Literatur Nordkoreas erster literarischer Dissident

Das ganze Land ist eine Bühne und seine Bewohner verdammt dazu, eine Rolle zu spielen: Nordkorea, 1990: Soldaten auf dem Weg nach Pjöngjang.

(Foto: Vincent Yu/AP)

"Bandi" schreibt unter Pseudonym. Vor vier Jahren wurden seine Erzählungen aus dem Land geschmuggelt. Jetzt sind sie auf Deutsch erschienen.

Von Alex Rühle

Die Erzählung "Die Bühne" spielt kurz nach dem Tod Kim Il-sungs, ganz Nordkorea ist in Trauer, alle weinen um die Wette. Die Menschen hungern noch mehr als ohnehin schon, weil die Essensrationen nicht mehr ausgeteilt werden, schließlich würden derart profane Tätigkeiten wie Essensauslieferungen oder Einkaufen die Erinnerung an den Großen Führer beschmutzen. Außerdem hat keiner Zeit, Lebensmittel auszufahren, alle müssen entweder vor den Trauerschreinen in Schlangen stehen, die offizielle Losung lautet: "Wir trauern, bis Sonne und Mond vergehen." Oder sie sind unterwegs, um irgendwo in den Bergen noch Blumen zu finden, die Städte und das nähere Umland sind längst abgegrast, man muss vor dem Altar immer mit einem Strauß auftauchen.

Ein Mädchen namens Kim Suk-i, das mit seiner Klasse in ein abgelegenes Tal geschickt wurde, um dort Wildblumen aufzutreiben, wird von einer Schlange gebissen und stirbt. Einige Tage darauf sieht Yeong-Pyo, der immer ein treuer Parteisoldat war, die Mutter des verstorbenen Mädchens am Altar stehen und bitterlich um Kim Il-sung weinen. In dem Moment bricht etwas auf in ihm: "Es jagte ihm einen Schauer über den Rücken, diese Frau vor dem blumenbekränzten Porträt weinen zu sehen und klagen zu hören: ,Unser lieber Vater, der Große Führer!' Er war verblüfft, dass echte Tränen aus ihren Augen quollen. Er hätte sich nie träumen lassen, Teil eines solchen Schauspiel zu werden."

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Die Botschaft ist klar: Das ganze Land ist die Bühne, um die es im Titel der Erzählung geht. Eine Bühne, auf der alle Bewohner lebenslang dazu verdammt sind, eine Rolle zu spielen. Was sie über die Jahre so verinnerlicht haben, dass das Gespielte echt wird. Selbst eine Frau, deren einziges Kind einem absurden Trauerritual zum Opfer fiel, schluchzt während dieses Rituals so aufrichtig wie hemmungslos. Wenn aber alle nur vorgegebenen Text sprechen und vorgeschriebene Gefühle spüren, wer kann dann darüber wahrhaftig berichten? Wer also hat "Die Bühne" geschrieben?

Er nennt sich Bandi. Glühwürmchen. Vielleicht, weil er weiß, dass er als Autor für immer im Dunkel der Anonymität bleiben muss. Oder weil, wie er schreibt, in Nordkorea "jeder dazu verdammt ist, alleine in abgrundtiefer Nacht zu leben".

Als Familienangehörige in den Neunzigern vor Hunger starben, gingen Bandi die Augen auf

Die paar biografischen Daten, die Do Hee-yoon, der Vorsitzende der südkoreanischen NGO "Solidarität und Menschenrechte für alle nordkoreanischen Flüchtlinge", im Nachwort des Erzählungsbandes "Denunziation" herausrückt, sind selbst vielleicht erfunden oder verändert, um Bandi zu schützen. Diesen Angaben zufolge ist Bandi 1950 geboren, von 1970 an hat er erste Texte in nordkoreanischen Zeitschriften gedruckt. Er musste dann über viele Jahre in Fabriken Schwerarbeit leisten. Mehrere Familienangehörige starben während der großen Hungersnot Mitte der Neunzigerjahre, andere flohen ins Ausland. Angeblich gingen Bandi in dieser Zeit die Augen auf über das totalitäre Regime.

