.

Oft stellt sich in diesem Roman die Frage: Wie hängt das alles zusammen? Antworten gibt es

In Armin Kratzerts Roman "Wir sind Kinder" verwischen Virtuelles und Reales wie Fake News und echte Nachrichten. Der Autor verwendet das unerschöpfliche Reservoir von online kursierenden Informationen, Kolportagen, echten und erfundenen Identitäten, Erfolgsgeschichten und Realitätsgerüchten als literarisches Erzählmuster. "Wir sind Kinder" ähnelt der Ergebnisliste einer Internet-Suchmaschine, die nur dann Erkenntnisgewinn bringt, wenn man in der Lage ist, die Versatzstücke in einen Referenzrahmen einzuordnen. Dieser Referenzrahmen - und das macht Kratzerts rasant erzählte Geschichte ziemlich komplex - ist das Netz selbst.

Die wichtigsten Ergebnisse der Handlungs-Suchmaschine dieses Romans sind schnell aufgelistet. Johnny hat mit einer selbstprogrammierten Software ein Vermögen im Online-Geschäft gemacht, weil es ihm gelang, mit Aktien "eine Geschichte zu erzählen". Jetzt plant er etwas Großes gegen diejenigen, die das Netz kontrollieren und längst hinter ihm her sind. Denn "es muss unsere Welt bleiben. Wir sollten auf der Hut sein. Widerstand organisieren." Enno, der Sohn einer vermögenden Hoteliers-Familie, beauftragt Nelson, Johnnys Machenschaften zu beobachten und Bericht zu erstatten. Der freut sich zwar über die äußerst großzügige Gage, steht aber nach einem Besuch in Johnnys Depot irgendwo in den Bergen, in dem dieser 200 Liter gefährliche Chemikalien hortet, vor der Frage "Wie hängt das alles zusammen?"

Statt die Ziele der Verschwörung gegen Big Data zu enttarnen, setzt Nelson das Beziehungsgeflecht der handelnden Figuren zusammen und erkennt, dass er selbst nur als Zuschauer in einem Spiel fungiert. Aber was genau hat es mit Ennos Vater auf sich, einem prominenten Wissenschaftler, der an antikapitalistischen Gesellschaftstheorien und Maschinensprache forschte? Welche Rolle spielt Ennos betörende jüngere Schwester? Und wann ist aus der "Demokratisierungsmaschine" Internet eine "Geldmachmaschine" geworden? Es gibt auf alles eine Antwort in diesem Roman, aber wie plausibel sie ist, bleibt ungewiss.

Wie man mit der großen Netz- Maschine umgeht, weiß natürlich auch der Rechtspopulist Schiller

Doch damit nicht genug der Verwirrung. Immer wieder streut Armin Kratzert spontane Ideen oder bloße Stichwörter in die Erzählung ein, die wie Brandbeschleuniger der Erzählung wirken, von angewandter Kryonik bis zum Voodoo aus Westafrika, vom Autofahren im Alter bis zum steigenden Erfolg der Rechtspopulisten. Mancher Handlungsstrang wirkt etwa so wie die unvermeidlichen Fehltreffer bei der Internetrecherche, die irgendwie verlockend wirken, die man aber wegklickt, um das eigentliche Recherche-Ziel nicht gänzlich aus den Augen zu verlieren. Doch Vorsicht: Bei Kratzert laufen am Ende viele der diffusen Fäden zusammen.

"Wir sind Kinder" erzählt davon, wie mithilfe der großen Netz-Maschine jeder seine eigene Identität und Geschichte wie in einem Spiel ersinnen kann und dabei schnell vergisst, dass die Meta-Erzählung des Netzes längst das Steuer übernommen hat. Nur wer das verstanden hat, kann die Mechanismen für seine Zwecke nutzen. Das weiß natürlich auch der Rechtspopulist Schiller, eine ziemliche gelungene Persiflage auf reale Personen der aktuellen Politik. Treffsicher bringt der TV-Redakteur und Autor Kratzert Situationen und Gegenwartsbefunde Slogan-artig auf den Punkt. In schwindelerregender Fahrt scannt er die Online-Realität nach ihrer Relevanz für die echte Welt da draußen ab und demonstriert, wie untrennbar beide längst miteinander verwoben sind.

Armin Kratzert: Wir sind Kinder. Roman. Secession Verlag, Zürich und Berlin 2017. 156 Seiten, 20 Euro.