Die sieben Erzählungen, die in "Denunziation" versammelt sind, spielen alle zwischen 1989 und 1995, also in den letzten Regierungsjahren Kim Il-sungs. Angeblich ist Bandi bis heute Mitglied in der nordkoreanischen Schriftstellervereinigung. Wobei nordkoreanische Autoren natürlich keinerlei freie oder gar subversive Literatur schreiben können: Der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Brian Reynolds Myers, der an südkoreanischen Universitäten nordkoreanische Literatur lehrt, schreibt, es seien ihm aus Nordkorea keinerlei Samisdat-Texte bekannt. "Es gibt nicht einmal kritische Schriftsteller, so wie es Christa Wolf oder Uwe Johnson in der DDR gegeben hat", so Myers. Auch alle nordkoreanischen Flüchtlinge, mit denen er in Südkorea gesprochen habe, hätten ihm das bestätigt.

Insofern ist Bandis Erzählungsband "Denunziation" schon eine Sensation, wird hier doch, wenn man Do Hee-yoon glauben darf, erstmals von einem Nordkoreaner in literarischer Form über das Leben der kleinen Leute in Nordkorea geschrieben. 2013 wurden die sieben Erzählungen Do zufolge außer Landes geschmuggelt, auf 743 bleistiftbeschriebenen Seiten. 2014 erschien der Band erstmals in Südkorea, mittlerweile wurden Übersetzungen in 18 Sprachen verkauft.

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Die Frage ist natürlich, ob das wirklich sein kann oder das Ganze doch eher ein raffinierter literarischer Hoax ist. Do ist der einzige Gewährsmann, er hat sogar die Schmuggelroute organisiert. Mehrere Dissidenten, die das Manuskript begutachten durften, sagen aber, sie glauben an die Authentizität des Buchs. So verbürgte sich Kim Joeng-ae, die aus Nordkorea fliehen konnte und heute dem PEN-Club der exilierten nordkoreanischen Autoren angehört, für die Echtheit des Manuskripts. Unter anderem weil Bandi Worte benutzt, die es nur im Nordkoreanischen gibt. In Südkorea erschien das Buch mit 200 Fußnoten, weil viele Begriffe den Lesern in Seoul gar nicht verständlich gewesen wären.

Jede der Erzählungen trägt im Kern eine Anklage gegen das Regime, strukturell sind sie auffallend ähnlich gebaut. Auch das ist nordkoreanischen Dissidenten zufolge ein Indiz für die Authentizität, hat doch ausnahmslos jeder nordkoreanische Text der sogenannten Samen- oder Keim-Theorie zu entsprechen, der zufolge alle Werke eng um einen ideologischen Kern herum geschrieben sein müssen - das Besondere ist hier eben nur, dass der Kern diesmal die Kritik an ebenjener offiziellen Ideologie ist. Ein alternder Parteikader sieht in der eingangs erwähnten Erzählung plötzlich hinter die Kulissen des staatlich gelenkten Trauerschauspiels. Ein Mann will seine sterbende Mutter noch einmal besuchen, bekommt aber keine Reisegenehmigung und macht sich trotzdem auf den Weg. Ein zweijähriger Junge fürchtet sich so vor den riesigen Propagandabildern von Karl Marx und Kim il-Sung, die von seinem Zimmer aus zu sehen sind, dass seine Mutter am Tag der Militärparade die Vorhänge schließt.

Allen Hauptfiguren ist gemeinsam, dass sie keine Chance haben. Der Mann, der seine Mutter noch mal sehen möchte, wird erwischt, die Mutter, die es wagte, die Vorhänge zuzuziehen, wird mit ihrem Mann und dem Kind ins Nirgendwo verschickt, der Parteifunktionär, der plötzlich erkennt, in welcher monströsen Inszenierung er sein Leben verbracht hat, erschießt sich. In fast jeder Glühwürmchen-Erzählung gibt es Tiervergleiche, mal sind die Menschen winzige Insekten, mal Fliegen in einem Spinnennetz, mal Feldhasen, die vergeblich versuchen, in einem ihrer Löcher zu verschwinden. Paragrafen und Ämter hingegen haben eine schier metaphysische Größe. "Paragraf 149! Was für eine fürchterliche Zahl! 149! Wie ein Brandzeichen, mit dem man Tiere unwiderruflich kennzeichnet!", sagt eine Frau, als sie entdeckt, dass ihr Mann mit Sippenhaft belegt ist. Von ferne grüßt Raum 101 aus Orwells "1984", jene Schreckenskammer im "Ministerium der Liebe", in der jeden seine persönliche Hölle erwartet.

Wer auch immer sich hinter dem "Glühwürmchen"-Pseudonym versteckt, es wird bald mehr von ihm zu lesen geben: Zusammen mit den sieben Erzählungen soll Bandi auch einen Gedichtband außer Landes geschmuggelt haben, der gerade übersetzt wird.

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